Kronach
Spendenaktion II

Franken helfen Franken: Zurück dorthin, wo alles begann

Als Jugendliche entdeckte Kristina Fritz den Kronacher "Struwwel" für sich - der zu einer Art zweitem Wohnzimmer wurde. Nun ist sie dort Erzieherin.
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Der Ausschank ist Kristina Fritz besonders wichtig. Denn hier sei sie der Ansprechpartner, den die Jugendlichen in der Familie eventuell nicht finden. "Da bin ich dann die Erste, die vom Liebeskummer erfährt", erzählt die Erzieherin. Foto: Marian Hamacher
Der Ausschank ist Kristina Fritz besonders wichtig. Denn hier sei sie der Ansprechpartner, den die Jugendlichen in der Familie eventuell nicht finden. "Da bin ich dann die Erste, die vom Liebeskummer erfährt", erzählt die Erzieherin. Foto: Marian Hamacher
Manchmal braucht es einfach Zeit. Besser noch Zeit und Abstand. Wenn beides zusammenkommt, kann es passieren, dass sich so etwas wie Erkenntnis breit macht - die die vergangenen Jahre in einem völlig anderen Blickwinkel betrachten lässt. "Bei mir war es während der Ausbildung", erzählt Kristina Fritz. "Das hatte vielleicht auch damit zu tun, dass man da sehr viel reflektieren muss." Dort sei ihr erst bewusst geworden, was ihr der "Struwwel" bedeutet. "Ich wurde ganz schnell aufgenommen und hab' im Stuwwel dann viel mehr Zeit verbracht als daheim", erinnert sich die 30-Jährige.

Rund zehn Jahre nach ihrem ersten Besuch im Kronacher Jugend- und Kulturtreff übernahm Fritz die stellvertretende Leitung. Eine Geschichte wie aus einem leicht kitschigen Hollywood-Film. "Ich will für die Kids das sein, was die damaligen Mitarbeiter des Struwwel für mich waren", sagt Fritz, die höchstens noch von Behörden bei ihrem eigentlichen Vornamen genannt wird. Für Kollegen und Besucher ist sie schlicht Krissi. Krissi, die hinter der Theke als Erste vom Liebeskummer erfährt.

Krissi, die zusammen mit Jugendlichen zu einem Jugendaustausch in die Türkei fährt oder Krissi, die zusammen mit ihnen das Musik-Festival "Die Festung rockt" organisiert. Gerade die gemeinsamen Fahrten seien immer wieder ein Highlight. Während ihr als Jugendliche wichtig war, für wenig Geld einen schönen Urlaub in Strandnähe zu genießen, sehe sie nun vor allem den pädagogischen Aspekt. "Für mich ist es wichtig, dass wir nicht in eine touristische Gegend fahren", betont Fritz.


Reise fällt wohl aus

Dort können die Jugendlichen zwischen zehn und 15 Jahren ebenso Gleichaltrige wie die fremde Kultur kennenlernen und dadurch mögliche Vorurteile abbauen. Gerade die in der Türkei gelebte Gastfreundschaft beeindrucke die jungen Kronacher immer wieder. "Am letzten Reisetag standen schon gestandene Jungs mit Tränen in den Augen vor mir und fragten mich, wie sie all das je wieder gutmachen können", erzählt sie und muss schmunzeln.

Im kommenden Jahr wird die Reise wegen der derzeitigen politischen Lage aber wohl ausfallen müssen. Derzeit werde aber überlegt, ein anderes Ziel anzusteuern. Doch selbst wenn nicht, bleiben noch genügend Baustellen, die es zu beackern gilt. "Ich habe lange gebraucht, bis ich mich da überall reingefunden hatte, denn die Aufgaben sind absolut vielfältig", erinnert sich Fitz an ihre ersten Arbeitstage im März 2013. Es sei eine riesige Bandbreite an Aufgaben. Alles, was sie vorher gelernt hatte, habe sie nun mit einbringen können. "Das hat man nicht überall."

Dass ihre Geschichte auf das Hollywood-Ende hinausläuft, hatte sich Fritz selbst nicht vorstellen können. Jedenfalls nicht, als sie die Maximilian-von-Welsch-Realschule ohne den Realschulabschluss verließ. "Gerade da war es für mich eine kritische Phase", erinnert sich Fritz.


Fehlender Schulabschluss

Zwar fand sie gleich eine Lehrstelle als Kosmetikerin, glücklich wurde sie damit aber nicht. "Da weiß ich bis heute nicht so genau, weshalb ich die eigentlich gemacht habe", rätselt Fritz. "Wahrscheinlich, weil eine Freundin es auch gemacht hat. Aber das war gar nicht mein Ding."

Ebensowenig wie die anschließende Ausbildung zur Arzthelferin, die sie abbrach. "Auf dem ganzen Weg haben mich die Mitarbeiter des Struwwel begleitet", erinnert sich die 30-Jährige. "Die haben gesehen, wie unzufrieden ich war." Unter anderem Lars Hofmann, der damalige Leiter des Jugendtreffs. "Er hat mir dann vorgeschlagen, ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen", so Fritz. "Das war ein Jahr, wo man sich viel ausprobieren kann. Mal ist man Erzieher, mal technisch involviert und mal hauswirtschaftlich." Besonders viel Spaß habe ihr allerdings die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen gemacht - was sich auch im Arbeitszeugnis ausdrückte. Sie sei für einen sozialen Beruf sehr geeignet.

Das Problem: der fehlende Realschulabschluss. Doch auch dafür fand sich die Lösung im "Struwwel". "Hier hatte ich Musikschüler kennengelernt und so auch deren Lehrer", sagt Fritz. Weil sie Querflöte spielte, schlugen diese ihr vor, an der "Berufsfachschule für Musik Oberfranken" ihre Mittlere Reife nachzuholen. Zwei Jahre später stand die Tür zur Ausbildung als Erzieherin dann offen. Viereinhalb weitere sogar der zum "Struwwel".


Bis heute nicht bereut

Auch wenn sie für sich längst festgestellt hatte, dass das Haus in der Rodacher Straße viel mehr für sie ist als lediglich ein Treffpunkt, sei sie "niemals auf die Idee gekommen, mich dort zu bewerben". Denn die Erzieherstelle war schließlich besetzt mit ihrer ehemaligen Anleiterin. "Ich hätte nie gedacht, dass die einmal frei werden würde." Wurde sie aber. "Ich bin dann nur einmal vorbeigekommen, um ,Hallo' zu sagen", erinnert sie sich. "Und auf einmal hieß es, ob ich nicht Interesse hätte, mich zu bewerben." Doch obwohl nach dem Bewerbungsgespräch prompt die Zusage erfolgte, erbat sie sich Bedenkzeit. Auch die Behinderteneinrichtung in Lichtenfels, in der sie seit sechs Monaten arbeitete, hatte es der frisch ausgebildeten Erzieherin angetan.

Den Ausschlag für die Rückkehr gab Samuel Rauch, der seit 2009 den "Struwwel" leitet. "Er hat mir gesagt, dass es darauf ankommt, was ich aus der Stelle mache. Das hat mich überzeugt." Zurückgeben zu dürfen, was sie einst erfahren hat, sei der entscheidende Impuls gewesen. "Ich habe mir die Entscheidung gut überlegt und sie bis heute nicht bereut."

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Mehr Informationen und Kontaktdaten zur Aktion gibt es unter franken-helfen-franken.de. Informationen zu den Projekten und Veranstaltungen des "Struwwelpeter" sind im Internet unter struwwelpeters.de zu finden.


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