Kronach
Geschichte

Todesmärsche durch die Heimat

Ulrich Fritz referierte in der ehemaligen Kronacher Synagoge über den Abtransport von Menschen aus den Konzentrationslagern der Nazis im Jahr 1945. Solche Märsche querten auch den Rennsteig und auch hier gab es Tote.
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Ulrich Fritz zeigt an einer Karte das flächendeckende System von KZ-Außenlagern, auch in unserer unmittelbaren Nähe. Foto: Heike Schülein
Ulrich Fritz zeigt an einer Karte das flächendeckende System von KZ-Außenlagern, auch in unserer unmittelbaren Nähe. Foto: Heike Schülein
"Hier ruhen zwei unbekannte, auf dem Todesmarsch durch die Waldhausstraße von der SS ermordete KZ-Häftlinge" - Diese Worte prangten einst auf einer großen Grabsäule auf dem Friedhof von Kleintettau. Nach dem Krieg wurden hier zwei jüdische Männer vom KZ-Außenlager Zahnradwerk Sonneberg beigesetzt, die im April 1945 am Rennsteig - nahe der Schildwiese auf dem Weg nach Laura/Schmiedefeld über Ludwigsstadt - erschossen aufgefunden worden waren.

Es müssen schreckliche Bilder gewesen sein, die sich vielerorts in den ersten Apriltagen des Jahres 1945 geboten haben: Häftlinge in blau-weiß gestreiften, zerlumpten Anzügen mit schwarzen Nummern auf dem Rücken, die sich entkräftet und ausgemergelt Meter für Meter vorwärts geschleppt haben. Am Schluss des Zuges liefen SS-Männer mit abgerichteten Hunden. Als im Frühjahr 1945 die alliierten Truppen immer weiter nach Deutschland eindrangen, wurden hastig viele KZ-Außenlager geräumt, damit die Häftlinge den vorrückenden Amerikanern nicht in die Hände fielen.

Zigtausende Häftlinge waren auf den Todesmärschen unterwegs. "Auf ihrem Weg hinterließen sie eine Blutspur auch durch ganz Oberfranken und Thüringen", zeigte sich Fritz sicher. In einem fesselnden Vortrag und mittels einer Power-Point-Präsentation schilderte der wissenschaftliche Mitarbeiter der Stiftung bayerischer Gedenkstätten München die damaligen Ereignisse und ihre Hintergründe.

Arbeit für die Kriegsproduktion

Zu jener Zeit gab es ein großes Netz an KZ-Außenlagern. Es war ein flächendeckendes System. "Wir sprechen nicht von zehn Orten, sondern von weit über 1000 Außenlagern", erklärte Fritz. Solche Außenlager gab es auch für die KZ Buchenwald und Flossenbürg. Das KZ Flossenbürg wurde im Mai 1938 gegründet. Gedacht war es ursprünglich für den Granitabbau in dieser Region, wovon sich die Nazis ein lukratives Geschäft versprachen. Zunächst arbeiteten dort überwiegend Deutsche. Bald aber stießen Bewohner aus den besetzten Ostgebieten hinzu, um die Kriegsproduktion von Rüstungsgütern aufrechtzuerhalten.

Ab Mitte 1944 wurde eine Vielzahl von Außenlagern gegründet, in denen die KZ-Insassen arbeiten mussten. "Das Hauptlager wurde zu einer Art Drehscheibe, um die Außenlager mit Arbeitskräften zu versorgen", verdeutlichte Fritz.

Seit Kriegsbeginn sei es üblich gewesen, dass die Häftlinge außerhalb des Lagers arbeiteten. Wenn die Menschen später sagten, sie hätten davon nichts gewusst, stimme das nicht. Es gebe beispielsweise 50 oder 60 Bittbriefe, in denen insbesondere Frauen um das Abstellen von Arbeitskräften unter anderem beim Einbringen der Ernte baten. Ein solcher war auch auf der Power-Point-Präsentation zu sehen. Seien Liebesbeziehungen zwischen den Männern, die auf dem Hof arbeiteten, und deutschen Frauen ans Tageslicht gekommen, seien diese - als Geschlechtsverbrechen - meist mit dem Tod geahndet worden. Fritz zeigte in diesem Zusammenhang auch eine Fotoserie von der Erhängung eines polnischen Zwangsarbeiters. Zu sehen ist darauf ein mobiles Exekutionskommando. Durchgeführt wurde die Hinrichtung von einem KZ-Häftling von Flossenbürg, zu erkennen an der gestreiften Uniform. KZ-Häftlinge wurden - so Fritz - auch von der Gestapo herangezogen, um die "Drecksarbeit" zu verrichten.

1941 arbeiteten in Oberfranken 9000 Zwangsarbeiter, im September 1944 waren es über 33 000 - davon weit über die Hälfte aus dem Osten. Auch im Sonneberger Zahnradwerk war auf dem Betriebsgelände ein Außenkommando des Konzentrationslagers Buchenwald mit Häftlingen aus verschiedenen Ländern Europas untergebracht. Diese mussten jeden Tag der Woche einschließlich Sonntag zwölf Stunden unter extrem schlechten Arbeitsbedingungen arbeiten. Anfang April 1945 wurde das Sonneberger Außenkommando aufgelöst. Die Alliierten waren an allen Fronten auf deutschem Gebiet auf dem Vormarsch. Wohin die Evakuierungsmärsche genau führten, kann man nicht mehr konstruieren. Aussagen zufolge sollen sie beispielsweise auch im Rodachtal gesehen worden sein, was aber nicht belegt ist.

Die Toten blieben einfach liegen

Viele Häftlinge sind auf den Märschen vor Entkräftung zusammengebrochen und wurden von SS-Posten erschossen oder erschlagen. Die Märsche fanden meist nachts und auf Nebenstraßen statt, oft ging es durch den Wald. "Das Marschtempo war hoch. Zu essen gab es nichts, vielleicht eine Handvoll Körner für mehrere Tage", meinte Fritz. Die Toten wurden einfach liegengelassen - so auch die am Rennsteig aufgefundenen Männer. Nachts hatten Anwohner Schüsse gehört, am nächsten Morgen fand man die Toten. Diese waren zunächst im Wald beerdigt und später - auf Veranlassung des Landratsamtes - auf dem Ortsfriedhof beigesetzt worden. Die Amerikaner versuchten, Hergänge und Routen der Todesmärsche zu konstruieren. Dies sei aber im Nachhinein kaum möglich gewesen.

Zunächst gab es 500 Friedhöfe in Bayern. Später wurden die kleinen Friedhöfe aufgelöst und die Toten an die großen Zentralfriedhöfe überführt. Heute gibt es nur noch 75 solcher kleinen Friedhöfe. Anders ist es in der ehemaligen DDR, wo noch kleine individuelle Gräber zu finden sind. Hier gibt es auch Gedenktafeln in Ortschaften, in denen der Todesmarsch durchgekommen ist - so beispielsweise in Hasenthal.

Dem Vortrag schloss sich eine rege Diskussion an. Franz Kluge, der auch den Kontakt zum Referenten hergestellt hatte, erzählte davon, dass in der Nordhalbener Chronik ausführlich zu der Thematik berichtet werde. Dies stelle aber eine Ausnahme dar. Auch im Kronacher Lesebuch zur 1000-jährigen Geschichte von Kronach seien interessante Beiträge von Zwangsarbeitern im Landkreis finden. Wie er ausführte, sei das Anbringen einer Gedenk- und Infotafel für die bei den Todesmärschen ums Leben gekommen KZ-Häftlinge an der Schildwiese angedacht.

Abschließend wies Kluge auf die Führung am Samstag, 3. Mai, im KZ-Außenlager Laura hin, das man gemeinsam besichtigen wolle.


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