Kronach
Prozess

Haxen wären kein Genuss gewesen

Verdorbenes Fleisch hätte in den Verkauf kommen können. Dafür musste sich der Geschäftsführer eines Schlachthofes nun vor Gericht verantworten.
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30 Tonnen Fleisch werden täglich in dem Schlachthof verarbeitet. Fünf Kalbshaxen, die im Sommer 2015 bei Routinekontrollen sichergestellt wurden, sahen allerdings nicht so frisch aus wie auf diesem Bild.  Foto: Archiv
30 Tonnen Fleisch werden täglich in dem Schlachthof verarbeitet. Fünf Kalbshaxen, die im Sommer 2015 bei Routinekontrollen sichergestellt wurden, sahen allerdings nicht so frisch aus wie auf diesem Bild. Foto: Archiv
Drei Stunden lang schwebte das Wort durch den Sitzungssaal im Kronacher Amtsgericht. Aussprechen wollte es niemand. Nicht der Richter, nicht die Staatsanwältin, keiner der fünf geladenen Zeugen - und schon gar nicht der Angeklagte, der sein Recht in Anspruch nahm, die Aussage zu verweigern. In den Mund nahm es ausgerechnet dessen Anwalt: Gammelfleisch. Dreizehn Buchstaben mit großer Strahlkraft.

Schon der Verdacht, mit dem bei der Wahl zum Wort des Jahres 2005 auf dem fünften Platz gelandeten Begriff in Verbindung zu stehen, reichte bei manchen Betrieben aus, Insolvenz anmelden zu müssen. "Es kann medial vernichtend sein", erklärte der Anwalt daher auch in seinem Plädoyer. "Das ist kein Wort, dass dieses Verfahren prägen darf." Dass in seinen Gedanken hinter dem Satz ein dickes Ausrufezeichen steht, dürfte in diesem Moment selbst Besuchern in der hintersten Reihe deutlich geworden sein.


Auch dem Richter schien es wichtig zu sein, dem mitunter vernichtenden Wort seine Strahlkraft zu nehmen. "Von einem Gammelfleisch-Prozess kann angesichts der geringen beanstandeten Menge keine Rede sein", betonte Hendrik Wich rund eine Stunde später in seiner Urteilsbegründung. Einen solchen Vorwurf müsse der Angeklagte - Geschäftsführer eines Schlachthofs aus dem Kreis Kronach - für seinen Betrieb nicht gelten lassen. Schließlich seien es täglich 30 Tonnen Fleisch, die den Schlachthof ohne Beanstandung verlassen.

Fünf nicht eingefrorene Kalbshaxen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war, habe der Angeklagte in einem Kühlraum des Schlachthofs aufbewahrt, warf ihm die Staatsanwaltschaft vor. Obwohl er gewusst habe, dass die Lebensmittel für den menschlichen Verzehr "inakzeptabel geworden waren", habe er sie vorrätig gehalten, um sie an Kunden weiterzugeben. Außerdem wurde dem Geschäftsführer vorgeworfen, dass gleich zwei Mindesthaltbarkeitsdaten (MHD) angegeben waren. Eines für den Kauf als Frischware bei maximal vier Grad sowie eines als eingefrorenes Produkt bei minus 18 Grad.


Zwischen Grau und Grün

Die im Sommer des vergangenen Jahres im Zuge einer Routinekontrolle gefundenen Haxen seien allerdings unaufgetaut gewesen. "Fleisch, das zum Einfrieren bestimmt ist, muss ohne ungerechtfertigte Verzögerung eingefroren werden, was Ihnen auch bekannt war", hieß es in der Anklageschrift. Vor Gericht stand der Angeklagte nicht als direkt Handelnder, jedoch in seiner Funktion als Geschäftsführer als Verantwortlicher. Die fünf Zeugen, die als Kontrolleure für das Kronacher Landratsamt beziehungsweise die Regierung Oberfranken tätig sind, untermauerten die Vorwürfe der Staatsanwältin. "Die Temperatur hat gepasst, aber bei einer Haxe war das Vakuum der Verpackung beschädigt, sodass Luft hineingekommen ist. Zudem war das Mindesthaltbarkeitsdatum einmal überschritten und einmal fast erreicht, weshalb eine Probe gezogen wurde", gab ein Kontrolleur an.
Aufmerksam geworden seien er und seine Kollegen auch durch eine ungewöhnliche Farbe. Zwei Zeugen sprachen von einer grünlichen, drei von einer grau-grünlichen Flüssigkeit, die sich auf dem Fleisch gebildet habe. Einig waren sie sich allerdings darin, einen penetranten Geruch wahrgenommen zu haben. "Das alles sind in der Regel Anzeichen für ein Verderben", sagte ein 51-jähriger Zeuge.

Welche Gefahren hätten eigentlich bestanden, wenn ein Kunde eine der Haxen gegessen hätte, wollte Wich von einem Gutachter wissen. Denn festgestellt wurden in den Untersuchungen am Fleisch unter anderem Enterobakterien (Darmbakterien) und Hefen. "So stark wie die gerochen haben, glaube ich, dass der Verbraucher sie auf keinen Fall gegessen hätte", sagte der 57-jährige Gutachter.


Kürzeres Verfahren möglich

Die Staatsanwältin sah sich angesichts der Aussagen in der Anklage bestätigt und forderte eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu 63 Euro. Da der Angeklagte keine Vorstrafen hat, reiche eine Geldstrafe. Deutlich anders sah dies freilich der Anwalt, der lieber einen Freispruch gesehen hätte. Er sah einerseits keine Irreführung durch zwei Mindesthaltbarkeitsdaten und kritisierte Verfahrensfehler. So sei seinem Mandanten kein Teil der beanstandeten Haxen überlassen worden, um so ein Gegengutachten durchführen zu können.
Der Richter blieb in seinem Urteil letztlich deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft und verhängte lediglich 20 Tagessätze zu je 65 Euro. Der Angeklagte habe Sünden begangen, wenn auch lässliche. Dadurch, dass das Fleisch in den Kühlraum kam, sei es allerdings in den Verkehr gebracht worden.

Dem Anwalt gab Wich Recht, dass ein Verfahren in dieser Größenordnung nicht nötig gewesen wäre. "Wenn der Antrag gestellt worden wäre, das Verfahren gegen die Zahlung einer Geldstrafe einzustellen, hätte ich wohl mit mir reden lassen", sagte er in Richtung der Staatsanwältin.

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