Kronach
Geschichte

Als Gottfried Neukam in Kronach plötzlich Lehrer war

60 Jahre ist es heuer her, dass der Kronacher Künstler Gottfried Neukam starb. Unser Leser Peter Danz hat Neukam während seiner Lehrzeit kurz als Zeichenlehrer erlebt.
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Als die lockigen Haare noch unter einer Studentenmütze versteckt waren: Gottfried Neukam (links) 1902 während seines Studiums. Repro: Peter Danz
Als die lockigen Haare noch unter einer Studentenmütze versteckt waren: Gottfried Neukam (links) 1902 während seines Studiums. Repro: Peter Danz

Es ist still geworden um einen begnadeten Kunstschaffenden und Grafiker, einen großen Sohn von Kronach: Gottfried Neukam wurde am 12. Januar 1892 geboren und starb am 23. Mai 1959 in seiner Wohnung am Bamberger Tor. In der Kunstgewerbeschule in Nürnberg begann seine umfassende Ausbildung. So gab es kaum ein Material, mit dem er nicht arbeitete: Seien es plastische Arbeiten in Ton, Holz, Elfenbein und Metall. Oder die Malerei auf Holz, Leinwand und Keramik. Auch grafische Techniken wie der Holzschnitt, der Kupferstich, der Fotografie und des Films umfasste die große Spanne seines Kunstschaffens.

Lockige Haarpracht

Ich begegnete Neukam das erste Mal als Kind bei einem Einkauf in der Oberen Stadt. Der markante Mann in der kurzen Lederhose, dem weißen Hemd und der lockigen Haarpracht fiel mir sofort auf. Meine Mutter meinte, das ist ein Künstler, der Gottfried Neukam. Deshalb sah ich ihm nach, bis er im Gasthaus "Zum scharfen Eck" verschwand. Wir wohnten damals in der Johann-Knoch-Gasse, ganz in der Nähe der Baustelle der neuen Schule. So war ich sehr interessiert an den Fortschritten dieser Lucas-Cranach-Schule, in welche meine Klasse nach Fertigstellung vom Melchior-Otto-Platz umziehen sollte.

Deshalb verbrachte ich so manche schulfreie Nachmittagsstunde damit, dem regen Treiben auf der Baustelle aus sicherer Entfernung beizuwohnen. Eines Tages konnte ich sehen, wie Neukam auf einem Gerüst stehend mit Hammer und Meisel den gewaltigen Sandsteinblock über dem Haupteingang der Schule künstlerisch bearbeitete. Bis man mit der Zeit die Schlange und den Schriftzug Lucas-Cranach-Schule erkennen konnte. Ich war von seinem Können sehr beeindruckt.

Eisbadetag

Ein besonderes Ereignis für uns Kinder war, wenn Neukam im Winter in der Rodach an der Hammermühlbrücke einen Eisbadetag einlegte. Wir konnten zusehen, wie er mit dem Pickel ein Loch in das Eis schlug, und dann - bis zur Hüfte im Wasser stehend - ein erfrischendes Bad nahm.

Die Berufsschule befand sich damals in den Räumen des Klosters in der Klosterstraße. Es war im Jahr 1958, als unser Fachlehrer meinte, dass wir für einige Zeit den Herrn Neukam als Zeichenlehrer bekommen. Dieser sollte uns im Blick auf die Gesellenprüfung die wichtigsten Begriffe für das technische Zeichnen vermitteln.

So stand er eines Nachmittags im Klassenzimmer und verteilte an jeden Schüler je ein Zeichenblatt und einen Bleistift, die wir gleich bezahlen mussten. Dann schritt er zur Schultafel und erklärte uns die Grundbegriffe des technischen Zeichnens. Was er nun mit Kreide an der Tafel vormachte, sollten wir dann auf unseren Zeichenblättern nachvollziehen.

Weil wir ja Handwerker waren, war er mit unseren Resultaten gar nicht zufrieden. Wieder war ich während der Zeichenstunde mit Reißschiene und Zirkel über mein Zeichenblatt vertieft, als plötzlich hinter mir eine kräftige Stimme ertönte: "Das soll wohl eine Abwicklung sein!" Dabei sauste das Tafellineal in meinen Nacken. Noch benommen sah ich, dass der Zeichenlehrer neben mir stand und mit einem roten Farbstift meine Zeichnung kräftig korrigierte.

Auf einen weiteren Verweis dieser Art wollte ich mich in Zukunft nicht mehr einlassen. Mir war nicht entgangen, dass Neukam immer vor Beginn des Unterrichts Zeichenblätter, Bleistifte und sonstige Utensilien mitgebracht hatte und diese an uns Schüler verkaufte. Nur wenige von uns nutzten sein Angebot, weil die Sachen im Schreibwarengeschäft billiger waren.

Ein kleines Geheimnis

Vor der nächsten Zeichenstunde ging ich an sein Pult und kaufte ein. Einen neuen Zirkelkasten, Bleistifte verschiedener Härtegrade, Tusche und einige Zeichenblätter. Dann begann der Unterricht und ich war gespannt, was während seiner persönlichen Durchsicht am Ende der Stunde geschieht. Als er dann neben mir stand und meine technische Abwicklung betrachtete, meinte er freundlich: "Schon viel besser, mach nur weiter so!" Auch der korrigierende Rotstift, den man vom Blatt nicht mehr entfernen konnte, blieb diesmal weg.

In der Zukunft kaufte ich vor dem Unterricht immer einige Zeichenblätter und Sonstiges ein. Mein Tischnachbar, dessen Werke eigentlich besser waren, meinte zu mir: "Peter, deine Zeichnung ist doch auch nicht besser, er aber bemängelte meist irgendwas bei mir." Meine List gab ich nicht preis. Dank der Bemühungen meines Lehrers konnte ich zu meinem Gesellenstück eine ordentliche technische Zeichnung liefern.

Rauh, aber herzlich

Für mich und wohl für die meisten, die ihn kannten, war Gottfried Neukam ein vielleicht etwas rauer, aber doch herzlicher Kronacher und Frankenwäldler. Heute erinnern nur noch öffentlich das Kriegerdenkmal an der Festung, eine Schule, eine Straße, die Tafel an seiner Wohnung am Bamberger Tor - und letztlich seine Grabstätte auf dem Kronacher Friedhof an ihn.

Diskussionen um NSDAP-Vergangenheit

Schule: Bereits seit den 70er-Jahren trägt die Mittelschule den Namen des Kronacher Künstlers Gottfried-Neukam. Im April 2018 regte die Frauenliste an, dass der Kronacher Bildhauer Heinrich Schreiber oder der Musiker und Komponist Max Baumann anstelle der bisherigen Benennung tritt. Auch die Bezeichnung "Mittelschule am Kreuzberg" nannte die Frauenliste in ihrem Antrag. Einen Monat später entschied der Schulverband Kronach III jedoch einstimmig, die Gottfried-Neukam- Mittelschule nicht umzubenennen. Hintergrund: Der Grund für die Diskussion war Neukams NSDAP-Vergangenheit. In den 1930er Jahren war er nachweislich Mitglied der NSDAP und hatte unter anderem die Funktion des Kunstwarts der Stadt Kronach inne. 1948 wurde er vor Gericht offiziell als Mitläufer eingestuft und galt nach einer Geldstrafe als entnazifiziert. Dass trotz der politischen Vergangenheit in der Kreisstadt eine Straße und Schule nach ihm benannt sind, sorgte bereits im August und September 1994 für Zündstoff, als in der Kreisstadt eine hitzige Diskussion hochkochte, die schnell weg von der Änderung von Straßen- und Schulnamen hin zu einer Grundsatzdiskussionen über Mitläufertum und Opportunismus führte. red

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