Tettau
Mauerfall

Alfred Schaden war als erster Wessi bei den Ossis

Nach Schabowskis Pressekonferenz am 9. November hielt den damaligen Tettauer Bürgermeister Alfred Schaden nichts auf: Gleich am nächsten Tag machte er sich auf zu den Nachbarn in Spechtsbrunn. Und Helmut Heinz traute am 19. November 1989 seinen Augen kaum.
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Alfred Schaden (rechts) entfernt 1989 mit seiner Amtskollegin Annerose Reimann (links) und Polizeichef Willi Ruß den Schlagbaum zwischen Tettau und Spechtsbrunn. Foto: Repro Helmut Heinz
Alfred Schaden (rechts) entfernt 1989 mit seiner Amtskollegin Annerose Reimann (links) und Polizeichef Willi Ruß den Schlagbaum zwischen Tettau und Spechtsbrunn. Foto: Repro Helmut Heinz
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"Einer aus dem Westen" - die Wirtin lässt die Teller in ihren Händen vor Schreck fallen. Vor ihr steht Alfred Schaden, der ehemalige Tettauer Bürgermeister. Oder auch: "Der erste Wessi, der bei den Ossis war." Gleich am Tag nachdem am Abend des 9. November 1989 die Nachricht der legendären Schabowski-Pressekonferenz über die westdeutschen Fernseher lief und wonach die innerdeutsche Grenze nun geöffnet sei, öffnet Schaden die Tür zum Wirtshaus "Kalte Küche" am Rennsteig im benachbarten Thüringen mit einem lauten "Grüß Gott".

"Ich bin hierher zum Schlagbaum", erinnert sich Schaden 30 Jahre später und zeigt auf die Stelle, an der heute die Verbindungsstraße zwischen Tettau und Spechtsbrunn verläuft. "Da standen Leute, die zur ,Kalten Küche' wollten, aber Angst hatten. In der Mulde lag noch ein Grenzer drin." Dass Schaden einfach über die Grenze Richtung Spechtsbrunn läuft, interessierte diesen nicht. Dafür einen Major, der zehn Minuten später ebenfalls in der Tür zur "Kalten Küche" steht, umso mehr. "Wen haben wir denn da?", fragt der. Schaden entgegnet: "Eure Zeit ist abgelaufen. Habt ihr denn noch nicht gehört, was gestern Abend im Fernsehen vermeldet wurde? Wir müssen uns doch freuen." Und so ist es dann auch: Der Major fährt Schaden sogar zu dessen Amtskollegin Annerose Reimann in Spechtsbrunn. Die beiden beschließen also, die Grenze zu öffnen.

19. November 1989: Einige Spechtsbrunner wollen den Tettauer Nachbarn einen Besuch abstatten. "Mit dem Bus hat alles angefangen", erinnert sich Helmut Heinz und zeigt auf einen blauen Omnibus auf einem seiner vielen akribisch aufbewahrten Bilder aus der Grenzzeit. Zwischen 10 und 11 Uhr erwarten die Tettauer die Spechtsbrunner, die noch über den Grenzübergang Probstzella - Ludwigsstadt nach Tettau fahren müssen. "Da war in den Tagen nach der Grenzöffnung natürlich die Hölle los", weiß Heinz. Also verspäten sich die Besucher aus dem Osten. Um sich die Zeit zu vertreiben, fährt Heinz "mal hoch an die Grenze". An den Grenzübergang zwischen Tettau und Spechtsbrunn, den Schaden wenige Tage zuvor zu Fuß überquert hat. Dass dort eine halbe Stunde später Grenzer anrücken und den Zaun zersägen würden, ahnt er da noch nicht.

30 Jahre später zeigt Heinz wie zum Beweis die Bilder, die er an diesem 19. November 1989 aufgenommen hat. Fotos, auf denen man aus der Ferne Laster Richtung Grenzzaun fahren sieht, Aufnahmen, auf denen Männer den Zaun zersägen. Und, ein paar Bilder weiter ist Bürgermeister Alfred Schaden zu sehen, wie er gemeinsam mit seiner Spechtsbrunner Amtskollegin den Schlagbaum wegträgt. In den Tagen danach folgt an der Stelle der wohl schnellste Straßenbau überhaupt. Schon am 24. November wird die Verbindungsstraße zwischen Tettau und Spechtsbrunn, auf der Schaden und Heinz heute stehen, feierlich eingeweiht.

Eine freudige Erinnerung - die beiden Tettauer haben aber auch ganz andere. Zum Beispiel die, an die heute noch ein Kreuz an der Tettauer Straße erinnert. Beim Bau des Grenzzauns kippt in Sattelgrund 1962 ein Lastwagen, mehrere Menschen verunglückten dabei. "Das war ganz schlimm", sagt Heinz. Nicht einmal hier haben die Westdeutschen helfen dürfen.

Häuser mussten weichen

Helmut Heinz zeigt noch ein weiteres Foto. Darauf zu sehen ist eine Frau, die auf ein halb abgebrochenes Haus blickt. "Das ist Frau Ponsold. Und das war ihr Haus", erklärt Heinz. 1961 wurde es wie die beiden weiteren Häuser in Christiansgrün abgerissen, musste den Grenzanlagen weichen. Christiansgrün lag direkt am Wildberg, aber eben auf der Thüringer Seite, es wurde genau wie weitere kleine Örtchen in dem ehemaligen Grenzgebiet für den Bau der Sperranlagen abgerissen. Menschen mussten ihre Häuser verlassen, umziehen - meistens nur wenige Meter weiter in den Westen, von wo aus sie den Abriss ihrer Heimat mit ansehen mussten. Anders in Kleinlichtenhein. Auch hier sollten die Häuser den Grenzanlagen weichen. Doch das Ehepaar Wiegand weigerte sich, sein Wohnhaus zu verlassen. 1976 erhält der frisch gebackene Bürgermeister Schaden also stattdessen einen Anruf, Kleinlichtenhein solle in Kleintettau eingemeindet werden. Eine Entscheidung für die heute keiner eine Erklärung findet. "Kurios", nennt sie Heinz.

Bei all den Erinnerungen wird den beiden wieder einmal bewusst, was für ein Glücksfall die Grenzöffnung war. "Ich merke nichts mehr von der Grenze - auch nicht in den Köpfen", sagt Alfred Schaden. Vielmehr habe er dadurch viele Freunde hinzugewonnen, ostdeutsche Bürger haben Arbeit im Westen gefunden und die Industriebetriebe hier die dringend benötigten Mitarbeiter.

"Wir sind wieder eins" - wiederholt Alfred Schaden 30 Jahre später noch einmal seine Worte, die am 10. November 1989 seinem "Grüß Gott" folgten.

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