Kronach
Interview

Regie braucht immer den Plan B

Heidemarie Wellmann ist als künstlerische Leiterin der neu benamten Rosenberg-Festspiele in der heißen Phase sehr gefordert.
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Regisseurin und Schauspielerin Heidemarie Wellmann nutzt die ruhige Umgebung der Festung Rosenberg. Nach den Proben und vor den Aufführungen hat sie ihr ganz persönliches Fleckchen im Grünen zum Durchatmen.  Foto: Mariell Dörrschmidt
Regisseurin und Schauspielerin Heidemarie Wellmann nutzt die ruhige Umgebung der Festung Rosenberg. Nach den Proben und vor den Aufführungen hat sie ihr ganz persönliches Fleckchen im Grünen zum Durchatmen. Foto: Mariell Dörrschmidt
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Es wird langsam spannend. Nur noch drei Tage bis zum Aufbau der Tribünen, noch 25 Tage bis zur ersten Premiere der Rosenberg-Festspiele Kronach. Die heißen unter neuem Namen mit dem Stück von William Shakespeare "Der Widerspenstigen Zähmung" ihre Gäste willkommen. Ein Neustart, der neugierig macht und staunen lässt.
Die gesamte Regie des Freilichttheaters liegt in diesem Jahr in den Händen von Heidemarie Wellmann. Die künstlerische Leiterin lässt in einem Interview hinter die Festungsmauern blicken und verrät, wie sie sich als Regisseurin und Schauspielerin mit ihrem Team auf die bevorstehende Saison vorbereitet und ihre Ideen auf die Bühne bringt. Für Heidemarie Wellmann bedeutet das, rund um die Uhr erreichbar zu sein.

Es bleibt noch knapp ein Monat bis zur ersten Premiere.
Wie laufen die Vorbereitungen? Und wie arbeitsintensiv sind die Proben?

Heidemarie Wellmann: Bisher haben wir mit unseren Statisten geprobt, Kostüme und Bühnenbild vorbereitet und viele, viele Requisiten besorgt. Das waren allerdings erst die Vor-Vorbereitungen. Jetzt geht es in die nächste Phase. Seit dieser Woche sind alle Schauspieler da. Ab jetzt heißt es: Proben, Proben, Proben.

Viele Veränderungen haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten angekündigt. Was ist denn nun tatsächlich anders?
Wir müssen die Aufgabe mit komplett anderen zeitlichen Strukturen meistern. Da wir in diesem Jahr keinen Faust mehr im Programm haben, spielen wir drei komplett neue Stücke, die in kurzem zeitlichem Abstand Premiere haben. Für Schauspieler und Statisten werden deshalb erheblich mehr Probenzeiten benötigt. Das bedeutet für uns ein erhöhtes Maß an Disziplin und Arbeitsaufwand.

Das hört sich nach einem straffen Zeitplan an. Was müssen Sie als Regisseurin eigentlich leisten?
Wie sieht ein Maroni-Mann aus? Oder wie verwandelt man die Bühne in einen Wald? Wie lässt man weiße Mäuse vom Himmel regnen? Regie bedeutet ja nicht, zuzuhören, wie die Schauspieler ihren Text sprechen. Man muss von Anfang an das große Ganze im Auge behalten. Das bedeutet, dass man sich viele, viele Monate vorher hinsetzt und überlegt, wie man den Text eines papierenen Stückes lebendig werden lässt, zu Bildern gestalten kann. Dazu gehören Kostüme, Requisiten, Licht, Effekte, Szenenwechsel - lange bevor ein Mensch die Bühne betreten hat.
Im Kopf eines Regisseurs muss das gesamte Stück schon ablaufen, wie ein Film. Und dann setzt er es, gemeinsam mit allen Beteiligten, um.

Sicherlich ist es nicht immer einfach, alle Fäden in der Hand zu haben. Wo haben Sie sich mehr erwartet, welche Schwierigkeiten sind mit der Regie verbunden?
Probleme gibt es am Theater immer. Oft entwickeln sich Dinge anders als geplant und man braucht für alles einen Plan B, C und D. Für uns alle war es natürlich auch ein Schock, dass unser Gastregisseur Ulrich Allroggen für "Die kleine Hexe" leider aus familiären Gründen sehr kurzfristig ausscheiden musste. Allerdings hatte ich zu dem Zeitpunkt schon so viele Vorarbeiten geleistet, dass unsere weiteren Proben relativ problemlos durchlaufen können. Eine zusätzliche Regie bedeutet also nur noch ein klitzekleines bisschen mehr Arbeit für mich. Als Schauspieler konnten wir schließlich Hardy Kistner gewinnen, der sich in das Abenteuer stürzt, Herrn Allroggens Rollen zu übernehmen .

Die Kronacher Festspiele leben ja bekanntlich von den vielen Statisten, die in die Stücke integriert werden. Entscheiden sich treue Faust-Statisten gerne für die neuen Stücke?
Es ist tatsächlich so, dass viele davon all die Jahre im altbekannten Faust mitgewirkt haben. Trotzdem ist die Zahl an Statisten immer in etwa gleich geblieben. Manche sind nicht mehr dabei, neue sind hinzugekommen. Mich persönlich freut es sehr, wenn sowohl alte Hasen als auch Neulinge Spaß an den Proben haben. In der "Kleinen Hexe" sind alle mit Feuereifer bei der Sache, sowohl ältere als auch jüngere Statisten haben Spaß. Eine erwachsene Frau freut sich zum Beispiel, den Schneemann spielen zu dürfen, und die Kinder dürfen begeistert kleine Mäuse werfen. Solche Dinge finde ich herzerwärmend.

Der Vorverkauf läuft bereits seit einigen Monaten. Kristallisiert sich schon ein heimlicher Favorit unter den drei Stücken heraus?
Ich habe natürlich mitbekommen, dass man in Kronach vor allem auf "Die kleine Hexe" gespannt ist. Das Kinderstück hat es aufgrund des aufwendigen Bühnenbilds und der vielen Requisiten auch am meisten in sich. Aber auch "Der Widerspenstigen Zähmung" und "Besuch der alten Dame" haben es wirklich in sich und können mit der einen oder anderen Überraschung aufwarten. Für mich hat jedes Stück seine absolute Besonderheit. Man darf gespannt sein.

Wie gelingt es Ihnen, zwischen Planungen und Proben einen kühlen Kopf zu bewahren?
Für viele Dinge, die ich normalerweise in meiner Freizeit mache, habe ich tatsächlich keine Zeit mehr. Mein Privatleben ist Nebensache geworden, um rund um die Uhr für die Festspiele erreichbar zu sein. Aber ich schreibe Tagebuch, seit ich sieben Jahre alt bin. Mittlerweile haben sich zwei große Umzugskisten davon angesammelt, und ich mache vielleicht mal ein Buch ... oder zehn Bücher daraus. Irgendwo sitzen und schreiben hilft in der Tat oft, dem Chaos des Tages eine gewisse Ordnung zu geben.

Welche Ziele haben Sie sich für die Rosenberg Festspiele 2016 gesetzt?
Etliche Menschen haben in den vergangenen 21 Jahren sehr viel Arbeit, aber auch Herzblut in die Festspiele gesteckt. Theater ist Kultur, ja. Aber es hat auch immer enorm viel mit Emotionen zu tun. Deshalb freut es mich, wenn so viele Kronacher eine persönliche Beziehung zu den Spielen aufgebaut haben, ob als Mitwirkende oder Zuschauer. Und noch mehr würde es mich freuen, wenn sie in diesem Sommer die Spiele wieder ganz neu für sich entdecken und sich diese Beziehung noch vertieft.

Das Gespräch führte
Mariell Dörrschmidt
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