Als Schüler hilft er seinem Lehrer beim Auszug, schleppt dessen Möbel die 113 Stufen mit hinunter. Dass er über 20 Jahre später seine Möbel eben diese 113 Stufen wieder hinauf schleppen wird, davon träumt Stefan Wicklein wohl schon damals.
Seit 1992 kümmert er sich um den Turm und seit einem Jahr ist er der Stadttürmer - und wird damit auch seinem Namen, den er bei der Rytterschaft hat, Stefan der Türmer, gerecht.

Schlüsselbeauftragter


"Zuvor hat der Förderkreis Kronach und sein Umland den Stadtturm gemietet. Ich war Schlüsselbeauftragter. 2009 hat der Verein den Turm abgegeben. Und nachdem das Dach undicht und deshalb alles nass und schimmlig war im Turm, habe ich angeboten, die Türmerwohnung herzurichten und wieder begehbar zu machen, wenn ich einen Mietvertrag bekomme", erinnert sich Stefan Wicklein.
Also macht er sich daran, nachdem das Dach notdürftig repariert war, das Türmergeschoss trocken zu legen, den Schimmel zu beseitigen, Fehlstellen in Wand und Decken zu ersetzen und die Räumlichkeiten neu zu streichen. Dann kann er sich "endlich" daran machen, den Turm einzurichten. Mittlerweile sind auch die Elektroinstallation und die Wasserleitung wieder intakt. "Das war mühselig und auch nicht billig", sagt Wicklein.
Er unternimmt mehrere Fahrten zu Trödelmärkten, schaut sich in Aktionshäusern um und erwirbt so verschiedene Einrichtungsgegenstände - alle mit Bezug zu Kronach - für den Stadtturm, damit dieser seinem Bild um 1900, als die letzten Stadttürmer dort lebten, wieder so nahe wie möglich kommt.
"Die Grundmauern stammen aus dem 13. Jahrhundert, 1571 wurde der Turm hochgezogen. Damals war er noch höher als heute, hatte eine Zwiebelhaube mit Galerie oben drauf", weiß Wicklein, der historisch interessiert ist, verschiedene Führungen - natürlich auch im Stadtturm - anbietet.
Doch der Festungskommandant fühlte sich durch die Zwiebelhaube des Stadtturms in seinem Schussfeld eingeengt. Und so wurde der Stadtturm 1813 ein Stück weit abgerissen, war dann ein Stockwerk tiefer als heute. 1819 kam ein Stockwerk mit Dach wieder drauf, "auch weil sich der damalige Stadttürmer beschwert hat, dass er ohne Dach leben muss".
Die Türmer waren für die Feuerwache zuständig, erklärt Wicklein: "Wenn es wo gebrannt hat, hängte der Stadttürmer eine rote Fahne auf der Seite aus dem Turm, wo es gebrannt hat. So wussten die Feuerwehrmänner immer, in welche Richtung sie fahren müssen. Zusätzlich läutete er die Feuerglocke. Und nachts hielt er statt der roten Fahne eine rote Lampe aus dem Fenster."
Weiter gehörte es zu den Aufgaben des Stadttürmers, die Wein- und Schlafglocke - auch Lumpenglocke genannt - zu läuten: "Immer eine viertel Stunde, bevor die Stadttore schlossen, läutete der Stadttürmer diese Glocke, damit auch die letzten, die noch in den Gastwirtschaften saßen, rechtzeitig heim gingen, bevor die Tore geschlossen wurden." Um daran zu erinnern, hat Stefan Wicklein beispielsweise bei Ebay zwei Glocken ersteigert. Eine weitere Aufgabe war auch die musikalische Erziehung der Kronacher Jugend. So waren die Stadttürmer auch Stadtmusikmeister und der Stadtturm "die erste Kulturstätte in Kronach", sagt Stefan Wicklein lachend.
Letzter Stadttürmer war Jakob Dippold, der den Turm bis 1916 bewohnte. Bis 1973 diente der Stadtturm dann als Sozialwohnung, anschließend haben ihn verschiedene Kronacher als Ferien- oder Wochenenddomizil genutzt.

Interessierten zugänglich machen


"Komplett hier zu wohnen wäre auch nicht möglich. Man müsste so viel umbauen, dass der Turm nicht mehr schön wäre", sagt Wicklein. Er selbst ist besonders im Sommer oft in "seinem" Turm. Dann bietet sich ihm ein toller Blick über Kronach und seine Stadtteile bis ins Haßlachtal: "Die Lage ist einmalig, alles ist ein bißchen weiter weg, man hat seine Ruhe und ist trotzdem mitten in der Stadt. Man ist hier dem Himmel einfach ein Stückchen näher und auf Augenhöhe mit der Festung", sagt Stefan Wicklein, während er aus dem Fenster des Stadtturms blickt.
Deshalb habe er es auch "noch keine Minute" bereut, den Stadtturm gemietet und restauriert zu haben - trotz aller Unannehmlichkeiten wie einem Plumpsklo .
Und eben weil er selbst so begeistert ist von dem Turm, ist es ihm auch wichtig, dass er ihn nicht nur für sich nutzen will. "Interessant wäre es, ihn touristisch zu nutzen, aber das geht nicht, weil es keinen zweiten Fluchtweg gibt", bedauert Wicklein zwar. Doch er weiß sich, beziehungsweise den Kronachern und seinen Besuchern zu helfen: "Immer, wenn ich hier im Turm bin, stell ich ein Schild raus, dass man mich oben besuchen kann und dann kommen alle zehn Minuten interessierte Leute schnaufend hinauf", erzählt Wicklein erfreut. Auch die Viertelmeister haben mit dem Turm nun ein offizielles Domizil. Zudem bietet er eine Führung zur Geschichte der Stadttürmer an.
"Ich erfreue mich einfach an Orten, die eine Geschichte haben. Ich finde es zum Beispiel großartig, wenn ich weiß, ich steh' hier im Stadtturm auf dem Dielenboden aus dem Jahr 1571, auf dem auch schon die Schweden abgewehrt wurden", erklärt Stefan Wicklein, woher sein stadtgeschichtliches Interesse rührt.
Und so will er den Stadtturm auch weiter ausgestalten, möchte beispielsweise eine Fahne hissen, die der ursprünglichen Stadtfahne, die lange Zeit am Stadtturm hing, ähnlich ist. Auch dämmen müsse er die Räume noch, da es im Stadtturm keine Heizmöglichkeit mehr gibt.
Alleine ist Stefan Wicklein bei all dem aber nicht, haben doch seine Feuerwehrkameraden und Freunde schon geholfen, die verschiedenen Möbel die 113 Treppenstufen mit hinaufzutragen. So wie er damals seinem Lehrer beim Auszug geholfen hat.