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Kronach
Zeitzeugen

Zeitzeugin in Kronach: "Ich sah deutsche Soldaten auf dem Rückzug"

"Der Krieg war vorbei. Trotz aller Ungewissheit, was jetzt kommt, war es für uns wie eine Erleichterung", darin waren sich die Zeitzeugen Margot Schneider, Herbert Kaiser, Karl Heinrich Gläsel, Hans Hutzl, Jürgen Neumann, Erich Reitz und Peter Conrad im "Hotel Sonne" einig.
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Unter anderem Margot Schneider (links), Hans Hutzl (Zweiter von rechts) und Karl Heinrich Gläsel (rechts) erinnerten sich an die Kriegszeit. Foto: Heike Schülein
Unter anderem Margot Schneider (links), Hans Hutzl (Zweiter von rechts) und Karl Heinrich Gläsel (rechts) erinnerten sich an die Kriegszeit. Foto: Heike Schülein
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"Der Krieg war vorbei. Trotz aller Ungewissheit, was jetzt kommt, war es für uns wie eine Erleichterung," darin waren sich die Zeitzeugen Margot Schneider, Herbert Kaiser, Karl Heinrich Gläsel, Hans Hutzl, Jürgen Neumann, Erich Reitz und Peter Conrad im "Hotel Sonne" einig. Spannender und authentischer als es jeder Geschichtsunterricht sein könnte, erzählten sie von ihren Erinnerungen an den Krieg.

Margot Schneider war zum Ende des Krieges neun Jahre alt. Ihr Vater fiel in Nürnberg. "Ich erinnere mich an die vielen Flieger, von denen wir große Angst hatten - und an "Christbäume". So nannten wir die abgeworfenen Leuchtbomben. Was mir auch in Erinnerung geblieben ist, waren wie junge Burschen im Bereich Seelachstraße und Dobersgrund Schützengräben bauen mussten. Ich sehe sie noch vor mir, die kindlichen Gesichter in ihren Stahlhelmen. Der deutsche Rundfunk hat uns nur Lügen über angebliche Erfolge berichtet. Meine Erstkommunion war am 8. April 1945. Es musste sehr schnell gehen, weil wir schon die Flieger hörten. Pfarrer Männlein schickte uns in den Luftschutzkeller. Am 12. April um 15.30 Uhr kapitulierte Kronach. Die ganze Stadt brannte, der Tod war allgegenwärtig. "

Herbert Kaiser aus dem "Scharfen Garten" war damals knapp sechs Jahre. "Wir mussten in den Luftschutzkeller im Haßlacher Berg - wenn es ganz schnell gehen musste, in den Kartoffelkeller unseres Nachbarn. Wir hatten große Angst vor den Tieffliegern. Es gab auch Treffer durch die Fenster. Ich habe heute noch ein Ölgemälde mit einem Durchschuss. Einige unserer Verwandten waren Bauern. Auch unsere Großmutter hatte Tiere, sodass wir einigermaßen über die Runden kamen. Ich kann nur von anständigen Amerikanern erzählen. Sie haben uns Kaugummi geschenkt. Die waren für uns so kostbar, dass wir sie nach dem Kauen nicht ausgespuckt, sondern hinuntergeschluckt haben."

Karl Heinrich Gläsel vom Ziegelangler wurde 1937 geboren. "Das erste, an das ich mich zurückerinnere, war die Nachricht 1943, dass mein Taufpate als vermisst galt. Das hat schlagartig den Krieg in unsere Familie gebracht. 1944 wurde mein Vater eingezogen und in Ostpreußen eingesetzt. Er erlitt einen Durchschuss. Als das Kriegsende nahte, ging ich mit meiner Mutter, Großmutter und meiner Schwester nach Wurzbach zu Verwandten. Wir sind mit dem "Mogela" nach Nordhalben gefahren. Dort hat uns mein Onkel mit seinem Pferdeschlitten abgeholt. Dann sind Tieflieger über uns hinweg geflogen. Die Pferde scheuten. Wir landeten im Straßengraben und lagen in einer Schneewehe. Wir waren von Februar bis April 1945 in Wurzbach. Ich sah deutsche Soldaten auf dem Rückzug und auch einen langen Zug ausgemergelter Gestalten. Im Nachbarhaus war nach einem Angriff auf einmal ein Riesenloch. Panzer fuhren vorbei. Razzia!"

Erich Reitz stammt aus Selb und kam erst 1948 nach Kronach. "Als ich 13 Jahre alt war, musste ich Panzergrenzen mit bauen. Am 20. April sind die Amerikaner in Selb einmarschiert. Da sah ich zum ersten Mal einen "lebendigen Schwarzen". Das war etwas Besonders. Erstaunlicherweise wurde nicht eine der Porzellanfabriken bombardiert. Es ging damals das Gerücht um, das wir das Philip Rosenthal zu verdanken hätten. Während Selb vor Beschuss weitgehend verschont blieb, wurden alle Dörfer drum herum dem Erdboden gleichgemacht. Man wollte uns aushungern. Die größte Not war eigentlich nach dem Krieg."

Jürgen Neumann und Hans Hutzl, beide Jahrgang 1939, flüchteten Richtung Kronach. Der gebürtige Schlesier Neumann kam in Rothenkirchen unter. Hans Hutzl landete - aus dem ehemaligen Jugoslawien kommend - in Kronach. "Ich habe unsere Flucht zum Kriegsende teilweise im Leiterwagen erlebt", so Neumann. Im Sudetenland sind wir gut aufgenommen worden. Meine Familie und ich sind aber trotzdem von der Grenze Tschechien - über Rehau - nach Bayern weiter. Wir waren zwei Tage im Kronacher Vereinshaus untergebracht, dann in einer kleinen Wohnung in Rothenkirchen. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Manche beschimpften uns als Pollacken, andere halfen uns und brachten Decken vorbei. Der Frieden ist das wichtigste."

Hans Hutzl kam am 1. September 1939, dem Beginn des 2. Weltkriegs, auf die Welt. Vom ehemaligen Österreich/Ungarn kamen er und seine Familie in den Kriegswirren nach Jugoslawien. Sein Vater war damals schon im Krieg. "Wir - meine Schwester, meine Mutter und mein Großvater, der Invalide war - verließen unser Zuhause im Oktober 1944. Meine Mutter lebt noch, sie wird heuer 98. Auf der Flucht sagte man zu uns: Das dauert nur vier Wochen. Dann dürft ihr zurück. Wir kamen über Güterzüge nach Deutschland. Mein Vater gilt als vermisst. Wir wohnten bei meinen Großeltern im Fichtelgebirge, in Gefrees. Im Sommer 1945 ging es für uns nach Kronach. Wir wohnten auf der Festung, dort war unser Lager. Das war wie ein eigenes Dorf für sich. Es gab eine Lagerschule, sogar einen eigenen Löschzug."

Peter Conrad, der jetzt in Weißenbrunn-Gössersdorf wohnt, wurde 1929 geboren. Er erinnert sich - damals aus einer Luftlinie von 80 Kilometern Entfernung - insbesondere an den Feuersturm von Dresden. "Damals wussten nicht, dass das das brennende Dresden war. Aber das hat sich bei mir eingebrannt und ist mir in Erinnerung geblieben." "Die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen haben viel zum Aufbau unseres Landes beigetragen", zeigte sich abschließend Heinz Hausmann dankbar. Der CSU-Ehrenvorsitzende hatte die Idee für die Veranstaltung gehabt und zusammen mit Mathilde Hutzl auch die Organisation inne. Für junge Menschen sei der Krieg weit weg. Aber man müsse die Erinnerung aufrecht erhalten, solange noch Zeitzeugen da seien, um eine Wiederholung zu vermeiden. Er verwies auf das Buch "Die letzten Tage" von Willi Schreiber, Jahrgang 1941, in dem dieser seine Erinnerungen festgehalten habe.

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