Kronach
Gericht

"Sowas habe ich noch nicht erlebt"

Bei einer Festnahme werden zwei Polizeibeamte verletzt. Ein Polizist wird von einem 32-Jährigen aus Kronach, der Hepatitis C hatte, in die Wade gebissen.
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Die Festnahme des Angeklagten 2016 verlief alles andere als friedlich. Foto: Ferdinand Merzbach
Die Festnahme des Angeklagten 2016 verlief alles andere als friedlich. Foto: Ferdinand Merzbach
Er hatte Hepatitis C und biss einen Polizisten in die Wade: Jetzt muss sich ein 32-jähriger Mann vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem gebürtigen Lichtenfelser neben vorsätzlichem Fahren ohne Fahrerlaubnis Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, gefährliche Körperverletzung und Beleidigung vor. Außerdem soll der Mann zusammen mit einer 31-jährigen Frau aus Altenburg, die mit ihm auf der Anklagebank sitzt, in Kronach mit Drogen gedealt und Cannabispflanzen gezüchtet haben. In sechs Fällen muss sich das Pärchen deshalb wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten.
Am 16. Juni 2016 verhafteten zwei Polizeibeamte die Erzieherin und machten sich auf die Suche nach dem Angeklagten. Dabei folgten sie auch einem Hinweis, dass der Mann mit einem Zweirad unterwegs sei, obwohl er die erforderliche Fahrerlaubnis dafür nicht hatte. Das sagten die beiden Polizisten als Zeugen vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Coburg aus. Kurz nach Mitternacht trafen sie den Angeklagten vor seinem Anwesen in Kronach an - in voller Motorradmontur mit Helm und Zweiradschlüssel noch in der Hand.
Der zuständige Kriminalkommissar betonte, dass schnell "die Post abging". "Der Angeklagte hat mich weggeschubst, ich bin zu Boden gestürzt und er ist an mir vorbei Richtung Wald, wo sein Motorrad stand", sagte er. Als sein Kollege den Mann schließlich zu Boden gerungen habe, soll dieser sich mit Händen und Füßen gewehrt haben. Dabei, so die Beamten einstimmig, habe der Mann gespuckt und unflätige Beleidigungen gerufen. "Er hat immer weitergemacht", sagte der Polizist, der von dem Angeklagten an Kopf, Hand und Fuß erheblich verletzt wurde und zahlreiche Prellungen erlitt, und erklärte: "Ich bin schon eine ganze Zeit bei der Polizei, aber sowas habe ich noch nicht erlebt."
Seinen Kollegen erwischte es schlimmer: "Als ich den Angeklagten in den Polizeigriff nehmen wollte, hat er mich in die Wade gebissen und mit dem Schlüssel traktiert." Der Beamte habe bei dem Angeklagten eine Alkoholfahne gerochen. Der Biss in die Wade hinterließ eine offene Wunde. Es stellt sich heraus, dass der 32-Jährige an Hepatitis C leidet. Die Beamten fahren noch in der Nacht ins Krankenhaus. "Es geht ja nicht nur um mich", sagte der Zeuge, "sondern auch um meine Familie." Der gebissene Beamte ist zehn Tage dienstuntauglich: Er erleidet Prellungen am Oberkörper und im Rückenbereich, Verletzungen an der Halswirbelsäule, an Hand und Fingern und eine Risswunde an der Taille. Hinzu kommt die Angst vor Ansteckung. "Ich wusste ja nichts davon, dass der Angeklagte sich hatte behandeln lassen", erklärte er.


"Vernebelt gewesen"

Die Anwältin des Angeklagten legte dem Gericht ein Schreiben der Justizvollzugsanstalt, in der der Angeklagte derzeit einsitzt, vor. Eine Blutuntersuchung habe keinen Hinweis auf Infektiosität ihres Mandanten ergeben, sagte sie. Zudem habe sich ihr Mandant behandeln lassen. Dass der Beamte lange im Unklaren über eine mögliche Ansteckung geblieben sei, bedauerte sie.
Der 32-Jährige gab die Taten zu den Körperverletzungen zu: Er sei so "vernebelt" gewesen, sagte seine Anwältin. Auch die Drogengeschichten räumte er weitgehend ein. "Der Hintergrund der ganzen Taten ist Betäubungsmittelabhängigkeit", erklärte sie. Während die 31-jährige Angeklagte bisher nur einmal straffällig in Erscheinung trat und eine Geldstrafe wegen Diebstahls verbüßen musste, listete das Bundeszentralregister bei ihrem Komplizen seit 2001 elf Einträge auf, wie Fahren ohne Fahrerlaubnis, unerlaubter Besitz einer Schusswaffe, Diebstahl, Hausfriedensbruch sowie Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. 2012 verurteilte das Amtsgericht Augsburg den Mann zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten und ordnete die Unterbringung in einer Suchtklinik an.
Der Vorsitzende Richter, Christoph Gillot, verlas aus dem Urteil: Bereits im Alter von 14 Jahren habe der überdurchschnittlich intelligente Angeklagte Cannabis, Ecstasy und Speed, später Heroin konsumiert, hieß es. Außerdem wurde ihm eine Sucht- und Persönlichkeitsproblematik bescheinigt. Nachdem der Angeklagte während seines Aufenthalts in der Suchtklinik erneut straffällig wurde und dort Drogen "vertickte", schätzten drei Ärzte den Erfolg der Therapie als gering ein und empfahlen den Abbruch. Der Patient weise "antisoziale Verhaltenstendenzen" auf und habe keine Einsichtsfähigkeit, hieß es. Der Prozess wird am 18. Mai fortgesetzt.
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