Tettau
Religion

Multi-Kulti auf dem Friedhof?

Die Sargpflicht könnte in Bayern bald abgeschafft werden. Das würde Moslems zugute kommen. Für Adem Elkol aus Tettau etwa kommt eine Bestattung in der "Kiste" nicht in Frage. Aber würde er überhaupt in Deutschland ruhen wollen?
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Vielleicht wird man auf dem Kronacher Friedhof künftig mehr Musliminnen sehen, wie es unser Symbolbild nachstellt.  Foto: Hendrik Steffens
Vielleicht wird man auf dem Kronacher Friedhof künftig mehr Musliminnen sehen, wie es unser Symbolbild nachstellt. Foto: Hendrik Steffens
Wenn Adem Elkol mal stirbt, dann kommt für ihn nur "memleket topragı" als Ruheort infrage. Das ist türkisch und heißt Heimaterde, in seinem Fall Ankara. Bislang hätte es für den Tettauer Moslem mit türkischen Wurzeln auch keine Alternative gegeben. In Bayern herrscht nämlich Sargpflicht - und Moslems werden traditionell ohne Sarg beerdigt. Doch die Pflicht zur Sargbestattung könnte bald wegfallen.

Nach einer Anhörung im Innenausschuss des Landtags am Mittwoch, 17. Juni, in München deutete neben der Opposition auch die CSU die Bereitschaft an, die bisherige Rechtslage zu ändern. So könnte man Hunderttausenden Muslimen im Freistaat entgegenkommen. Aus religiösen Gründen lassen sie sich in der Regel nicht im Sarg beisetzen, sondern in Tücher eingewickelt.
Anders als in den meisten anderen Bundesländern ist das in Bayern noch nicht erlaubt.

Der letzte Flug in die Türkei

Die Rituale, die bei Beerdigungen gelten, kennt Adem Elkol wie jeder gläubige Moslem genau. Der Tote wird gewaschen, in ein weißes Baumwolltuch gehüllt und so beigesetzt, dass das Gesicht des Verstorbenen im Grab Richtung Mekka zeigt. "Ich komme aus Erde und kehren zur Erde zurück", meint Elkol, - und zwar ohne, dass eine Kiste ihn umhüllt.

In Kleintettau, seit 42 Jahren Elkols Heimat, war das wegen der geltenden bayerischen Gesetzeslage bisher nicht denkbar. Wenn ein türkischer Moslem in der Marktgemeinde starb, dann wurde dessen Leichnam in die Türkei ausgeflogen. "Jeder kann zu Lebzeiten angeben, in welcher Stadt er begraben werden möchte", sagt Elkol. Bei ihm und seiner Familie ist es Ankara, die Stadt ihrer Wurzeln. Aber wie kämen sie dorthin?

Der Transport von Leichen ist kein leichtes Unterfangen. Hier hilft bislang Ditib, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religionen aus. "Unsere Gemeinde hat eine Sterbekasse. Einen Fonds, in den alle Gemeindeglieder einzahlen", erklärt Elkol. So 50 bis 60 Euro, schätzt er, zahlt er jährlich ein. Daraus speist sich der Verein "Ditib-Zentrum für Soziale Unterstützung", der deutschlandweit unter anderem bei der Überführung seine Dienste anbietet.

Wenn ein Gemeindeglied stirbt, kümmert sich Ditib um den Flug und den Transport zum auserkorenen Friedhof. Dabei sind Särge übrigens erlaubt. Die Körper werden in einem luftdicht verlöteten, zugeschraubten Sarg mit Zinkeinlage transportiert. Zwischen 3500 und 4000 Euro kostet das, meint Elkol. "Es gab wohl sogar Schlawiner, die darin ein Geschäft entdeckten und sich bereichern wollten. Dann bot uns Ditib an, das zu übernehmen." Seit etwa 20 Jahren besteht dieses Angebot.

Der Sarg hat seinen Zweck

Der 48-Jährige lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Mit seiner Familie hat er sich in Kleintettau eingerichtet, arbeitet bei Heinz-Glas und ist das, was manche perfekt integriert nennen. Er ist hier zu Hause. Trotzdem. Wenn er mal stirbt, dann möchte er da begraben werden, wo seine Ahnen liegen. Sargpflicht in Bayern hin oder her.
Bedenken gegenüber der möglichen Neuerung äußert der Kronacher Bestatter Jürgen Pluschke. Nicht religiös oder kulturell - eher biologisch. "Für Verwesung braucht es Sauerstoff", sagt er. Im Sarg sei der - wenn auch in geringer Menge - vorhanden, bei einer Erdbestattung ohne einen Hohlraum entsprechend weniger. "Dadurch verlangsamt sich der Prozess oder kommt zum Stehen." Die Folge wäre, so Pluschke, dass Liegefristen auf Friedhöfen - aktuell meist zwischen 15 und 30 Jahren - verlängert werden müssten. Damit einher gingen höhere Gebühren für jene, die länger liegen wollen.

Muslime fordern ein ewiges Ruherecht. Aber ist das in Deutschland möglich? Die Entscheidung über Fristen liegt bei den Friedhofsträgern. Christa Büttner vom Friedhofsamt in Tettau - der Landkreiskommune mit dem vielleicht größten Anteil muslimischer Bürger - kann sich vorstellen, dass in Zukunft Moslems auf einem der vier Friedhöfe der Marktgemeinde ruhen. Die Kommune ist Träger aller Friedhöfe auf ihrem Gebiet. "Möglich ist alles. Selbstverständlich müsste der Marktgemeinderat darüber entscheiden, ob und in welcher Form die sarglose Bestattung gewährt werden könnte." Als Privatperson würde Büttner es begrüßen, wenn Moslems, "die hier gelebt haben, teilweise geboren worden sind und ein Teil der Gemeinde sind, auch gemäß ihrer Tradition hier ruhen dürften".
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