Kronach
Bildung

Vorteil Praxis

Schulamtsdirektor Uwe Dörfer ärgert der oft schlechte Ruf der Mittelschule. Vielmehr hält er ein Plädoyer für diese, schließlich hält er sie für die praxisorientierteste Schulart.
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Andreas Pfaff würde es wieder so machen. In der sechsten Klasse hätte der heutige Neuntklässler auf die Realschule gehen können. Er hat sich dagegen entschieden. "Ich hatte eine Lernschwäche, war in Deutsch schlecht. An der Mittelschule wird jeder individuell betreut. Dadurch, dass man nicht ständig wechselnde Lehrer, sondern einen Klassenlehrer hat, kennt der einen, kann auf einen eingehen. Das war für mich gut und deshalb bin ich hier geblieben", erklärt der Schüler der Gottfried-Neukam-Mittelschule. Doch nicht nur deshalb: Andreas möchte Industriemechaniker werden, durch verschiedene Praktika, die zum Lehrplan gehören, hat er schon Erfahrung gesammelt, konnte herausfinden, ob ihm dieser Job überhaupt Spaß macht - und hat sogar schon Ausbildungsangebote bekommen.

Die vertiefte Berufsorientierung sieht auch Leitender Schulamtsdirektor Uwe Dörfer als einen der Vorteile der Mittelschulen. Er hält ein Plädoyer für diese - speziell für die im Schulamtsbezirk Kronach. Den schlechten Ruf als "Restschule", den die Mittelschulen oft haben, haben sie nicht verdient, ist Dörfer überzeugt. Natürlich müsse man zwischen den Schulen in Großstädten und auf dem Land differenzieren. "Man sollte sich erst einmal vor Ort überzeugen, was an den Mittelschulen geboten wird, bevor man kritisiert", ist Dörfer der Meinung.

Drei Säulen der Mittelschule

Er sieht drei wichtige Säulen der Mittelschulen. Die erste ist die Berufsorientierung: "Hier passiert Enormes, das ist eine Art Alleinstellungsmerkmal der Mittelschulen", sagt Dörfer und nennt als Beispiele ein Schülerpraxiscenter am Beruflichen Fortbildungszentrum, ein Berufsorientierungscamp - bei dem Bewerbungsgespräche trainiert werden, etc -, die Berufsbegleitung durch einen Ansprechpartner, der die Jugendlichen auf das Berufsleben vorbereitet, und die Schülerfirmen, in denen die Jungen und Mädchen wirtschaftliches Handeln lernen.
Die zweite Säule der Mittelschule sei das Soziale lernen. Dazu tragen das so genannte Klassleiterprinzip, Lions-Quest - ein Jugendförderprogramm -, die Streitschlichterausbildung oder das Schülerparlament bei.

Als dritte Säule nennt Dörfer die offene Unterrichtsgestaltung in den Mittelschulen, bei der auch der Klassenverband aufgelöst werden und so individueller auf die Leistungen der Einzelnen eingegangen werden kann.
Dörfer hält die Mittelschule für die praxisorientierteste Schulart in Bayern. Und eben die Praxiserfahrung und die Ausbildung sozialer Fähigkeiten seien die Faktoren, weshalb die Mittelschüler - insbesondere die M-Zug-Absolventen - von den Wirtschaftsunternehmen auch so gut angenommen würden. "Es muss endlich in die Köpfe rein", so Dörfer, "dass die Mittelschule auch eine weiterführende Schule ist und die Jugendlichen über den zweiten Bildungsweg sämtliche Chancen haben".

So stünden gerade den M-Zug-Schülern alle Möglichkeiten offen, zum Beispiel die Einführungsklasse des Gymnasiums zu besuchen oder an die Fachoberschule zu gehen und Abitur zu machen. Dörfer berichtet zum Beispiel von acht M-Zug-Absolventen an der FOS am Rennsteig, die dort gut zurecht kämen. Auch haben am Gymnasium bereits einige ehemalige M-Schüler das Abitur gemacht.

Vorteil: das Klassenleiterprinzip

Diesen Weg will Lisa-Marie Schultheiß, ebenfalls Schülerin an der Gottfried-Neukam-Mittelschule, einschlagen.
Sie und ihre Mitschüler betonen, ebenso wie Andreas Pfaff, vor allem die Vorteile durch das Klassleiterprinzip. Melanie Müller und Niklas Buckreus nennen auch die Mitsprachemöglichkeit durch das Schülerparlament. Niklas war zuvor an der Realschule, ging in der sechsten Klasse zurück an die Mittelschule. "Für mich war es besser, weil hier die Betreuung durch einen Lehrer intensiver ist, als wenn man jede Stunde einen anderen Lehrer hat", ist er sich sicher.

Ähnlich ging es auch Jannis Gatzenberger, der sich auch in einer der Schülerfimen engagiert. "Da wird man schon auf den Beruf vorbereitet. Ich bin im wirtschaftlichen Zweig und in der Schülerfirma lernt man auch einiges in Sachen Buchführung oder Werbung." Schulleiterin Anita Dauer betont aber, dass es nicht um eine Konkurrenzsituation zu den anderen Schularten wie Gymnasium oder Realschule gehe. Gerade am Schulzentrum habe man ein gutes Miteinander. "Manche Schüler sind einfach in der vierten Klasse noch nicht so weit, brauchen noch etwas Zeit, um sich zu entwickeln. Und dann bleiben sie an der Mittelschule - selbst, wenn sie in der sechsten Klasse dann an die Realschule wechseln könnten -, weil sie eben das Praxisorientierte oder das Klassleiterprinzip schätzten.

Darauf geht auch Schulamtsdirektor Dörfer ein. Die sechsstufige Realschule hätte es seiner Ansicht nach nicht gebraucht, besser wäre es gewesen, die Schüler hätten sich nach der sechsten Klasse entscheiden können, ob sie an die eher theoretische Realschule wechseln oder an der praxisorientierten Mittelschule bleiben wollen.
Wenn es eine Optimierung der Mittelschulen geben sollte, vertritt der Schulamtsdirektor die Meinung, müsse man sie zu gebundenen Ganztagsklassen ausbauen. "Dann kann man noch besser fördern. In der neunten Klasse haben die Schüler bereits eh zwei- bis dreimal Nachmittagsunterricht, bei der gebundenen Ganztagsklasse wären es dann eben vier Nachmittage."

Durch die Ganztagsschule erhielten die Kinder ein gesundes Mittagessen, Hausaufgaben würden erledigt und so bliebe auch noch Zeit für Freizeitgestaltung - insbesondere, weil Vereine in das Konzept und somit die Gestaltung am Nachmittag mit eingebunden würden.



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