Steinbach am Wald
Bahnhofsgeschichte

Bahnhof Steinbach am Wald: Der Startpunkt für die Culemeyer-Fahrten

Am Bahnhof Steinbach war die deutsche Teilung präsent. Wegen der Sowjetsperre der Tettauer Nebenbahn fuhren Güter ab hier auf der Straße.
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Am Bahnhof von Steinbach am Wald gab es nicht nur Anschlussgleise für die dortigen Industriefirmen. Nein, hier wurden auch die Culemeyer-Fahrzeuge mit der Fracht für die Betriebe im Tettauer Winkel versorgt. Foto: Andreas Schmitt
Am Bahnhof von Steinbach am Wald gab es nicht nur Anschlussgleise für die dortigen Industriefirmen. Nein, hier wurden auch die Culemeyer-Fahrzeuge mit der Fracht für die Betriebe im Tettauer Winkel versorgt. Foto: Andreas Schmitt
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"Wir haben oft Reifen verloren. Es herrschte mit der Zeit Knappheit. Deshalb haben wir einmal einen Anhänger mitten im Wald stehen lassen und als Ersatzteillager für die anderen benutzt, um weiter fahren zu können", erinnert sich Joseph Reuth. "Unser Chef konnte das nicht glauben, wir mussten am nächsten Tag zum Rapport."

Die Frankenwaldbahn: Ein Abbild der Geschichte

Es sind Geschichten wie diese, die den Job von Joseph Reuth, Heinrich Wicklein und einem halben Dutzend anderer mitunter abenteuerlich machten. Sie fuhren nicht nur Güter von A nach B. Die Culemeyer-Fahrer waren im Frankenwald jahrzehntelang die Lokführer der Landstraßen.

Im Zweischichtsystem rollten die Transporte an normalen Tagen von 5.30 bis 22 Uhr über den Rennsteig. "Manchmal mussten wir am Steinbacher Bahnhof aber erst einen halben Meter Schnee räumen", erinnert sich Heinrich Wicklein, dass nicht immer alles normal lief.

Der heute 64-Jährige war von 1980 bis 1987 der jüngste Fahrer der Culemeyer (siehe unten). "Das war meine schönste Zeit bei der Bahn", sagt Wicklein, der 44 Jahre lang im Unternehmen war.

Die Transporte hielten die Glas-, Holz- und Porzellanindustrie im Tettauer Winkel auch nach der Sperre der deutsch-deutschen Grenze am Leben. "Das Schwierigste war das Wetter", erinnert sich Joseph Reuth, der ab 1969 mit den Achtachsern unterwegs war - 17 Jahre lang. "Teilweise mussten wir nach Kleintettau auf der linken Straßenseite fahren, weil es abschüssig war. Sonst wären wir umgekippt."

Der Bahnhof in Kronach: Ein Ort für Nostalgiker

Warum gab es die Culemeyer-Fahrten? Die Ursache liegt in der deutschen Teilung. Die Lokalbahn, die seit 1903 von Pressig nach Tettau führte, verlief teilweise durch sowjetisches Gebiet. Zwischenstationen waren Welitsch, Heinersdorf, Rappoldsburg, Schauberg, Sattelgrund und Alexanderhütte. Die Glas- und Porzellanfabriken waren auf die Anlieferung von Kohle, Soda, Gips, Porzellan, Ton- und Kapselerde, Feldspat, Sand, Salpeter oder Glasscherben angewiesen.

Zunächst fuhren "Korridorzüge"

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Bahnverkehr zunächst am 14. April 1947 nach abgeschlossenen Brückenreparaturen mit den "Korridorzügen" weiter. Sie fuhren zwischen Heinersdorf und Schauberg durch die sowjetische Zone. In Heinersdorf wurde der Zug oft willkürlich gestoppt. Alle Reisenden wurden kontrolliert und nicht wenige mussten aussteigen und in der nahen Unterkunft der russischen Soldaten zum Kartoffelschälen antreten.

Frankenwald-Drehscheibe: Betriebswerk Pressig war Heimat der Schubloks

Im Mai 1952 stellten die Sowjets den Zugverkehr ein. Der nordwestliche Landkreis-Zipfel stand vor der Existenzfrage. Der Westen reagierte: Schon am 3. Juni 1952 begann der Ausbau der Rennsteigstraße. Die Fracht in Steinbach aus den Zügen in Lastwagen umzuladen, gefiel der Bahn aber gar nicht. Sie schlug Culemeyer-Fahrten vor.

Am 1. Juli 1952 begann der Betrieb auf den zwölf Kilometern zwischen Steinbach und Alexanderhütte, wo die Güterwaggons wieder auf die Schienen gesetzt wurden. Eine Dieselkleinlok übernahm und verteilte sie an die Unternehmen. Ein kurioser Eisenbahn-Inselbetrieb.

Viel mehr los als heute war damals auch am Steinbacher Bahnhof. "Hier hatten die Firma Wiegand und die Güterhalle einen Schienenanschluss", erinnert sich Rangiermeister Adam Fehn, der sich für unsere Redaktion zusammen mit den ehemaligen Culemeyer-Fahrern Reuth und Wicklein - alle drei wohnen in Pressig - am Verladegleis an die alten Zeiten erinnert.

"Wir hatten das ganze Jahr Arbeit, es war eine gute Gruppe und wir haben nicht schlecht verdient", sagt Joseph Reuth rückblickend. Und auch Heinrich Wicklein würde sich wieder zur Fahrt mit den Achtachsern bewerben. "Jederzeit. Ich musste keinen Fernverkehr mehr fahren - und konnte zurück in die Heimat."

1983 führte der schlechte Streckenzustand zur Einstellung des Zugverkehrs zwischen Alexanderhütte und Tettau. Die Kleinlok rangierte nur noch in Alexanderhütte. 1987 gab die Bahn die Transporte an die Firma Söllner (Kleintettau) ab. Die allerletzte Culemeyer-Fahrt war am 31. Mai 1996. Der Betrieb wurde wegen hoher Kosten und immensem Aufwand eingestellt.

Rund um den Culemeyer

Begriff Der Straßenroller, umgangssprachlich nach seinem Erfinder Johann Culemeyer benannt, ist ein Anhänger zum Transport von Eisenbahnwagen auf der Straße.

Häufigkeit In der Bundesrepublik kamen an gut 120 Orten Straßenroller zum Einsatz, in der DDR noch einmal in ähnlich vielen Städten. Der Einsatz im Frankenwald war einer der größten. Im Februar 1977 gab es die 50 000. Culemeyer-Fahrt - das entspricht einer Strecke von 40 Erdumrundungen. Bis 1986 ergaben sich 66 518 Fahrten.

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