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Autonomes Fahren: Valeo testet in Neuses bei Kronach die Autos der Zukunft

Kronach in Oberfranken spielt beim Thema Autonomes Fahren eine wichtige Rolle. Valeo testet von Neuses aus Autos der Zukunft. Das schlechte Mobilfunknetz in der Region stört aber.
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Hände hoch - und trotzdem sicher weiterfahren. Valeo  testet diese  Vision  auch von seinem Standort in Neuses bei Kronach aus. Foto: Archiv/Marian Hamacher
Hände hoch - und trotzdem sicher weiterfahren. Valeo testet diese Vision auch von seinem Standort in Neuses bei Kronach aus. Foto: Archiv/Marian Hamacher

Auto fahren ganz ohne Stress. Einfach mal entspannt zurücklehnen, einen Film schauen, am Handy tippen. Und dann ein kleines Nickerchen. Ja, Sie haben natürlich Recht: Das ist heutzutage nicht nur undenkbar, sondern auch verboten. In einigen Jahren aber könnte das aber anders aussehen.

"Shuttles werden in den nächsten zwei Jahren verstärkt kommen. Autonom fahrende Serienautos könnten 2025 durch die Stadt kurven", sagt mit Jörg Schrepfer einer, der an der Entwicklung der Autos der Zukunft federführend beteiligt ist.

Fahrerloses Fahren: Landkreis Kronach wird Testregion

Schrepfer ist Leiter der deutschlandweiten Fahrassistenzforschung des Automobilzulieferers Valeo und gleichzeitig Chef des Standortes Neuses bei Kronach. 72 Ingenieure und zehn Studenten arbeiten vor den Toren der Kreisstadt, sieben Testfahrzeuge kurven von dort aus durch die Region. Darin sitzen extra ausgebildete Fahrer, die eingreifen könnten, in der Regel aber die Hände nicht am Lenkrad haben.

Der französische Konzern, der weltweit über 111.000 und in Franken über 4000 Mitarbeiter hat, ist einer der Vorreiter in Sachen autonomes Fahren; befindet sich sozusagen in der Formel 1 der Fahrerlosen.

Großer Auflauf in Paris

Im Oktober ließ die Firma anlässlich des Pariser Autosalons einige Prototypen durch den dichten Verkehr der französischen Hauptstadt fahren. Fernsehteams aus aller Welt hatten das Ereignis begleitet - und die Mitarbeiter in Neuses im Vorfeld daran mitgewirkt. "Wir haben einen großen Schritt nach vorne gemacht", sagt Schrepfer.

Rückblick: Bereits seit Juni 2017 testet Valeo das autonome Fahren auf dem vierspurigen Abschnitt der B173 zwischen Neuses und Kronach. Mittlerweile wurde die Erlaubnis für die Testfahrten auf ganz Deutschland ausgeweitet. Valeo-Fahrzeuge sind seitdem auch auf anderen Straßen im Landkreis und vor allem auf Autobahnen unterwegs. Schrepfer: "Serienreifes autonomes Fahren auf Autobahnen könnte es 2020 geben."

Testfahrten durch Kronach schon ab 2019?

In Innenstädten ist das Ganze komplexer, die Gefahrenherde vielfältiger. "Wir lassen gerade eine hochauflösende Navigationskarte für Kronach erstellen", berichtet der Neuseser Werkleiter. Ab Anfang 2019 sollen die Testfahrten verstärkt ins Innere der Kreisstadt verlagert werden.

Grundlage der Fahrten bildet die Tatsache, dass die Technik der Fahrzeuge die Gegend, durch die es geht, genau kennt. Alle weiteren Unwägbarkeiten - andere Fahrzeuge, Hindernisse, Ampeln - erkennen Sensoren. Über 30 Kameras, Laser oder Radare, alle von Valeo entwickelt, sorgen für Rundumblick.

Für Autonomes Fahren braucht man flächendeckend schnelles Internet

Und so könnten selbstfahrende Autos und Busse, die das Verkehrsnetz entlasten und gerade in ländlichen Landstrichen die Mobilität der alternden Bevölkerung erhöhen, schon bald möglich sein. Eines braucht es dazu aber: die passende Infrastruktur.

"Nur mit einer flächendeckenden 5G-Netzabdeckung aller Verkehrswege lässt sich das Potential des vernetzten und automatisierten Fahrens voll ausschöpfen", sagt Joachim Damasky, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA).

Die nächste Funkgeneration

5G - das ist die nächste Mobilfunkgeneration, deren Lizenzen demnächst durch die Bundesnetzagentur versteigert werden. Die Antwortgeschwindigkeit des drahtlosen Mobilfunknetzes würde von heute 40 bis 60 Millisekunden auf eine Millisekunde reduziert und damit Echtzeit-Übertragungen ermöglicht.

Widerspruch: Der Entwurf zur Versteigerung sieht vor, dass Mobilfunkanbieter 98 Prozent der deutschen Haushalte versorgen müssen. Was sich viel anhört, ist relativ: Denn 98 Prozent der Haushalte erstrecken sich auf lediglich 80 Prozent der Landesfläche. "In Großstädten bauen die Anbieter freiwillig aus, im Frankenwald nicht", vermutet Thomas Zapf, bei der IHK für Oberfranken in Bayreuth für Strukturpolitik zuständig.

Mobilfunk: Landkreis Kronach hinkt hinterher

Und der Landkreis Kronach hinkt in Sachen Mobilfunk schon jetzt hinterher. Ist eine Mindestbandbreite von sechs Megabit pro Sekunde die Grundlage (das wäre 4G-Standard) zeigen sich in zwölf von 18 Kommunen weiße Flecken.

Und das, obwohl VDA-Geschäftsführer Damasky 5G als Grundvoraussetzung des autonomen Fahrens sieht: "Eine verzögerungsfreie Funktion aller vernetzten Systeme muss selbstverständlich sichergestellt sein."

Dass es ohne 5G kein autonmes Fahren gibt, geht Jörg Schrepfer von Valeo zu weit: "Wenn die Signale nicht von außen kommen, muss das Auto eben mehr Informationen bereits mitführen." Doch einfacher wäre das Entwickeln des fahrerlosen Kurvens natürlich mit 5G. "Dann könnten sich Autos untereinander austauschen, man wüsste schneller, wenn es einen Stau oder Unfall gibt."

Deshalb will Valeo nicht warten. Schrepfer: "Vielleicht können wir unabhängig von den Lizenzen lokale 5G-Masten im Kreis aufstellen. Wir verhandeln gerade Fördergelder." Gelänge das, könnte der Kreis Kronach dank der Forschung zum fahrerlosen Fahren auch beim Mobilfunk Vorreiter werden.

Der Kreis Kronach: Vorreiter und Nachzügler zugleich

Valeo Auf der B173 begannen die Tests, die bald ausgeweitet werden - in die Kronacher Innenstadt und am Südkreisel, auf dem ein Laserscanner installiert werden soll, um die Auswirkungen der Referenzsensorik anderer Objekte zu testen.

CIK Der Ideengeist des "Campus Innovations Kultur" in der Kronacher Industriestraße unterstützt die Neuseser Experten und bringt wichtige Kontakte.

Drahtlose Netze Sie sind im Kreis verbesserungswürdig. 4G-Standard erreichen laut Breitbandatlas 75 bis 95 Prozent der Haushalte. In Wilhelmsthal und Marktrodach sind es 50 bis 75, in Reichenbach und Tschirn nur zehn bis 50 Prozent. Mancherorts gibt es auch kein 3G.

Kommentar von unserem Redaktionsmitglied Andreas Schmitt: Deutschland ist nicht nur Großstadt

Bei den Versteigerungs-Modalitäten der 5G-Mobilfunklizenzen sollten sich Politik und Bundesnetzagentur konsequent zeigen. Denn wer autonomes Fahren gut findet, muss den flächendeckenden Ausbau der drahtlosen Breitbandversorgung wollen. Alles andere würde die ungleichen Lebensverhältnisse zwischen Metropolen und Land verstärken.

Und Deutschland ist nicht nur Großstadt, lebt von Vielschichtigkeit. Zwar wohnen immer mehr Menschen in Ballungsräumen. Und ein gewisses Ungleichgewicht ist normal, ein verspäteter Ausbau in der Peripherie sicher legitim. Von vornherein aber zu gestatten, ganze Regionen von der Technik auszuschließen, fördert die Landflucht.



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