Neuses
Natur

Kleiner Vogel sorgt für große Folgen

Mitte Januar wurde in Neuses ein erstmals ein Blutspecht in Deutschland nachgewiesen. Seitdem ist die oberfränkische Stadt das Ziel von Vogel-Touristen.
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Blutspechte wie dieses Weibchen ernähren sich vornehmlich von Früchten, Nüssen, Kernen oder Insekten. Sie halten sich daher gerne in der Nähe von Obstgärten, Parks oder Friedhöfen auf. Foto: Z. Tunka
Blutspechte wie dieses Weibchen ernähren sich vornehmlich von Früchten, Nüssen, Kernen oder Insekten. Sie halten sich daher gerne in der Nähe von Obstgärten, Parks oder Friedhöfen auf. Foto: Z. Tunka
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Die Deutschlandreise dauert nur wenige Sekunden. "Nordfriesland, München, Regensburg, Frankfurt, Recklinghausen, Wuppertal", rattert Andrea Borg herunter, ehe sie plötzlich unterbricht. "Das könnte ich jetzt noch einige Zeit fortführen." Jeden Kunden, der die Neuseser "Metzgerei Jutta Hummel" derzeit betritt, fragt die Angestellte nach dem Wohnort. Jedenfalls jeden, den sie oder ihre Kollegen nicht ohnehin persönlich kennen. Das Ergebnis landet in einer Liste, die inzwischen länger sein dürfte, als der Bestellzettel mancher Supermärkte. Über 80 Städtenamen sind mittlerweile darauf vertreten.

Dabei begann die ungewöhnliche Marktforschung erst vor wenigen Wochen. Der Grund der vielen überregionalen Besuche sind allerdings nicht die Wurstwaren der Metzgerei, sondern ein knapp 20 Zentimeter großer - lebendiger - Vogel: Der Blutspecht. "Uns hat es einfach interessiert, von wo aus die Besucher alle kamen, um ihn zu sehen", sagt Borg.


Auf Nahrungssuche

Spätestens seitdem der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) am 28. Januar mitteilte, dass im Kronacher Stadtteil Neuses erstmals die seltene Art nachgewiesen wurde, ist die Lucas-Cranach-Stadt neben Kunstliebhabern auch Vogelfreunden ein Begriff. Aus allen Teilen der Republik strömten Ornithologen nach Oberfranken, um selbst einen Blick auf den Vogel werfen. Denn zu finden war der bisher vor allem in Südosteuropa. Während der Blutspecht in den Neuseser Obstbäumen auf Nahrungssuche ging, versuchten seine Beobachter ihr Glück in der Metzgerei. "Mittags gingen uns schon die Semmeln aus", erinnert sich Borg. Die höheren Einnahmen dürften den ebenfalls erhöhten Stress aber wohl schnell Vergessen gemacht haben.


Zunächst skeptisch

Weniger erfreut zeigte sich der Landesbund von dem großen Besucherzustrom. "Wir verstehen das Interesse an diesem besonderen Vogel, aber die ökologische Belastung durch eine weite Anfahrt steht dabei in keinem Verhältnis zum Nutzen der Beobachtung", teilt der LBV-Ornithologe Thomas Rödl mit. Auch Katharina Richter betrachtete das plötzlich rege Treiben in ihrem Wohnort zunächst skeptisch. Die Frau veröffentlichte vor rund einem Monat ein Foto des Vogels auf der Facebook-Seite des LBV und lenkte die Aufmerksamkeit somit erst nach Neuses. "Ich hätte nie gedacht, dass das so große Wellen schlägt. Auf einmal kamen die Leute aus allen Löchern. Das war schon etwas komisch", sagt sie. "Aber es war noch im vertretbaren Rahmen."

Denn viele der Besucher seien mit dem Zug angereist oder hätten Fahrgemeinschaften gebildet, um die Natur nicht zu sehr zu belasten. Inzwischen kann Richter die Motivation der Hobby-Ornithologen nachvollziehen: "Andere Leute fahren in den Urlaub, sie schauen sich Vögel an und haben einen Riesenspaß, weil ein kleiner Specht im Baum sitzt." Zudem sei es faszinierend zu sehen, mit welchem Wissen die Besucher teilweise ausgestattet sind. Auf der Suche nach dem Blutspecht habe sie etwa einer der Hobby-Ornithologen auf andere seltene Vögel wie einen Rotmilan (Greifvogel) aufmerksam gemacht. "Den hätte ich sonst nie entdeckt", vermutet die 30-Jährige.

Auch wenn sie gerne das rege Treiben beim Vogelhäuschen vor ihrem Küchenfenster beobachte, als Hobby-Ornithologin würde sie sich nicht bezeichnen wollen. Dennoch fiel ihr auf, dass ein Specht, der in ihrem Garten von Baum zu Baum flatterte, kleiner war als seine Artgenossen. "Das kannte ich von den herkömmlichen Buntspechten nicht. Außerdem hat mich stutzig gemacht, dass er am Kopf keinen Streifen hatte."

Fast hätte jedoch kaum jemand davon erfahren, dass der Blutspecht, der auch schon in Tschechien gesichtet wurde, den Weg über die Grenze gefunden hat. Als sich der Vogel auf den Ahornbaum der Nachbarn setzte, griff Richter zum Fotoapparat. "Ich habe mit Müh' und Not noch abdrücken können, ehe er aus dem Bild flog", erzählt sie. Da der LBV gerade seine Beobachtungs-Aktion "Stunde der Wintervögel" beendet hatte, war Richter neugierig, ob nicht auch an anderen Stellen in der Region ein Blutspecht gesichtet wurde - zu ihrer Überraschung nicht.


Leichter Weg zum Blutspecht

Die Folge: Noch bevor der LBV den Vogel einwandfrei identifizierte, machten sich die ersten Vogelfreunde auf den Weg. Gerade an den Wochenenden herrsche nun großer Trubel, sagt Richter. Manchmal mache auch sie sich noch auf den Weg zum Blutspecht. Denn zu Hause ist er inzwischen am südöstlichen Ortsrand. "Lange suchen muss ich ihn aber nicht. Da reicht es, wenn ich einfach dem Pulk nachlaufe, die können ihn viel besser finden", sagt Richter und lacht. "Mit der Entdeckung habe ich vielen Leuten eine Freude gemacht, was wiederum mich gefreut hat."

Obwohl sie sich mit den Besuchern gerne unterhalte, würde sie ihrer Entdeckung in naher Zukunft gerne etwas mehr Ruhe wünschen. "Auch wenn ihm der ganze Rummel nichts auszumachen scheint, wäre es schön, wenn er sich in der Balzzeit ohne Stress auf Partnersuche begeben könnte", so Richter. Noch ein bis zwei Wochen dürfte das Interesse aber anhalten, schätzt sie.

Cordula Kelle-Dingel hat sich noch keinen persönlichen Eindruck von der Blutspecht-Szenerie gemacht - obwohl die Umwelt mit der kurzen Anreise der Kronacher LBV-Kreisvorsitzenden wohl keine Probleme hätte. Sie sieht den Vogel-Tourismus ähnlich kritisch wie ihr LBV-Kollege. Zwar kämen dadurch viele jüngere Menschen zum Hobby Vögel-Beobachten, doch es gebe auch eine Kehrseite der Medaille.


Sorge um künftige Meldungen

Etliche engagierte Ornithologen und Artenschützer hätten ihr bereits mitgeteilt, dass der Vogeltourismus für sie ein Grund sei, keine Beobachtungen auf einschlägigen ornithologischen Internetseiten mehr zu melden. Für diese Vogelfreunde habe der Natur- und Artenschutz vor Ort Vorrang vor einer möglichst großen Zahl an aufzuweisenden Beobachtungen.

"Natürlich ist es schön, wenn sich Menschen für Vogelbeobachtungen begeistern können und der eine oder andere jetzt etwas genauer hinschaut und erkennt, dass es mehr gibt als nur Amsel, Drossel, Fink und Star", sagt Kelle-Dingel. Sie fände es allerdings schade, wenn nun naturverbundene Menschen, die ihr bisher besondere Beobachtung mitteilten, darauf nun verzichten würden.

Andrea Borg wurde durch die Entdeckung an frühere Zeiten erinnert. "Vögel hatten mich einmal sehr interessiert", sagt sie. "Da habe ich nun gleich noch einmal durch meine alten LBV-Bücher geblättert."


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