Kronach
Nachruf

Abriss Klavierfabrik: Ein letzter Gruß an die "alte Lady"

Mit den Gemäuern der alten Klavierfabrik ist ein Stück Kronacher Musikkultur dem Erdboden gleichgemacht worden. Lange war das Gebäude Heimat für Bands.
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Von der alten Klavierfabrik an der Ludwigsstädter Straße ist nicht mehr viel übrig. Foto: Marian Hamacher
Von der alten Klavierfabrik an der Ludwigsstädter Straße ist nicht mehr viel übrig. Foto: Marian Hamacher
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Es kam, wie es kommen musste: Unermüdlich zermahlen die Abrissbagger das, was von den Räumen der alten Klavierfabrik noch übrig geblieben ist. Asche zu Asche, Schutt zu Schutt. Die Kronacher Musikszene trägt in diesen Tagen Trauerflor.

Lange hatten die Mieter für den Erhalt des geschichtsträchtigen Gebäudes gekämpft. Mit dem Verkauf an die Schützengesellschaft vor zwei Jahren schien das Schicksal dann endgültig besiegelt. Trotzdem hatten einige noch durch eine Petition versucht, die Proberäume zu retten - vergebens.


Keine Zugabe, kein Comeback

Ein Trost: Eine neue Heimat haben viele Musiker mittlerweile im Dreefs in Marktrodach gefunden. Doch der Verlust der "alten Heimat" schmerzt trotzdem. Keine Zugabe, kein Comeback - die Musik ist verstummt. Doch die Erinnerungen halten ja bekanntlich die am Leben, die uns zu früh verlassen haben.

Und Erinnerungen gibt es viele: 1907 gebaut als Papierbuchstabenfabrik, umgebaut zum Altenheim in den 30er Jahren, wurden Klaviere dort nur von 1967 bis 1992 hergestellt. Das musikalische Gedächtnis wurde dank der vielen Bands, die dort ihre ganz eigene Geschichte geschrieben haben, noch bis 2016 gefüttert. Für einen "musikalischen Nachruf" auf die alte Klavierfabrik erzählen einige dieser Bands von der besonderen Beziehung zur "alten Lady".



Magische Momente - Markus "Magges" Appelius (Rokerij/PYRA)


D ie alte Klavierfabrik war ein Ort, den man zu jeder Zeit aufsuchen und dort seiner Inspiration freien Lauf lassen konnte - auch wenn es weit nach Mitternacht war. Vor allem war das Besondere die unglaubliche Vielfalt an Musik, die in diesem Gebäude entstanden ist.
Das Feeling, das man in diesem Gemäuer hatte, wird es so nicht mehr geben. Die Harmonie zwischen jungen und älteren Musikern und Menschen allgemein an diesem Ort.

Es gab viele schöne, wunderschöne und magische Momente und Abende - es wurde viel musiziert und gefeiert. Für mich war das "PYRA-Proberaumkonzert" ein absolutes Highlight, da einfach viele Leute da waren und die Post volle Kanne abging.

Ein Teil des Ganzen seinAuf der einen Seite verursacht der Abriss ein trauriges, nicht schönes Gefühl, da einem die "alte Lady" viele wunderschöne Stunden und auch Erfolg schenkte. Auf der anderen Seite ein schönes Gefühl, da man ein Teil des Ganzen sein durfte und man Kronacher Bandgeschichte mitgeschrieben hat. Die "alte Lady" war schon immer und wird jetzt noch mehr zur Legende.
Und auch wenn jetzt das Gebäude nicht mehr steht - sie ist in meinem Herzen und ich werde sie immer sehen und fühlen können, wenn ich am Schützenplatz vorbeifahre. Danke, Pianofabrik - war ne coole Zeit!


Füreinander bestimmt - Frank "Fränk" Schneider (The Marples)


D as Gebäude an sich hatte diesen gewissen Charme, den Gebäude dieses Alters eben ausstrahlen. Es hat Geschichte geatmet. Es war ideal für Proberäume, da es am Stadtrand von Kronach lag (ohne direkte Nachbarn) und trotzdem relativ schnell zu erreichen war. Die Struktur mit den langen Fluren, von denen zahlreiche Räume abgingen, ermöglichte es verhältnismäßig vielen Musikern, dort ihre Kreativität auszuleben und Musik zuund Musik zu erschaffen.

Entsprechend liebevoll waren auch die einzelnen Proberäume eingerichtet und mit jeder Menge Technik ausgestattet, um dieser Passion - so gut es möglich war - nachzugehen. Das Gebäude und das, was darin passierte, waren einfach perfekt füreinander bestimmt. Einmalig war die Möglichkeit, sich gegenseitig zuzuhören, auszutauschen, Ideen aufzunehmen, den musikalischen Horizont zu erweitern oder auch sich gegenseitig voranzubringen. Die gesamte Vielfalt dessen, was man an Musik machen kann, wurde bedient, Verbindungen wurden geknüpft und es war ein dynamisches, gemeinsames Wachsen.


Eine Familie von Bands - Patrick Gareis (White's Black 2)

D as Gebäude hat einfach perfekt zur Musik gepasst: alt, dreckig, künstlerisch und frei gestaltbar. Man hat sich immer zu Hause gefühlt. Statt einfach nur zu proben, verirrte man sich des Öfteren zu einer anderen Band mit in den Raum und verbrachte bei ihnen ein paar gemütliche Stunden. Man konnte einfach frei und ohne jemanden zu stören, seine künstlerische Ader vollkommen ausleben. Und das alles zusammen mit einer supertollen Familie von Bands. Eine Sache, die mir sehr in Erinnerung bleiben wird, ist wie super bereichernd es für uns als Band war, dass wir das Asylbewerberheim nebenan hatten. Man ist dadurch oft mit verschiedensten Kulturen in Kontakt gekommen. Für Aufnahmen von Songs haben uns einige Leute geholfen, Chöre mit einzusingen. In einem kleinen Raum waren knapp 30 Leute aus den unterschiedlichsten Kulturen am Mikro gestanden und haben unsere Songs aufgemotzt.



Ein Teil der Jugend - Markus Wachter (Black Dollar Bills)


D ie Klavierfabrik hatte ihren ganz eigenen, besonderen Charme. Das kollegiale und familiäre Verhältnis zwischen den Bands war echt schön. Ich bin mit meiner ersten Band in die Klavierfabrik eingezogen, als ich circa 18 Jahre alt war. So gesehen war die Klavierfabrik einfach ein Teil meiner Jugend, den ich auf keinen Fall missen möchte. Wir waren nicht nur dort, um Musik zu machen, sondern haben dort auch oft gefeiert und hatten wirklich viel Spaß. Die "Proberaum-Konzerte" und die Aufnahme-Sessions unserer Songs in unserem Proberaum werden mir immer im Gedächtnis bleiben. Es war ja immer damit zu rechnen, dass es irgendwann so kommen wird, aber trotzdem hat mich die Nachricht vom Abriss des Hauses sehr betroffen gemacht.



Rock'n'Roll in den Wänden - Biotin


J eder, ob Musiker oder nicht, wusste: Mit "Proberaum" ist die alte Klavierfabrik gemeint! Es war immer jemand anzutreffen und man konnte sich sicher sein: Das ist der Platz, an dem man einfach mal abschalten kann, die Sau rauslässt und Spaß hat. Über die Jahre haben sich so auch Freundschaften gebildet, die auch jetzt weiterbestehen. Man merkte einfach in jeder Ecke des Hauses, dass viele Musiker die Klavierfabrik über Jahre geprägt und sich dort ihr eigenes Reich geschaffen haben. Der Rock'n'Roll war in den Wänden spürbar.


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