Kronach
Interview

"Diese Region wird am Ende gewinnen"

Seit das Thema "Nationalpark" öffentlich wurde, folgten Wochen des Dialogs, aber auch der Dissonanzen. Wie hat MdL Jürgen Baumgärtner diese Zeit erlebt?
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Jürgen Baumgärtner will das Thema "Nationalpark" im Dialog genau unter die Lupe nehmen. Hierzu führt er momentan mit vielen Interessenvertretern Gespräche. Foto: Archiv/Peter Fiedler
Jürgen Baumgärtner will das Thema "Nationalpark" im Dialog genau unter die Lupe nehmen. Hierzu führt er momentan mit vielen Interessenvertretern Gespräche. Foto: Archiv/Peter Fiedler
Jürgen Baumgärtner öffnet die Tür zu seinem Büro. Begrüßen kann er unseren Reporter nur mit einer Geste. Er hat das Telefon am Ohr eingeklemmt und unterhält sich parallel mit einem Bürger. Das Thema: die Auswirkungen eines möglichen Nationalparks.

Den Frankenwald vor rund vier Wochen als Bewerber für ein solches Naturschutzgebiet ins Gespräch zu bringen, hat den Abgeordneten schon viele Stunden gekostet. Es gibt Unterstützung, es gibt Fragen, es gibt Ängste. Wir wollten im Interview wissen, wie Baumgärtner diese intensive Zeit erlebt hat.

Welche positiven und negativen Eindrücke sind Ihnen aus dem bisherigen Dialogprozess besonders im Gedächtnis haften geblieben?

Jürgen Baumgärtner: Stürmische Zeiten in der Politik sind für mich nichts Neues. Ich habe immer wieder schwierige Themen angefasst. Sehr positiv erlebe ich immer wieder - aktuell auch stark in der Diskussion um einen möglichen Nationalpark im Frankenwald -, dass die Menschen in unserer Region sich sehr für ihre Heimat interessieren, mitreden und sich einbringen. Demokratie lebt davon, dass die Menschen sich austauschen, diskutieren und gemeinsam an der Gestaltung der Zukunft arbeiten. Deshalb freut es mich sehr, dass wir auch in der Frage, ob im Frankenwald ein Nationalpark entstehen soll, einen regen Dialog mit vielen Beteiligten führen.
Auch deswegen habe ich in dieser Diskussion leider negativ erlebt, dass es anscheinend für manche Funktionäre von Interessensgruppen nicht einmal möglich ist, gewisse Themen zu besprechen. Bis heute habe ich noch nicht verstanden, warum man ein Projekt, das man noch nicht zur Gänze kennt, von vornherein ablehnt. Enttäuscht hat mich, dass ein Abgeordneter, der dem Berufsstand, den diese Interessensgruppe vertritt, nahe steht, nur wegen der Absicht, ein Thema zu diskutieren, ausgebuht und beschimpft wird - und dass es dabei keine Grenze zur Familie gibt. Erschrocken hat mich, wie wenig Vertrauen einige Berufsstände in die Politik haben. Andererseits habe ich selten parteiübergreifend so viel Zuspruch erfahren.

Hat die Politik, haben Sie es verpasst, einige Bevölkerungsgruppen abzuholen?

Wir stehen noch ganz am Anfang. Nach der Auftaktveranstaltung beginnen jetzt erst die Gespräche mit den Vertreterinnen und Vertretern der Vereine, Verbände und Interessensgruppen im Dialogverfahren und ich habe immer wieder zur Beteiligung am Dialog eingeladen. Alle werden eingebunden, alle werden mitgenommen. Einige vermitteln zwar den Eindruck, dass die Sache schon entschieden wäre, aber das stimmt nicht. Wir führen einen ergebnisoffenen Dialog, an dessen Ende ein Nein oder ein Ja zu einem Nationalpark im Frankenwald stehen kann.

Die Gegner des Vorhabens sind öffentlich präsent. Warum hört man aber so wenig von Befürwortern eines Nationalparks Frankenwald?

Es gibt viele Befürworter, die sich über verschiedene Kommunikationswege an mich wenden. Wenn Sie beispielsweise die Diskussionen in den sozialen Netzwerken verfolgen, werden sie einige von ihnen finden. Aber ich sage den Befürwortern das Gleiche wie den Gegnern: Ein seriöses Ja oder Nein kann erst am Ende des Dialogs stehen.

Sind die Auswirkungen eines Parks denn noch nicht klar festzustellen?


Erklärend möchte ich ein Beispiel anführen: Zwei Kritiker haben mir Zahlen präsentiert. Ein Forstdienstleister sprach von 1500 bedrohten Jobs. Ein anderer Kritiker geht von 125 aus. Wieder andere meinen sogar, dass in der Branche eher Arbeitsplätze entstehen würden, weil ein Nationalpark ein großer Auftraggeber für private Forstdienstleister wäre. Es muss den Menschen, die Verantwortung für die Region tragen, erlaubt sein, diese Zahlen in einem transparenten Verfahren zu prüfen und sich danach eine Meinung zu bilden.

Sehr bereichernd für eine sachliche Diskussion fand ich, dass die Waldbesitzervereinigungen unserer Region eine Fahrt in den Nationalpark im Bayerischen Wald organisiert und mich dazu eingeladen haben. Aus erster Hand konnten wir dort erfahren, welche Auswirkungen ein Nationalpark wirklich hat, welche Probleme es tatsächlich gab und gibt und welche nicht. Sehr interessant war zum Beispiel, dass die Vertreter der Waldbesitzervereinigungen vor Ort berichteten, dass das Borkenkäfermanagement in der Schutzzone des Nationalparks "vorbildlich" sei und ihrer Meinung nach keine vermehrte Verbreitung aus dem Nationalpark in die Privatwaldflächen stattfinde. Ebenso sei das Schwarzwildmanagement in der Schutzzone sehr effektiv. Ebenfalls spannend fand ich, dass es nach Meinung der Verantwortlichen vor Ort ein Fehler war, den Borkenkäfer in den 80er Jahren in großen Fichtenbeständen in der Naturzone im Nationalpark gar nicht zu bekämpfen, da dadurch weitläufige Totholzflächen entstanden sind. Aus diesen Erfahrungen können wir für unseren Dialog lernen.

Ein Hauptkritikpunkt ist auch, ich täte das nur, um den Tourismus zu stärken. Das tue ich nicht. Aber auch diesbezüglich muss man noch die genauen Auswirkungen errechnen - und schädlich ist es für den Tourismus sicher nicht. Ein Nationalpark wird sicher nicht alle Probleme des Frankenwaldes lösen, aber ich denke, wir sollten auf jeden Fall sachgerecht prüfen, ob er - neben dem Naturschutzaspekt - Teil einer Lösung sein kann.

Kritiker meinen, beim Nationalpark Bayerischer Wald habe sich die Politik nicht um den Bürgerwillen geschert. Warum sollte das im Frankenwald besser laufen?

Es gibt einen ganz klaren Entschluss. Die Entscheidung der CSU-Fraktion im Landtag lautet: Es gibt keine Entscheidung gegen den Willen der Menschen. Und der Wille der Menschen ist für mich ein Bürgerentscheid.

Das Klima zwischen Befürwortern und Kritikern wirkt sehr angespannt. Sehen Sie das genauso?

Nein, das ist nicht mein Eindruck. Es ist eher wieder besser geworden. Auch bei meiner Fahrt mit den Waldbauernvereinigungen in den Bayerischen Wald haben wir gemeinsam gelacht und uns ausgetauscht.

Wie enttäuscht wären Sie, wenn sich die Bürger gegen einen Nationalpark aussprechen sollten?

Politik zu machen heißt für mich unter anderem Angebote zu schaffen. Wenn die Menschen sie nicht annehmen wollen, ist das für mich keine Niederlage. Vielleicht wird am Ende des Dialogs kein Nationalpark stehen, sondern zum Beispiel ein Biosphärenreservat - vielleicht. Aber ich bin mir sicher, dass diese Region durch die Diskussion am Ende gewinnen wird.

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