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Mitwitz
Flucht

Bäuchlings über das Minenfeld in die Freiheit

Vor 54 Jahren gelang Werner Fischer eine spektakuläre Flucht aus der DDR unweit von Mitwitz. Er hatte unbeschreibliches Glück.
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Hier, so erinnert sich Werner Fischer noch heute, sei er durchs Minenfeld gerobbt.Friedrich Bürger
Hier, so erinnert sich Werner Fischer noch heute, sei er durchs Minenfeld gerobbt.Friedrich Bürger
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Natürlich ist das alles schon lange her und es ist Gras darüber gewachsen. Dennoch kommt Werner Fischer nicht zur Ruhe, wenn er an den 18. Oktober 1965 denkt, einen Herbsttag wie jeder andere, doch nicht für ihn. Es sprudelt aus ihm heraus, als wäre es gestern gewesen, jedes Detail ist ihm noch gewärtig: die Idee zur Flucht, der Fluchtweg, die tödliche Gefahr des Minenfeldes und genau die Stelle des Grenzübertritts in der Nähe des Föritz-Flusses zwischen Sichelreuth und Schwärzdorf unweit Mitwitz. Dass er überlebt hat, grenzt an ein Wunder; er hatte einfach nur unbeschreibliches Glück.

Werner Fischer wurde 1946 in Sichelreuth (heute Ortsteil der Gemeinde Föritztal), Kreis Sonneberg, geboren. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt seit 2008 wieder in seiner angestammten Heimat in Südthüringen. Seine Eltern Hugo und Hilde Fischer betrieben ein landwirtschaftliches Anwesen sowie die einzige und private Gastwirtschaft im Dorf.

Oberschule blieb verwehrt

Zunächst verbrachte Werner Fischer eine unbeschwerte Kindheit, besuchte die Grundschule im Nachbarort Lindenberg, erhielt 1958 die Jugendweihe und wurde im Mai 1960 in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Neuhaus-Schierschnitz konfirmiert. Das war zur damaligen Zeit in der DDR nicht gern gesehen. Ein halbes Jahr vor seinem Schulabschluss an der Polytechnischen Oberschule in Neuhaus-Schierschnitz erhielt er die Mitteilung, dass er im Anschluss nach dem Schulabgang nicht auf die EOS (Erweiterte Oberschule) Sonneberg dürfe, obwohl das für Mitschüler mit schlechteren Noten, aber systemtreuen Eltern ermöglicht wurde. Eine Ausbildung zum Elektriker schloss sich an.

Der Gedanke, ja der Wille, aus dem beengten und bevormundenden, letztlich erdrückenden SED-System des DDR-Staates auszubrechen und über die nahe gelegene innerdeutsche Grenze bei Sichelreuth in den Westen nach Schwärzdorf (heute Ortsteil der Marktgemeinde Mitwitz) in die Freiheit zu fliehen, reifte und wurde zunehmend stärker. Wenngleich das Risiko eines sogenannten unerlaubten Grenzübertrittes mit den womöglich tödlichen Konsequenzen zunächst den Jugendlichen noch abschreckte. Doch der unbändige Wunsch nach einem anderen, freieren Leben nahm überhand und mündete in einer extrem gefährlichen Flucht aus der DDR.

Der 18. Oktober 1965 war der entscheidende Tag in Werner Fischers Leben: In aller Frühe machte er sich auf, schlich sich aus dem Elternhaus, traf heimlich und in aller Stille seinen Schulkollegen Harald Leipold, der sich im Grenzgebiet sowie mit den Gegebenheiten des Geländes und mit den Grenzsicherungsanlagen angeblich bestens auskannte. Die beiden jungen Männer bewegten sich nun in Richtung der Sichelreuther Teiche und damit zur damals schon von der DDR stark gesicherten und von Grenztruppen bewachten innerdeutschen Grenze. Mit einem Seitenschneider ausgerüstet, näherten sich die beiden Flüchtenden dem Minenfeld und dem Grenzzaun.

Plötzlich auf sich gestellt

Die beiden Sichelreuther, die sich vorübergehend aus den Augen verloren hatten und plötzlich allein auf sich gestellt waren, robbten jeweils unter Lebensgefahr bäuchlings durch den verminten Geländestreifen und überwanden auch noch das letzte Hindernis mit dem Durchschneiden der unteren Drähte des Zaunes. Zum Glück und wie durch ein Wunder ohne größere Blessuren! Noch ein paar Meter, dann waren die blau-weißen bayerischen Grenzpfähle in der Morgendämmerung zu erahnen und das Gebiet der Schwärzdorfer Wustungen in Reichweite.

Als die ehemals landesherrlichen Grenzsteine (bezeichnet mit HM=Herzogtum Meiningen und KB=Königreich Bayern), die damals die eigentliche Grenzlinie zwischen der DDR und der Bundesrepublik markierten, in Reichweite waren, kannte der Jubel keine Grenzen. Erster Anlaufpunkt war die Bätzenwustung von Familie Bauer. Umgehend wurde die Zollstation im nahe gelegenen Neundorf informiert. Nach einer Stärkung und mit dem befreienden Gefühl, endlich sicher im Westen angekommen zu sein, begab man sich voller Erleichterung alsbald in die Hände der bayerischen Grenzer.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Notaufnahmelager Gießen kehrte Werner Fischer zu Bekannten in unsere Region zurück und konnte, diesmal auf der bayerischen Seite des "Eisernen Vorhangs", sein "neues Leben" im Kreis Coburg starten.

Worin aber lagen die Gründe, warum der damals 19-Jährige unter Einsatz seines Lebens die DDR verlassen hat? Zunächst einmal, so Werner Fischer im Rückblick heute, wurde ihm die Möglichkeit vonseiten des SED-Staates verwehrt, die gewünschte schulische bzw. berufliche Laufbahn mit Abitur und Studium anzugehen. Da er sich zudem schon damals recht selbstbewusst sowie zuweilen etwas eigenwillig zeigte und auch die angetragene FDJ-Leitung nicht übernehmen wollte, galt er als "politisch unzuverlässig". Hinzu kam, dass seine Eltern schon seit altersher selbstständig waren, sie führten ja den privaten Gasthof "Zum Goldenen Adler", und diesen Status auch verteidigen wollten. Damit machte sich die Familie Fischer im sozialistischen Staat sowieso schon verdächtig.

Das Fass zum Überlaufen brachte aber die Forderung von zwei Stasi-Mitarbeitern, ausgesprochen im Zimmer des damaligen Schuldirektors, Werner Fischer solle über die unbedachten Äußerungen einiger Wirtshausgäste berichten und diese damit letztlich denunzieren. Auch das Erscheinen der Staatssicherheit in der Gastwirtschaft bei einer anderen Gelegenheit löste bei Familie Fischer Ängste aus. In solch einem System von Bespitzelung, Verrat und politischem Druck konnte und wollte Werner Fischer nicht länger bleiben. Er sah damals nur einen Ausweg: die Flucht in die Bundesrepublik.

Die Stasi-Akte

Nach der deutschen Wiedervereinigung hatte Werner Fischer die Möglichkeit, seine Stasi-Akte einzusehen und sich Kopien anfertigen zu lassen. In dem umfänglichen Ordner, den sich der Sichelreuther zwischenzeitlich angelegt hat, findet sich u.a. auch die folgende trockene Aktennotiz über seine "Straftat": Delikt: gelungener ungesetzlicher Grenzübertritt aus der DDR in den Westen durch Überwinden der Grenzsicherungsanlagen. Tatort: Grenzgebiet des Kreises Sonneberg.

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