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Kronach
Gericht

Aussage am Kronacher Amtsgericht unter Drogeneinfluss

Drei Freunde sollen einen Bekannten brutal verprügelt haben. Doch das vermeintliche Opfer verstrickt sich in Widersprüche.
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Auf dem Kronacher Marienplatz soll das Trio sein Opfer so lange verprügelt haben, bis die Polizei eintraf. Foto: Sandra Hackenberg
Auf dem Kronacher Marienplatz soll das Trio sein Opfer so lange verprügelt haben, bis die Polizei eintraf. Foto: Sandra Hackenberg

"So war's dann auch. So oder so ähnlich", fasst der 23-Jährige seine Aussage treffend selbst zusammen. Er sollte als Zeuge vor dem Kronacher Amtsgericht gegen seine drei Bekannten aussagen, galt laut Anklageschrift als Opfer. Doch der merkbar unter Drogeneinfluss stehende Mann wirft zum Prozessauftakt mehr Fragen auf als er beantwortet.

Es sind schwere Vorwürfe, die gegen das junge Trio aus dem Kreis Kronach im Raum stehen: Sie sollen ihren Bekannten in einer Juni-Nacht 2018 auf offener Straße brutal verprügelt und erst von ihm abgelassen haben, als die Polizei eintraf. Von dutzenden massiven Schlägen und Tritten gegen Oberkörper und Kopf ist in der Anklageschrift die Rede, die Staatsanwalt Michael Koch am Dienstag im Sitzungssaal verliest.

Mehrmals soll ihr Opfer geflüchtet sein, immer wieder hätten sie es eingeholt und erneut losgeprügelt - selbst als es wehrlos und zusammengekauert am Boden gelegen hat. Auch einen Kumpel ihres Bekannten sollen sie zwischenzeitlich in die Mangel genommen haben, als dieser schlichten wollte.

Für die beiden arbeitslosen Männer (22 und 24 Jahre alt) und eine 24 Jahre alte Heilerziehungspflegerin steht viel auf dem Spiel. Sollten sie wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt werden, drohen langjährige Haftstrafen. Zur Sache äußern möchte sich jedoch keiner von ihnen.

Umso wichtiger ist es für das Gericht, dass das vermeintliche Opfer K. die Attacke in besagter Nacht so detailliert wie möglich beschreibt. Davon kann jedoch keine Rede sein. "Im Endeffekt war's ziemlich harmlos." Der Anlagenmechaniker zuckt mit den Schultern. "Es war eine Rangelei, die sich bis zum Marienplatz hingezogen hat. Vielleicht gab's mal einen Tritt gegen den Körper. Gefehlt hat mir nix weiter."

Gerüchte waren Auslöser

Auslöser für die Auseinandersetzung seien Gerüchte gewesen, die von der Angeklagten verbreitet wurden. "Sie hat gegen mich gehetzt in den Sozialen Medien und behauptet, dass ich sie mit drei Freunden verprügelt hätte." Das sei aber nie passiert. "Wenn es heißt, man hat ein Mädchen zusammengeschlagen, ist das rufschädigend." Der 23-Jährige beteuert jedoch , dass das Kriegsbeil inzwischen begraben ist: "Ich bin kein Mensch, der nicht loslassen kann. Deswegen muss hier keiner bestraft werden."

In der Aussage, die K. kurz nach der Tat bei der Polizei gemacht hat, klang seine Beschreibung noch etwas anders: Nachdem er den Angeklagten zufällig gegen 3.50 Uhr vor einer Kronacher Bar über den Weg gelaufen sei, hätten ihn die drei angegriffen und immer wieder mit Fäusten auf ihn eingeschlagen.

K. sei geflüchtet, doch seine Verfolger hätten ihn immer wieder eingeholt. Auf dem Marienplatz sollen sie den 23-Jährigen erst zu Boden geprügelt und dann immer weiter auf ihn eingetreten haben - gegen den Oberkörper und den Kopf.

Ein Arzt im Krankenhaus hat dem jungen Mann am darauffolgenden Tag eine leichte Gehirnerschütterung, eine Prellung an der Hand sowie multiple Hämatome an Kopf und Stirn attestiert. Außerdem zierten zahlreiche Schürfwunden seine Knie und Unterschenkel. "Das sah für die Polizeibeamten im Endeffekt schlimmer aus als es war", behauptet der Zeuge nun eineinhalb Jahre später. "Das Ärgerlichste an dem Abend war, dass die H. dabei meine Kette zerrisen hat." Wann wer zugeschlagen hat, daran kann er sich laut eigener Aussage ("Ich bin zur Zeit ein bisschen verwirrt") nicht mehr erinnern.

Das kauft ihm Richterin Claudia Weilmünster nicht ab: "Sie schildern die Fußtritte so, als ob Sie ein bisschen gestreichelt worden wären. Damals bei der Polizei war ihnen das nicht so einerlei. Wissen Sie noch, dass Sie damals eine detaillierte Aussage gemacht haben?" Darauf reagiert K. mit Staunen und großen Augen: "Ja?"

Showeinlage auf dem Fußboden

Wie K. auf dem Boden in Schutzhaltung gegangen ist, hat er jedoch noch gut in Erinnerung - und demonstriert das, indem er sich theatralisch auf den Fußboden des Sitzungssaals wirft. Als ihn die Richterin fragt, ob er vor seiner Aussage bei der Polizei Drogen konsumiert hat, antwortet er unumwunden: "Ne, ausnahmsweise mal nicht, denke ich."

Dass er während seiner Aussage unter dem Einfluss berauschender Substanzen steht, steht für die Anwesenden jedoch außer Frage: "Ich habe Zweifel an der Vernehmungsfähigkeit des Zeugen", spricht der Verteidiger eines Angeklagten Andreas Kittel aus, was alle anderen im Sitzungssaal denken.

Auf die Frage, ob er in den vergangenen Tagen Drogen konsumiert hat, gibt K. nach eindringlichem Drängen des Staatsanwalts ("Was haben Sie denn? Eiern Sie doch nicht so rum!") doch noch zu: "Ja, hab' ich, heute Nacht. Kokain hab ich konsumiert. Und Crystal. Und Amphetamine."

Bevor die Richterin überlegen kann, ob sie die Sitzung vertagen soll, kommt ihr der Zeuge zuvor: "An meiner Vernehmungsfähigkeit wird sich nix ändern, wenn wir das vertagen." Weilmünster hakt nach: "Ist dass Ihr Standardpegel oder wie soll ich das verstehen? Dröhnen sie sich dann davor wieder zu?" K. entfährt daraufhin ein trockenes Lachen: "Ich hab' nicht mal mehr gewusst, dass heute der Verhandlungstermin ist."

Nach über eine Stunde beendet die Vorsitzende das Trauerspiel und entlässt das vermeintliche Opfer. Bis zur Urteilsverkündung am 12. Februar sind vier weitere Verhandlungstage angesetzt, an denen das zweite vermeintliche Opfer und weitere Zeugen noch Licht ins Dunkel bringen könnten.

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