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Kronach
Erinnerung

Allein unter Weißen

Ron Williams erzählt und singt in Begleitung des Jörg-Seidel-Trios seine bewegte Biografie "Hautnah" an einem warmherzigen Abend im Kronacher Kreiskulturraum.
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Der Ohrensessel und die Stehlampe suggerieren ein Wohlfühlambiente. Foto: Nicole Julien-Mann
Der Ohrensessel und die Stehlampe suggerieren ein Wohlfühlambiente. Foto: Nicole Julien-Mann
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Die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär in Amerika ist ein oft strapaziertes Synonym für unglaubliche Laufbahnen, wie sie etwa Henry Ford oder Oprah Winfrey hingelegt haben. In diese Aufsteigerriege darf man getrost auch Ron Williams zählen, der aus desolater Ausgangslage seinen American Dream realisiert hat, auch wenn er dazu einen Ozean überwinden musste.

Aus einer traumatischen Kindheit kämpfte er sich auf die Bühnen Deutschlands und Europas, wo er nicht durch nur sein Talent als Sänger und Schauspieler begeistert, sondern auch mit seiner authentischen kraftvollen Persönlichkeit. Von dieser konnten sich die Kronacher an drei Abenden im Kreiskulturraum überzeugen.

Drei Stunden mitreißender Gesang und fesselnde Erzählkunst reichten längst nicht aus, dieses pralle Leben in eine einzige Bühnenshow zu packen. An seiner Seite musizierten drei Männer, die sich in ausgereiften Soli als versierte Jazzer offenbarten und die der großartigen Stimme Ron Williams einen roten Teppich auslegten: Jörg Seidel an der Gitarre, Markus Minarik an Piano und Keyboard sowie Alex Meik am Kontrabass.

Leben als Heimkind

Der behäbige Ohrensessel und die Retro-Stehlampe auf der einen Seite der Bühne und das Easy-Listening-Intro des Jörg Seidel Trios stellten ein anheimelndes Wohlfühlambiente her, das sich sehr bald als trügerisch herausstellte. Erst drei Jahre alt war der kleine Ronnie, als ihn seine Mutter bei Verwandten als "Geschenk" da ließ und für viele Jahre aus seinem Leben verschwand. Er wurde in der Familie herum gereicht, die seine Hibbeligkeit und Bettnässerei mit schlagkräftigen therapeutischen Maßnahmen kurieren wollte. "Mit fünf war ich ein Fall für den Seelenklempner." Es folgte eine Karriere als Heimkind in der Obhut religiöser Eiferer und schließlich die bittere Enttäuschung über eine Mutter, die nie in der Lage war, sich um ihn zu kümmern.

Misshandlungen und Diskriminierung

Wie ein lakonischer Märchenonkel trägt Williams die Abfolge von seelischen und körperlichen Misshandlungen und rassistischer Diskriminierung vor. "Immer wieder war ich der einzige Dunkelhäutige unter lauter Weißen." Aber er erzählt auch von der Liebe und Unterstützung seiner Zieheltern und von einem denkwürdigen Nachmittag auf dem Sofa mit seiner Tante, der ihm endlich Antworten lieferte über seine Mutter und über seinen Vater. Nicht den in der psychiatrischen Klinik, sondern den richtigen: "Mann, war ich froh, ein karibisches Kuckucksei zu sein!" Was andere aus der Bahn geworfen hätte, brachte ihn auf Kurs und machte aus ihm einen Entertainer, der Optimismus und Lebensfreude versprüht: "Auch wenn der Himmel grau ist, die Sonne ist immer da, man muss nur seine Seele nach ihr ausstrecken."

Seine flapsige Sprache erlaubt es dem Publikum selbst zu entscheiden, ob es dieses grausame Kinderschicksal (haut-)nah an sich heranlassen will oder die Show lieber aus der Distanz genießt. Letztendlich hat Williams schließlich umgesetzt, was sein geliebter Onkel Marcus ihm mitgab: "Yes, Ronnie, you gonna be somebody". Er solle sich auf den Weg machen und die Welt erobern.

Über das Militär kam Williams in den 1960ern nach Deutschland, arbeitete als Journalist und Radiosprecher, überzeugte mit Charme und Können die richtigen Leute. "1965 war ich der erste schwarze Kabarettist in Deutschland!" Er sang und spielte die Rolle des Schwarzen Hud im Musical "Hair" und ab dann wird es unübersichtlich, denn die Karriere nahm ihren Lauf.

In seinen Erzählfluss bettet Williams Lieder ein, die ihm etwas bedeuten, von Künstlern, die er selbst auf der Bühne dargestellt hat, wie Harry Belafonte ("Try to remember", "Island in the Sun") oder Ray Charles ("Georgia in my mind, You don't know me"). Aber auch eigene Kompositionen sind zu hören, "Lady Liberty", sowie ein Lied, das er für die Rolle als Martin Luther King geschrieben hat.

"I can move you, too - the power of love." Aus dieser eigenen Erfahrung besteht auch die Botschaft von Ron Williams an sein Publikum: "Seid empathisch, zeigt Zivilcourage und sagt ,Nein' zu Rassismus."

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