Kronach
Interview

Faust-Festspiele "in Kronach: Gretchen mit 100 - das passt nicht"

Heidemarie Wellmann hat sich nicht nur als Schauspielerin einen Namen bei den Faust-Festspielen gemacht, sondern mittlerweile auch als Regisseurin. Wie sie beides unter einen Hut bekommt und warum sie nicht der weibliche Jopie Heesters werden will, verrät sie im Gespräch mit uns.
Artikel drucken Artikel einbetten
Heidemarie Wellmann, hier als Diener zweier Herrn, gehört seit 20 Jahren zu den Schauspielern bei den Faust-Festspielen...
Heidemarie Wellmann, hier als Diener zweier Herrn, gehört seit 20 Jahren zu den Schauspielern bei den Faust-Festspielen...
+1 Bild
Sie ist fester Bestandteil bei den Faust-Festspielen, spielt seit 20 Jahren das Gretchen im Faust. Im Gespräch mit uns spricht Heidemarie Wellmann über ihre Paraderolle und natürlich auch über die bevorstehende Festspiel-Saison.

Die Proben sind ja schon in vollem Gange. Wie läuft es denn ?
Heidemarie Wellmann: Ja, im Moment proben wir jeden Tag. Und das ist ganz schön anstrengend, weil wir alle drei Stücke parallel proben.

Erstmals ist heuer Uli Scherbel, ein guter Freund von Ihnen, dabei. Wie laufen die Proben mit ihm?
Problemlos. Interessant ist, dass er so eine Energie und Präsenz hat, dass man ganz anders zuhört. Er sagt die Sätze auf eine Art und Weise, dass nicht nur die Statisten mucksmäuschenstill sind, sondern auch ich - wo wir Faust I ja jedes Jahr spielen und ich den Text auch schon zigmal mitgelesen habe - mich tatsächlich frage "Stand das schon immer im Text?".

Sie spielen nicht nur in allen drei Stücken in dieser Saison mit, vielmehr führen Sie, mittlerweile zum vierten Mal, auch Regie bei einem Stück. Wie klappt das?
Das ist schon anstrengend. Zumal der Florentinerhut ein Stück mit ganz vielen Leuten ist, einige Schauspieler mehrere Rollen haben und einige Gästeschauspieler noch nicht da sind. Und dann hab ich diesmal auch noch eine große Rolle in dem Stück. Normalerweise habe ich bei dem Stück, bei dem ich Regie führe, am liebsten eine kleine Rolle, weil ich mich dann auf die Regie konzentrieren kann.

Wie kam es denn dann zur Hauptrolle im Florentinerhut?
Wenn man ein Stück liest, dann ergibt sich ganz viel, dann weiß man gleich, welche Rolle für wen in Frage kommt. Und nachdem das diesmal relativ viel Text ist und viele Schauspieler jetzt noch nicht da sind, habe ich dann entschieden, dass ich das am besten selbst mache. Das ist natürlich eine Herausforderung und kräftezehrend.

Schauspielen und Regieführen, wie bringen Sie das beides unter einen Hut?
Es sagen viele Schauspielkollegen, dass sie das nicht könnten. Aber ich habe schon immer analytisch gearbeitet, schon am Konservatorium. Das kann ich nun gut beim Regieführen einsetzen und habe trotzdem noch das Emotionale in den Schauspielrollen.
Ich denke aber schon darüber nach, das Gretchen im Faust in den nächsten Jahren abzugeben.

Wie bitte?
Ja, ich will ja nicht wie Jopie Heesters sein. Die Geschichte des Gretchens kann man wahrscheinlich auch noch nachvollziehen, wenn man 100 ist, aber dann würde es nicht mehr passen. Ich will es freiwillig abgeben, zu einer Zeit, wo ich denke, dass es gut ist.

Und wann ist das?
Genau weiß ich das noch nicht, aber wie gesagt definitiv nicht erst mit 100.

Was gefällt Ihnen denn an den Faust-Festspielen?
Dass von Anfang an Theater im ursprünglichsten Sinne gemacht wird. Wir erzählen den Leuten Geschichten, wollen sie unterhalten. Wollen, dass sie gefühlsmäßig gefangen sind - egal ob lachend bei der Komödie oder traurig bei der Tragödie.

Gutes Stichwort. Was spielen Sie lieber, Tragödie oder Komödie?
Das hat beides etwas. Die Tragödie fällt mir vielleicht vom Typ her leichter und bei der Komödie kann man halt richtig auf den Putz hauen. Wenn ich als Gretchen sehe, wie die Leute im Publikum das Taschentuch zücken, dann gibt das genauso Energie, wie wenn sie bei der Komödie lachen.

Was wünschen Sie sich für die Faust-Festspiele?
Ich wünsche mir, dass sie weiter ausgebaut werden. Jetzt haben wir 20 Jahre in einer so kleinen, abgelegenen Stadt so gut geschafft, dass ich mir noch weitere 20 Jahre wünsche, in denen man aber das, was wir hier machen, auch weiter nach außen trägt. Es ist noch Luft nach oben, die Faust-Festspiele auch außerhalb des Landkreises noch bekannter zu machen.

Sind Sie denn eigentlich nach 20 Jahren vor den Auftritten noch aufgeregt?
Ich bin immer aufgeregt, am meisten vor der Premiere. Und wenn man Regie führt, ist man nochmal mehr aufgeregt, weil man da anders drauf schaut, als als Schauspieler. Als Schauspieler ist man nur für sich verantwortlich, aber als Regisseur achtet man ja auch drauf, wie die Inszenierung beim Publikum ankommt. Doch ich denke, wenn man nicht mehr aufgeregt ist, hat man den Respekt vor der Bühne verloren. Und das ist man dem Publikum schließlich schuldig.

Und was machen Sie gegen diese Aufregung?
Ich ziehe mich meistens vor jedem Stück zurück auf die Bastion, gehe den Text nochmal durch und versuche mich zu konzentrieren.

Was war denn Ihre schönste Rolle in den 20 Jahren?
Es gab ganz viele schöne Rollen. (Sie legt den Kopf schräg und überlegt) Die lustigsten waren der Diener zweier Herrn und der Geizige. Mein Herzblut aber hängt am Gretchen. Und dabei dachte ich damals, als es mir angetragen wurde, dass ich dafür nicht der Typ bin, weil ich nicht das typische Blondchen bin. Das erste was ich damals gefragt habe, war auch, ob ich mir die Haare blond färben muss (lacht).

Und trotzdem wollen Sie es abgeben?
Ja, wie gesagt, die Geschichte dieser Frau kann man in jedem Alter nachvollziehen, aber wenn man als Oma das Gretchen gibt, passt das nicht mehr.





Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren