Kronach
Jubiläum

Die leichteste Sprache der Welt in Kronach

Die Esperanto-Gruppe Kronach feiert 100-jähriges Bestehen. Im November 1913 hat sich eine Gruppe gebildet, die die als Brücke zwischen den verschiedensprachigen Völkern gedachte Sprache pflegen wollte.
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Armin Grötzner, Gosbert Gehlert und Brunhilde Lorenz (von links) beim Schmökern in Büchern, die in Esperanto übersetzt wurden  Fotos: Heike Schülein
Armin Grötzner, Gosbert Gehlert und Brunhilde Lorenz (von links) beim Schmökern in Büchern, die in Esperanto übersetzt wurden Fotos: Heike Schülein
Vertieft schmökern Armin Grötzner, Gosbert Gehlert und Brunhilde Lorenz in ihren Büchern. Während Armin Grötzner im Gedichte-Band "Flügellos" von Ingo Cesaro blättert, schmunzeln Gosbert Gehlert und Brunhilde Lorenz gerade über die Scherze von Max und Moritz. Beide Bücher sind verfasst in der "leichtesten Sprache der Welt", Esperanto. Die feinfühligen Gedichte Cesaros oder den Wortwitz von Wilhelm Busch in eine Plansprache zu übertragen, scheint gewagt. Und doch: Bei wohl kaum einer anderen Sprache, sind sich die langjährigen Esperanto-Freunde einig, hat man so viele "Spielmöglichkeiten" wie bei Esperanto.

Armin Grötzner leitet den Kronacher Arbeitskreis Esperanto, der an der Volkshochschule Kronach kontinuierlich seit 47 Jahren besteht. Die Existenz von Esperanto-Freunden in Kronach ist aber schon 1913 nachweisbar. So hatten sich schon vor 1967 Esperanto-Freunde unter Führung von Helmut Goller zusammengetan. Auch dies war schon eine Wiederaufnahme der Esperanto-Aktivitäten in Kronach, nachdem der ehemalige Regierungsrat Karl Loy nach Ende des Zweiten Weltkriegs Esperanto-Kurse abgehalten hatte.

Zum 100-jährigen Bestehen trafen sich die Kronacher mit Vertretern aus anderen bayerischen Esperanto-Gruppen zu einer Tagung unter dem Thema "Völkerverständigung - praktisch". Dabei wurden Erfahrungen mit Esperanto ausgetauscht, die durch diese national unabhängige Sprache ermöglichten Begegnungen vorgestellt - und natürlich wurden auch Texte übersetzt.

Hinter der Gründung der Gruppe stand die Idee, mithilfe einer leicht, verhältnismäßig schnell zu erlernenden und kein Volk benachteiligenden Sprache den Frieden zu erhalten und zu fördern. Sehr freute sich Grötzner über die Glückwunsch-Schreiben aus sieben verschiedenen Ländern. "Sie machen Mut, weiter zu machen. In Kronach fühle ich mich manchmal wie auf einer einsamen Insel, um mich herum nur Wasser", so der pensionierte Studiendirektor. So gibt es derzeit - nachdem der Zuspruch einige Zeit verhältnismäßig groß gewesen war und man rund 20 Mitglieder zählte - derzeit nur noch vier Kronacher Esperanto-Freunde: Armin Grötzner, Brunhilde Lorenz, Gosbert Gehlert sowie Siegbert Herrgesell.

Warum nur Englisch?

Das Hauptproblem, warum sich Esperanto nicht als Weltsprache durchgesetzt hat, liegt - nach Meinung von Grötzner - im wirtschaftlichen und pädagogischen Bereich. "Viele meinen, man müsse Englisch als Weltsprache beherrschen. Wir haben nichts gegen Englisch? Aber warum nur Englisch? Selbst der Anglizist Robert Philippsen hat in seinem Buch gefragt, warum es nur ein englisches Europa gibt", erklärt der Sprecher. Die Absicht von Lazarus Ludwig Zamenhof, einem Augenarzt jüdischer Abstammung aus Warschau, sei es gewesen, eine leicht erlernbare, neutrale Sprache für die internationale Verständigung zu entwickeln: Esperanto.

So sieht es auch Brunhilde Lorenz, die seit 30 Jahren zu den Esperanto-Freunden gehört. "Im Vergleich zu anderen Sprachen bietet Esperanto einen großen geistigen Spielraum. Es sind sehr viele Wortspiele möglich", ist sie sich sicher. Leider sei diese Sprache jedoch mit vielen Vorurteilen und Irrlehren behaftet. Sie selbst hat die Sprache innerhalb kurzer Zeit erlernt. Dies gilt auch für Armin Grötzner, der im Januar 1967 mit dem Erlernen der Sprache angefangen und zu Ostern 1967 bereits die Lehrerprüfung abgelegt hat.

Gosbert Gehlert, der sich schon über 25 Jahren mit der Sprache beschäftigt, hat sich lange Jahre als "Einzelkämpfer" für Esperanto gefühlt. "Ich habe mal einen Artikel über Esperanto in einer Zeitung gelesen. Ich fand das interessant und habe mir daraufhin Lehr-Material besorgt. Etwa neun Monate später habe ich mich mit einem Niederländer auf einer Busreise in Esperanto unterhalten. Das schafft man in keiner anderen Sprache", ist er sich sicher. Gehlert hatte über lange Jahre den Vorsitz in der bayerischen Esperanto-Liga (Belo) inne. Abgelöst wurde er 2004 von Armin Grötzner, der dieses Amt fünf Jahre lang ausübte.

Viele Aktivitäten

Die Anzahl der Aktivitäten der Gruppe ist lang. Noch immer versucht sie einen für alle Bürger gangbaren Weg zur sprachlichen Verständigung und Begegnung im vielsprachigen Europa zu zeigen. Große Verdienste erwarb sie sich um die Städtepartnerschaften von Kronach - insbesondere mit Hennebont. Die im Jahr 1984 vom Esperanto-Weltbund nach Kronach vergebene Ferienwoche im Anschluss an den Augsburger Weltkongress brachte 190 Teilnehmer aus 23 Ländern in die Stadt. Aber auch sonst entstanden im Lauf der Jahrzehnte viele internationale Kontakte. Kronach war dabei oft Gastgeber für Zusammenkünfte. Zudem unternahm die Gruppe viele Reisen zu Gleichgesinnten in andere Länder.

Heute befasst sie sich insbesondere mit der Pflege der eigenen Sprach- und Sprechfertigkeit mit eigenen Texten und anspruchsvollen Übersetzungen, die meistens auch den Freunden in den anderen Ländern geschickt wurden. Zu den neueren teilweise auch im Internet nachlesbaren Übersetzungen zählen das Grimm'sche Märchen "Hänsel und Gretel" oder die Erzählung "Das Fräulein von Scuder" von E.T.A. Hoffmann. Demnächst soll in der kroatischen Zeitschrift "Zagreba Esperantisto" die Gemeinschaftsübersetzung der Kronacher Gruppe von Hermann Kasacks Erzählung "Mechanischer Doppelgänger" unter der Überschrift "Mekanika sozio" erscheinen. Im Herbst 2013 stellte Ingo Cesaro seine Engelgedichte, darunter deren Übersetzung in Esperanto, vor.

Die Gratulanten

Zu den Gratulanten zählten auch Sebastian Kirf, Vorsitzender des Deutschen Esperanto-Bunds, sowie Kronachs Zweite Bürgermeisterin Angela Hofmann. Sie dankte für die in der Gruppe kontinuierlich geleistete Arbeit, wolle diese doch mit der gemeinsamen Sprache als Grundlage für die Völkerverständigung einen Beitrag zu einem friedlichen Europa leisten. Sie habe sich große Verdienste um die Städtepartnerschaften erworben und auch immer wieder mit Literatur-Übersetzungen ihre Botschaft transportiert und damit dazu beigetragen, Kronach europaweit bekannt zu machen.
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