Kronach
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Minderjährige Flüchltinge in Kronach: Sie teilen Zimmer und Schicksal

Seit Ende Mai ist im Kronacher Bürgerspital wieder Leben eingekehrt. Statt Senioren leben dort jetzt 20 Jugendliche, die ihr Heimatland verlassen haben, um ohne Krieg weiterzuleben. .
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Abdel Samed und Mubarak aus Somalia Foto: Sarah Dann
Abdel Samed und Mubarak aus Somalia Foto: Sarah Dann
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Ganz egal, ob aus dem Kosovo, Senegal, aus Afghanistan, Marokko, Somalia, Guinea oder dem Irak: "Hallo" verstehen die 20 Jungs aus dem Bürgerspital alle und können nach den ersten Wochen in Kronach auch schon auf Deutsch zurückgrüßen. "Sie verschließen sich nicht", sagt Fritz Glock, Regionalleiter der Rummelsberger Diakonie, bei der Begegnung vor Ort. Seit Mitte, Ende Mai sind die Zimmer des ehemaligen Seniorenheimes wieder belegt und die Gänge belebt. Vorne im Gang klingt Musik durch eine Zimmertür, auf der die Namen Abdel Samed und Mubarak stehen. Immer wieder läuft einer der Jungs vorbei, linst zur Tür herein, grüßt.

Es ist die erste Unterkunft im Landkreis Kronach, die speziell für Flüchtlinge - minderjährig und ohne Eltern in dieses Land geflüchtet - geschaffen wurde. Die Bürgerspital-Stiftung habe "richtig investiert", wie Glock berichtet.
Wo früher ein Badezimmer zu finden war, wurde Platz für einen gigantischen Esstisch geschaffen. Nur die Zimmer-Notsignal-Anlage im Flur erinnert noch an die ehemaligen Bewohner. Mindestens für die nächsten zwei Jahre wird diese Anlage ausgeschaltet bleiben. Bis Ende 2017 hat die Rummelsberger Diakonie das Bürgerspital gemietet.

Zuhause auf Zeit
Nachdem die Flüchtlingsströme nicht enden und die Zahlen von offizieller Seite ständig nach oben korrigiert werden, steigt auch das Bedürfnis nach päda-gogischer Betreuung für minderjährige Flüchtlinge.
Jugendämter oder einzelne Personen übernehmen für die jungen Männer die Vormundschaft, Mitarbeiter wie Florian Bätz von der Rummelsberger Diakonie den fürsorglichen Part. Unterstützt werden die Mitarbeiter, die sich vor Ort den Schichtdienst teilen, von Diplom-Psychologin Birgit Schuhmann.

Gemeinsam, wie in einer überdimensionalen Wohngemeinschaft, wird gekocht, Wäsche gewaschen, eingekauft ... und das "gemeinsame Schicksal, hier in Kronach zu sein", geteilt. Es ist ein Zustand, der die 20 Männer froh und dankbar macht, das wissen und erfahren Florian Bätz und Fritz Glock im Umgang mit den Jugendlichen. Einerseits. Denn sie haben ihr Ziel erreicht: in Sicherheit leben. Andererseits werden die Jugendlichen, zwischen 16 und 18 Jahre alt, von ihrer Vergangenheit geplagt. Von den Erinnerungen an ihre Flucht, von der Ungewissheit, wie es ihren zurückgelassenen Familien geht, von der Angst, selbst wieder abgeschoben zu werden. "Es ist unvorstellbar, was sie durchgemacht haben", sagt Glock.

Einen Teil der (Flucht-)Geschichten erfahren die Mitarbeiter möglicherweise nach und nach im Gespräch, viel machen die jungen Männer aber mit sich selbst aus. Sie jammern nicht, sondern wollen hier ankommen.

Traumberuf vor Augen
Ganz gut funktioniert das wohl beim Kicken im Park oder beim Romméspielen im Gemeinschaftszimmer. Solche Erlebnisse sind auch für die Mitarbeiter besonders, wenn die Regeln beim Kartenspiel in der anderen Kultur so ausgelegt sind, dass die Dame weiter oben steht als nach deutschem Regelwerk, erinnert sich Florian Bätz.
Das "Eingangstor" der Integration sei aber die Sprache, sagt Glock. In Abdels Nachttisch liegt sein Deutschbuch. Die ersten Seiten hat der 17-Jährige aus Somalia bereits im Deutschunterricht ausgefüllt. Wie deutsche Kinder auch sind die minderjährigen Flüchtlinge schulpflichtig. Die meisten von ihnen lernen gerne. "Da sind richtige Perlen dabei", sagt Glock. Er wünscht sich, appelliert regelrecht, dass Flüchtlinge gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung als Chance gesehen werden.

Abdel muss zwar noch auf Englisch erklären, was seine Ziele sind, aber immer wieder schleicht sich auch schon ein deutsches Wort dazwischen ein. Mechaniker will er werden. Sein Zimmerkollege und Landsmann Mubarak auch. Und auch Samir aus Marokko, der sich neugierig in die Runde gesellt, hat einen klaren Berufswunsch vor Augen: Koch will er werden. In seinem neuen Zuhause und der neuen Selbstversorgerküche hat er schon hin und wieder für seine Mitbewohner gekocht. Pizza oder Omelett schmecken den jungen Männern - egal, wo sie her kommen.

Wie minderjährige Flüchtlinge die Jugendämter belasten: Interview und Kommentar


 

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