Kronach
Verborgene Orte

Kronachs antikes Hochhaus

Jeder Bewohner der Stadt ist bestimmt schon mal dran vorbeigelaufen. Aber wenige haben den Blick aus seinem Obergeschoss genossen. Wir waren für Sie im Stadtturm, in dem Türmer Stefan Wicklein manchmal "Komet" hört.
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Stefan Wicklein reißt sich nicht darum, fotografiert zu werden. Aber zu einem Porträt vor "seinem" Stadtturm lässt er sich überreden.  Fotos: Steffens
Stefan Wicklein reißt sich nicht darum, fotografiert zu werden. Aber zu einem Porträt vor "seinem" Stadtturm lässt er sich überreden. Fotos: Steffens
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Die Aussicht ist bombastisch. Wenn das Wetter passt und der Kalender es hergibt, zieht sich Stefan Wicklein in sein Turmzimmer zurück, 113 Stufen über Kronachs Oberer Stadt. Auf Augenhöhe mit der Festung macht er es sich auf einem Hocker am Fenster gemütlich und genießt die Abgeschiedenheit von der Alltagshektik.

"Wenn ich im Turm bin, stelle ich ein Schild raus, mit dem ich Besucher willkommen heiße", sagt Wicklein, der seit fünf Jahren Türmer zur Miete ist. Jeder dürfte ihn dann oben besuchen, aber nur wenige schnaufen wirklich die 113 Stufen hoch. Und so haben noch nicht sehr viele Kronacher den Blick aus dem Obergeschoss genossen. Das liegt auch daran, dass Wicklein den Turm nicht touristisch nutzen darf. "Dazu bräuchte ich eine separate zweite Treppe. Das wäre schwer zu realisieren", sagt er und deutet in das enge Treppenhaus. So bleibt der Stadtturm für viele ein verborgener Ort. Wir haben ihn besucht.

Das Erdgeschoss wird von einer Kanone bewacht. "Der alte Böller ist aber nur Nachbau und wird nicht geschossen", erklärt Wicklein. Abgesehen davon ist in dem Gemäuer aber noch vieles in Funktion. Wie der alte Donnerbalken mit 25 Meter freiem Fall. Oder das Grammophon und das hölzerne Loewe-Opta-Radio "Komet" im Tür merzimmer unter dem Dach.

Ursprünglich acht Meter höher

Der Turm ist das vermutlich älteste Gebäude der Stadt. Der Mittelteil - wo der Sandstein außen dunkel verfärbt ist - stammt wohl von 1571 und das Obergeschoss mit der Türmerwohnung von 1819. Ursprünglich war der Turm acht Meter höher als jetzt. "Er musste dann gekürzt werden, weil er das Schussfeld der Festung einengte."
Treppauf weist Wicklein auf die dicken Bodendielen. "Die sind von 1571. Darauf standen Kronacher schon, als die Schweden vor der Stadtmauer lagen."

Ursprünglich war der Turm nicht nur Wachturm gegen Feinde, sondern auch gegen Feuer: Wenn der Türmer einen Brand bemerkte, gab er Signal. Zur Richtung, in der es brannte, hängte er eine Flagge und nachts eine Laterne raus - bis 1923.

Der Stadtturm hält viel Geschichte bereit. Sehen Sie selbst - wenn Stefan Wicklein oben sitzt und sein "Willkommen"-Schild herausgestellt hat.


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