Küps
Krieg

Die Tragödie von Küps am 12. April 1945

Beim mehrstündigen Artilleriebeschuss durch amerikanische Soldaten fanden drei Menschen den Tod. Über 100 Gebäude, darunter 36 Wohnhäuser, wurden dem Erdboden gleich gemacht oder schwer beschädigt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die 11. Panzerdivision bei ihrem Weiterzug von Küps nach Kronach am 12. April 1945 bei Johannisthal
Die 11. Panzerdivision bei ihrem Weiterzug von Küps nach Kronach am 12. April 1945 bei Johannisthal
Während der Jahre 1939 - 1944 bekam der Marktflecken Küps nur wenig vom allgemeinen Kriegsgeschehen zu spüren. Im Vergleich mit anderen Kommunen, die aufgrund moderner Industrieanlagen Zentren für Bombenangriffe darstellten, erlitt Küps im Vergleich nur wenig Schaden. Die direkte Berührung mit dem Kriegsgeschehen dauerte für Küps im Grunde nur einige Stunden von den ersten Angriffen bis zur Einnahme von Küps durch die Amerikaner.

Nach der Landung der Alliierten in Nordfrankreich im Herbst 1944 und den erfolgreichen russischen Gegenstößen rückte ein Ende des Krieges in greifbare Nähe. Da der Frankenwald bis dahin als absolut sicher eingestuft wurde, verlagerte man gegen Ende des Krieges einige Industriebetriebe hierher.

Noch im März 1945 beispielsweise ging die Organisation Todt dazu über, die Kasematten der Festung Rosenberg auszubauen, um dort ein Montagewerk für Messerschmidt-Flugzeuge einzurichten. Produziert wurde dort nie. Eine Betriebsgruppe der von Berlin ins sächsische Görlitz verlagerte "Loewe-Opta Radio AG" ließ sich Ende März 1945 in Küps, im zweiten Stock der Porzellanfabrik "Edelstein AG" behelfsmäßig nieder. Später siedelte der Betrieb nach Kronach über.

Die Unruhe wuchs

Aufgrund dieser und ähnlicher Maßnahmen wurden ernste Bedenken der Bevölkerung dahingehend laut, dass Angriffsziele für den südlichen Landkreis Kronach entstehen könnten. In diesen Märztagen des Jahres 1945 wuchs die Unruhe in der Bevölkerung in dem bisher von den Schrecken des Krieges unberührt gebliebenen Landstrich.

Ab Ende März zogen sich letzte Reste der Wehrmacht durch den Landkreis in Richtung Osten und Südosten zurück. Anfang April führten SS-Mannschaften ungefähr 200 KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald durch Kronach und den südlichen Landkreis.

In jenen Tagen war Küps überfüllt. Zahlreiche Flüchtlinge, Evakuierte sowie einige ungarische Offiziere mit Familien, die aus der Heimat geflohen waren, waren hier gestrandet. Truppenstäbe sowie einige kleinere Kampfeinheiten von Wehrmacht und Waffen-SS waren hier wechselseitig untergebracht. Eine Feuerwehrbereitschaft der Stadt Suhl ging ebenfalls hier in Stellung. Der Anger, der Sportplatz und die weiteren öffentliche Plätze waren mit Wehrmachtsfahrzeugen belegt.

Die 11. US-Panzer-Division, die am 10. April nach kurzer Gegenwehr Coburg genommen hatte, stieß auf ihrer Route durch das nordöstliche Oberfranken nur noch auf verstreuten und nicht mehr organisierten Widerstand. In den Vormittagsstunden des 12. April 1945 zogen auf den Anhöhen bei Schmölz und Theisenort erste M-4 Sherman-Panzer auf.

"Surrender Leaflets"

Durch kurz zuvor abgeworfene Flugblätter, sogenannte "Surrender Leaflets", wurde die Bevölkerung auf die bevorstehende Einnahme vorbereitet. Darin war zu lesen: "An den Bürgermeister ... Der Krieg kann für Ihre Ortschaft schneller vorüber sein. Die Entscheidung liegt in Ihrer Hand, und Sie müssen sie in wenigen Minuten treffen. Sie haben die Wahl zwischen: Übergabe und Schonung ihrer Ortschaft oder Widerstand und Vernichtung ...".

Der selbsternannte "Kampfkommandant" von Küps war von diesem Flugblatt nicht zu beeindrucken. Oberst der Wehrmacht Fuchs hatte sich rechtzeitig von Coburg abgesetzt und selbst zum "Kampfkommandanten" erklärt. Am Abend des 11. April machte er im Gasthof Wasserhof klar, wie die Verteidigung von Küps zu laufen hatte.

Brücken sollten gesprengt werden

Das Begleitkommando von Fuchs war bereits angewiesen, die Sprengung der beiden Rodachbrücken vorzubereiten. So kam es, dass weder die Panzersperren beseitigt noch weiße Fahnen gehisst wurde. Die Sprengung der beiden Rodach brücken unterblieb zum Glück. Noch in der Nacht ließ der Ortsgruppenleiter die Bevölkerung größtenteils vom Verteidigungsbeschluss verständigen. So kam der Angriff auf Küps für die Einwohner wenigstens nicht ohne gewisse Vorkenntnis.

Das den Kampfverbänden vorauseilende Aufklärungsflugzeug der Amerikaner konnte in Küps keine weißen Fahnen erspähen und wurde zudem noch beschossen. Auch die Straßensperren waren - wie von Fuchs angeordnet - geschlossen. Als den von Johannisthal heranrückenden Panzern ebenfalls Gewehrsalven aus Küps entgegenschlugen, zogen sie sich umgehend zurück.

Die Amerikaner wollten in der Endphase des Krieges kein unnötiges Risiko mehr eingehen und forderten Artillerie-Unterstützung an - eine Taktik, die überall dort angewandt wurde, wo Bodentruppen auf ernsthaften Widerstand trafen.

Überall Feuer

Um 11 Uhr kam der Befehl: Feuer frei. Anfänglich wurde das Feuer nur schwach eröffnet. Da jedoch bis 13 Uhr immer noch keine weiße Fahne zu erkennen war, nahm das Artilleriefeuer merklich zu. Die Ortschaft stand in Flammen und war in dicke Rauchschwaden gehüllt, als Panzereinheiten um 15.15 Uhr mit ohrenbetäubendem Getöse in Küps einzogen.

Kurz zuvor hatten beherzte Kriegsgefangene, die in der Gastwirtschaft Dittler einquartiert waren, weiße Betttücher gehisst und dem Bombardement eine Ende gesetzt. Im amerikanischen Divisionsbericht ist zu lesen: "Um 16.40 Uhr konnte dieser stark verteidigte Ort als gesäubert gemeldet werden; 53 feindliche Soldaten wurden gefangen genommen".

Über 100 Gebäude zerstört

Bei dem mehrstündigen Artilleriebeschuss fanden drei Menschen in Küps den Tod, über 100 Gebäude, darunter 36 Wohnhäuser, wurden dem Erdboden gleich gemacht oder schwer beschädigt. Über 100 Menschen waren obdachlos und fand größtenteils im heutigen Luther-Saal vorübergehend eine Bleibe. Eine Tragödie, die hätte vermieden werden können. "Kampfkommandant" Oberst Fuchs hatte sich - bereits bevor es für Küps ernst wurde - abgesetzt.

Noch während Küps mit Phosphorgranaten eingedeckt wurde, rückte bereits das Gros der Streitkräfte auf Kronach zu.

Getötet wurden am 12. April 1945 zwei Zivilpersonen und ein Soldat. Das erste Opfer war die nach Küps evakuierte Betriebsführerin Johanna Hesse aus Nürnberg. Die 41-jährige Frau war im Anwesen Hofmann - Haus Nr. 125 - jetzt: Kulmbacher Straße 15 - unterbracht.

Sie wollte nur schnell noch was holen

Sie befand sich während des Beschusses mit anderen Hausbewohnern bereits in einem sicheren Keller in der Nähe des Hauses, als ihr einfiel, dass sie wichtige Papiere in der Wohnung vergessen hatte und sie dorthin ging, diese zu holen. Während des kurzen Aufenthaltes im Haus erhielt dieses gegen 14 Uhr einen Granatvolltreffer. Die Leiche der Frau konnte erst mehrere Tage später, völlig verkohlt, geborgen werden.

Sein Leben verlor auch der technische Kaufmann Hans Krahmer von der in Küps untergebrachten Firma Loewe-Opta. Während des Beschusses wurde auch die Porzellanfirma "Edelstein AG" getroffen. Mehrere Räume und Gebäudeteile brannten teilweise ab. Der 42-jährige Bayreuther beteiligte sich an den Löscharbeiten und bat um Überlassung eines Feuerwehrschlauches. Neben dem Raum der bereits brannte, war ein Abstellraum mit Blechüberdachung. In diesem standen zwei Pkw der Firma Loewe-Opta.

Von stürzender Mauer erschlagen

Einer davon war fast noch neu - diesen wollte Krahmer herausschaffen und vor Zerstörung retten. Als man Krahmer später gegen 18 Uhr fand stellte man fest, dass dieser durch eine angrenzende Mauer, die eingestürzt war, erschlagen wurde.

Das unerklärlichste Schicksal erlitt wohl der Wehrmachtsangehörige Friedrich Jurek von der "LN-Ausbau-Kompanie (Mot) 8". Der gebürtige Schlesier lag während des Beschusses mit einem Kameraden im Graben zwischen der Goethe- und Weinbergstraße. Beide Soldaten waren von der Besatzung eines bei der Hubertia-Einfahrt in Wartestellung stehenden Panzerfahrzeuges entdeckt und durch Zeichen aufgefordert worden, sich zu ergeben.

Während der eine ohne Waffen und mit erhobenen Händen zu den Amerikanern ging, blieb Friedrich Jurek liegen. Als der Mann der sich ergeben hatte, gefragt wurde, warum sein Kamerad nicht mitgekommen sei, sagte dieser, da er sich dessen Verhalten selbst nicht erklären konnte und ihm auch keine bessere Antwort einfiel, dass dieser schläft.

"Den wecken wir"

Darauf meinten die Amerikaner, "den wecken wir" und feuerten einige Maschinengewehrsalven auf den Liegenden ab, der völlig zerschossen zum Friedhof gebracht wurde, wo man den 33-Jährigen begrub. Die Familie hörte nach dem Krieg, dass ihm wohl sein Lebensmut abhandengekommen war, nachdem er davon ausging, dass seine Familie im Krieg umgekommen sei. Dies war jedoch nicht der Fall.

Gemessen an den großen Zerstörungen die durch das stundenlange und zeitweise sehr starke Geschützfeuer angerichtet wurden, waren die Verluste an Menschenleben zwar verhältnismäßig gering, jedoch war jedes dieser Opfer eines zu viel.

Alle drei Opfer wurden auf dem Küpser Friedhof bestattet. Die sterblichen Überreste von Johanna Hesse und Friedrich Jurek wurden am 28. Juli 1960 umgebettet und auf den Soldatenfriedhof Treuchtlingen überführt. Die Gebeine von Hans Krahmer liegen noch heute auf dem Friedhof in Küps. An dieser Stelle soll künftig ein Baum, der gestiftet wird, an die drei Opfer der Küpser Ereignisse vom 12. April 1945 erinnern.


Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren