Zum Panoramabild des Melchior-Otto-Platzes gehört die St.- Anna-Kapelle, ein dreigeschossiger Bau nordöstlich der Stadtpfarrkirche. Fest steht, dass die - harmonisch in den Stadtmauerring der Altstadt eingefügte - Kapelle 1509 unter Georg III., Erbschenk von Limburg, Fürstbischof von Bamberg erbaut wurde. Sein Wappen befindet sich an der Ostfassade. Als eines der kirchlichen Lieblingswerke der Kronacher thront die Kapelle auf den Mauern des ehemaligen "Zwingers" hoch und ansehnlich über dem tief darunter liegenden Stadtgraben.
Es sind aber nicht nur die Bauweise und ihr außergewöhnlicher Standort, die die zierliche Kapelle zu etwas Besonderem machen. Die Kraft und die Schönheit des Ortes, seine Schlichtheit und Ruhe lassen sie zu einer Oase für Leib und Seele und einer Quelle des Gebets werden.
"Für mich ist die Anna-Kapelle ein wahrlich spiritueller Ort", bestätigt auch Birgitta Staufer, im dritten Jahr Pastoralreferentin in der katholischen Pfarrei St. Johannes. "Für viele ist sie ein Ort der Stille und der Andacht geworden. Insbesondere die Marienfigur verfügt über eine hohe Anziehungskraft", ist sie sich sicher und verweist auch auf das ausliegende Fürbittbuch, in dem sich viele Einträge befinden. "In dem Buch", so erklärt die Pastoralreferentin, "bringen die Gläubigen ihre Anliegen, Fürbitten und ihren Dank zum Ausdruck. Üblicherweise steht dort auch ein Aufsteller mit einer Schriftenreihe "Glauben Kompakt", kleine Heftchen mit leicht verständlichen Antworten zu wichtigen Fragen des Lebens und Glaubens. Die sind immer schnell vergriffen. Wir haben schon mehrmals bestellt", freut sie sich. Auf Grund der derzeitigen Weihnachtskrippen-Ausstellung in der Kapelle musste der Aufsteller aus Platzgründen in die Stadtpfarrkirche "ausweichen".
Die Stadtpfarrkirche ist ein gutes Stichwort, wenn es um die Entstehungsgeschichte der Annakapelle, dieser "architektonischer Perle des Frankenwaldes", geht. Darüber gibt es nämlich verschiedene Mutmaßungen - unter anderem, dass es sich dabei um eine Art Probestück aus dem Jahr 1509 des Nürnberger Baumeisters Hans Behaim für den 1512/1513 vorgenommenen Erweiterungsbau der Kirche handeln könnte. Als Intention vermutet man die Nutzung als Aufbewahrungsort für gerichtliche Zwecke sowie als Totenkapelle. Eine andere Theorie ist, dass es sich dabei um eine freie Kombination echt romantischer Art der Zeit handelt, die lediglich auf der gleichen Bauzeit von Kirche und Kapelle beruht. Auf jeden Fall sind beide im gleichen Stil, der so genannten deutschen "Reduktionsgotik", gehalten.
Das Innere der St.-Anna-Kapelle (Obergeschoss) zeigt ein Netzgewölbe mit sich stark überschneidenden Rippen, die auf einer gewundenen, exzentrischen Stütze ruhen. Der letzte Gottesdienst wurde darin 1805 gefeiert. "Die Kapelle ist auf dem ehemaligen, wohl schon seit dem 13. Jahrhundert bestehenden Begräbnisplatz der Stadt errichtet worden. Gebaut wurde sie aus Buntsandstein aus Seelach sowie aus Dachschiefer aus Thüringen. Man verwendete also, was es in der Region gab", sagt die Pastoralreferentin.
Die Annakapelle diente im 17. Jahrhundert im Obergeschoss als Totenkapelle und im Untergeschoss als so genanntes "Beinhaus". In der dreigeschossigen Anlage wurden also aufgelassene Gräber, sprich exhumierte Gebeine von Toten, aufbewahrt. Darauf weisen auch die zwei Türen und die zwei Altäre der Ostwand hin. Erst um 1860 herum wurden die Gebeine auf dem städtischen Friedhof beigesetzt. "Danach verwahrloste die Kirche mehr und mehr. 1862 wurde sogar eine Abbruchgenehmigung erreicht. Durch eine Eingabe seitens der Bevölkerung bei König Maximilian II. wurde der Abriss aber glücklicherweise verhindert. Aus Kostengründen wurde die Annakapelle aber nie umfassend renoviert", berichtet Birgitta Staufer. Heute sind Mittel- und Untergeschoss der sich im Eigentum einer Stiftung befindlichen Kapelle leer. Genutzt wird sie insbesondere für die alljährliche Krippenausstellung. Aber auch während des ganzen Jahres steht sie jedem offen, der nach einem Ort der Ruhe und der Besinnung sucht.