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Kronach
XXL-Nacht

Nachtschicht: Unterwegs mit den Rettern auf der Festwiese

Platzwunden, Schnittverletzungen, Kreislaufkollapse, aber auch schmerzende Füße wegen neuer Schuhe - auf Nachtschicht in der BRK-Sanitätswache beim Freischießen.
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Während des Kronacher Freischießens sind insgesamt 270 ehrenamtliche Sanitäter im Einsatz.  Fotos: Heike Schülein
Während des Kronacher Freischießens sind insgesamt 270 ehrenamtliche Sanitäter im Einsatz. Fotos: Heike Schülein
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Ein Jugendlicher sitzt auf der Liege. Blut läuft ihm über das Gesicht und das Bein hinunter. "Ich möchte auf keinem Fall im Krankenhaus übernachten", sagt er aufgeregt und: "Das ist so eine Sch...". Sein Freund versucht, die Eltern des Jungen, die auf dem Festplatz unterwegs sind, per Handy auszumachen.

"Das muss genäht werden. Eine Platzwunde über der Augenbraue blutet halt gleich stark", sagt Einsatzleiterin Miriam Schirmer. Da öffnet sich die Tür der Sanitätsstation und der nächste Patient kommt herein. Der linke Daumen des Mannes blutet stark, aufgeschnitten an Scherben. Er setzt sich auf die zweite Liege und bekommt einen Daumen-Verband. Dann erhält Schirmer die Nachricht, dass vor einer Toilette eine bewusstlose Frau liegt - nicht die erste solche Meldung an diesem Abend. Sie schickt einen Trupp aus zwei Sanitätern los.

Es ist 23.30 Uhr am Freitagabend. Es regnet in Strömen. Miriam Schirmer ist patschnass. Noch vor wenige Minuten saß sie mit ihren Kollegen auf den Bierbänken vor der Sanitätsstation. Dann ging es Schlag auf Schlag. "Das ist ganz normal, dass dann immer alles auf einmal kommt", sagt sie gelassen. Man müsse eben immer in Alarmbereitschaft sein. Dem Jugendlichen wurde der stark einsetzende Regen zum Verhängnis.

"Wir wollten uns unterstellen und sind gerannt. Ich blieb an einem Fußabstreifer hängen und knallte genau gegen ein Geländer", erzählt er. "Welcher Tag ist heute", fragt ihn ein Mitarbeiter. "Freitag", antwortete er. "Mir ist nicht schwindlig. Ich möchte nicht ins Krankenhaus und ich will dort auf keinen Fall übernachten", sagt er erneut. Doch es hilft nichts, der georderte Einsatzwagen bringt ihn in die Frankenwaldklinik. Der Mann mit der Schnittwunde kann derweil wieder die Station verlassen. Beide Behandlungen werden in einem Verbandsbuch - einem Tagebuch - dokumentiert. "Wir müssen das nachverfolgen können, falls später etwas sein sollte", sagt Schirmer.

Mittlerweile erreicht sie die Nachricht der beiden Sanitäter, dass tatsächlich eine Person bewusstlos vor dem WC liegt - eine Frau mittleren Alters. Vor einigen Jahren sei man in solchen Fällen noch mit dem Einsatzwagen in die Hofwiese gefahren. Angesichts der Menschenmassen sei das aber zu gefährlich gewesen. "Jetzt schicken wir zwei Sanitäter hin und die Fahrzeuge werden an einem der drei Notausgänge positioniert". Zum Transport ins Krankenhaus, wohin es auch für die bewusstlose Frau geht, wird die Integrierte Leitstelle verständigt. Diese ordert den Einsatzwagen.

"270 ehrenamtliche Sanitäter sind an diesen zehn Tagen im Einsatz", erzählt BRK-Ehrenamtsmanager Ralf Schmidt. Das "ehrenamtlich" betont er, viele dächten immer noch, die Einsatzkräfte würden bezahlt werden. Bei den XXL-Nächten sei man zu zehnt vor Ort. Hinzu kommen noch die Mitarbeiter bei der mobilen Rettungsstation in der Alten Ludwigsstädter Straße beziehungsweise zwei zusätzlich e Rettungswägen. Somit seien rund 20 Personen im Einsatz.


Blasenpflaster sind der "Renner"

Typische Schützenfest-Verletzungen seien Schnittverletzungen aber auch - verbunden mit zunehmendem Alkoholkonsum - Schlägereien. Der Renner aber sind Blasenpflaster: "Wir musste in diesen beiden Tagen schon zwischen 30 und 40 Blasenpflaster ausgeben. Die Frauen wollen ihre neuen Schuhe passend zum Dirndl vorführen, aber sie laufen sie vorher nicht ein. Manche kommen nicht einmal bis zur Hofwiese rein", sagt sie und schmunzelt. Heuer habe man auch schon viele Wespenstiche und Kreislaufprobleme, bedingt durch die heißen Temperaturen, behandelt. Natürlich gebe es auch schlimme Sachen: Herzinfarkte, Schlaganfälle.

"Wir sind die erste Anlaufstelle. Da bekommt man in den Jahren viel mit", sagt Schirmer, die im zweiten Jahr den Einsatzführungsdienst inne hat. Die Sanitätsstation vor Ort auf dem Schützenfestplatz hat zwei Behandlungsplätze. Sie erinnert an ein kleines Krankenhauszimmer. Für die Notfallversorgung ist sie unter anderem mit einem Defibrillator ausgestattet. Der Dienst beim Schützenfest ist "beliebt". "Es ist ein interessanter Dienst. Man lernt viel - gerade auch solche, die noch nicht so lange dabei sind", sagt Schirmer.

"Vom Gefühl her, ist es mehr geworden. Heuer hatten wir in den beiden Tagen bisher auf jeden Fall mehr zu tun als im Vorjahr", sagt Schirmer. Und nicht immer wüssten die Patienten die kostenlose Hilfe auch zu schätzen. Manche würden aggressiv und die Helfer bedrohen - dann ist meist Alkohol im Spiel. In diesem Fall werde die gleich nebenan untergebrachte Polizei informiert. Helfen müsse man natürlich jedem. Insgesamt aber, meint Schmidt, sei es mit dem Alkoholkonsum besser geworden. Die verstärkten Kontrollen fruchteten. Die Behandlungszahlen seien relativ konstant. Aber es seien schlimmere Fälle, die einem verstärkt im Gedächtnis blieben. So sei man schon erleichtert, wenn die elf Tage vorbei seien und hoffentlich nichts Schlimmeres passiert ist.

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