Wallenfels
Urteil

Tote Babys: Hoffnungen blieben unerfüllt

Bundesweit sorgte der Fall der acht Babyleichen in Wallenfels für Aufsehen. Nun sprachen die Richter ihr Urteil. Die Entscheidung wird heftig diskutiert.
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Johann G. wurde gestern vor Gericht freigesprochen.  Foto: Groscurth
Johann G. wurde gestern vor Gericht freigesprochen. Foto: Groscurth
Spätestens nach dem Urteil schlagen die Wellen wieder hoch. Im Internet kommentieren viele Nutzer die Entscheidung des Landgerichts Coburg im Fall der acht Baby-Leichen, von denen deren Mutter Andrea G. vier getötet hat. Dafür muss die 45-Jährige nun für 14 Jahre ins Gefängnis. Frühestens nach zwei Dritteln der Strafe, also nach etwa neun Jahren, kann geprüft werden, ob eine vorzeitige Haftentlassung in Frage kommt, so der Vorsitzende Richter Christoph Gillot.

Johann G., den 55-jährigen Ehemann der Angeklagten, sprach das Gericht frei. In der Anklage wurde ihm noch Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Lange Zeit war es unklar gewesen, ob er sich überhaupt vor Gericht verantworten muss. Selbst für seinen Anwalt Hilmar Lampert aus Bayreuth war die Anklage eine Überraschung: "Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass mein Mandant sich vor Gericht verantworten muss."

Doch die Vorwürfe von Oberstaatsanwalt Martin Dippold gegen Johann G. waren wohl nicht stichhaltig genug. Dippold erklärte zu Prozessbeginn die Motivation der Eheleute: "Ihnen kam es nur darauf an, weiterhin uneingeschränkt sexuell aktiv zu sein - ohne jegliche Bedenken gegen die Folgen und den Wert ungeborenen Lebens aufkommen zu lassen." Johann G. soll laut Anklage von allen acht Schwangerschaften und auch den Säuglings-Tötungen gewusst haben. Zudem habe es der Ehemann unterlassen, Behörden oder Ärzte über die Taten seiner Frau zu informieren. Allerdings gab es dazu keinerlei Beweise.


Ausreden der Ehefrau

Für Richter Gillot allerdings keine hinreichenden Gründe, den Ehemann von Andrea G. wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen: "Es gab in diesem Prozess dazu widersprechende Aussagen. Johann G. hat beteuert, von der ersten Schwangerschaft erst nach Fehlgeburt erfahren zu haben. Danach spürte er zwar, dass etwas nicht stimmte, doch dann habe er Ausreden von seiner Frau bekommen." Zudem meinte der Richter, dass Andrea G. ihrem Gatten in einer Wirtschaft mindestens von einer Fehlgeburt oder Tötung erzählt habe, das habe Johann G. umgetrieben. Richter Gillot weiter: "Wir müssen davon ausgehen, dass Andrea G. bewusst ihre Schwangerschaften vertuscht hat. Und wir schließen uns nicht der Auffassung der Staatsanwaltschaft an, dass man dies als Partner mitbekommen müsse."

Klar sei auch: "Es wurde gegenüber Johann G. wohl nur in einem Fall von einer Fehlgeburt gesprochen und nicht von einer Tötung. Musste er aber von Tötungen ausgehen, musste der Ehemann das erfassen? Für jeden und für alle waren die Taten nach Bekanntwerden unfassbar, warum hätte dann Johann G. das wissen sollen. Es hätte auch genug legale Wege für seine Ehefrau gegeben, Babys oder Geburten zu vermeiden", argumentierte der Richter weiter.


Lügengebäude errichtet

In der fast einstündigen Urteilsbegründung gewährte Richter Gillot tiefe Einblicke in das Seelenleben der beiden Angeklagten. Vor allem auch in das der Mutter: "Verzweiflung und Ausweglosigkeit prägten sie wohl - das hat sie auch zum Teil selbst verschuldet, weil die Angeklagte Lügengebäude um sich aufbaute. Sicherlich handelte Andrea G. egoistisch und selbstsüchtig. Aber sie wollte auch die Familie erhalten. Daher tötete sie nicht aus niedrigen Beweggründen. "

Anwalt Wagler hatte argumentiert, Andrea G. habe nach der Geburt ihrer ersten drei lebenden Kinder die erste weitere Schwangerschaft verdrängt. Deshalb sei sie bei der Geburt in Panik geraten und habe das Kind getötet. Er verwies in seinem Plädoyer auf den Begriff "Neonatizid" - ein Fachbegriff für die Tötung eines Neugeborenen durch eine Mutter unter psychosozialer Belastung, durch soziale Isolation oder Überforderung. Deshalb sah die Verteidigung auch keine niederen Beweggründe als Mordmerkmal.

Nach Angaben eines Psychiaters in dem Prozess habe die Frau weitere Kinder gewollt, nicht aber ihr Mann. Nach ihrer Aussage verhütete sie nicht. Im Prozess hatte ein psychiatrischer Gutachter die 45-Jährige für voll schuldfähig erklärt.


Keine psychische Störung

Andrea G. sei weder schwer psychisch krank noch alkoholabhängig, obwohl sie jeden Abend nach eigenen Angaben zwischen fünf und sieben Biere trank. Der Richter über die Frau: "Wir wissen auch, dass sie unglücklich und einsam war, Andrea G. fühlte sich fremd bestimmt. Sie war zudem eine Lügnerin und ein Verdrängertyp. Laut Psychologen ging sie Konflikten aus dem Weg."

Die acht toten Neugeborenen waren im vergangenen November in Wallenfels im Wohnhaus der Eltern gefunden worden. Ein Baby kam offenbar tot zur Welt. Bei drei weiteren Säuglingen war laut Staatsanwaltschaft nicht mehr festzustellen, ob sie gelebt hatten oder lebensfähig gewesen wären.

Trotz des Freispruchs wird Johann G. unter den Folgen der vergangenen Zeit sein Leben lang leiden. Sein Anwalt sagte gegenüber dieser Zeitung: "Ich freue mich zwar über den Freispruch, doch dieser Prozess wird meinen Mandanten prägen. Solche Taten gehen an keinem Menschen spurlos vorüber." Außerdem wohnt Johann G. weiter in dem Haus, in dem die acht Babyleichen gefunden worden waren. Lediglich kleinere Umbauten darin haben seit November vergangenen Jahres stattgefunden.

Und wie wird Andrea G. mit dem Urteil umgehen? Die Mutter der acht toten Säuglinge akzeptiert das Urteil wegen Totschlags. "Wir werden keine Revision einlegen, das ist mit meiner Mandantin abgesprochen", sagte ihr Verteidiger Till Wagler.


Hoffnung des Bürgermeisters

Jens Korn, der Bürgermeister von Wallenfels, hofft darauf, dass wieder Normalität einkehrt: "Unsere Stadt wird nun erst einmal aus dem medialen Fokus rücken. Der Ort braucht wieder seine Ruhe." Laut Korn haben sich aber die Erwartungen vieler Wallenfelser in Bezug auf den Prozess nicht erfüllt: "Leider wurden die Gründe für die Taten der Mutter nicht deutlicher gemacht."
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