Ludwigsstadt
Unglück

Die Höllenfahrt des Güterzugs 6143

Vor 90 Jahren stürzten die Lok und 21 Waggons von der Ludwigsstadter Trogenbachbrücke. Die Bremsen hatten versagt. Die Höllenfahrt des Eilgüterzugs der Deutschen Reichsbahn ist auch heute noch in der Erinnerung der Ludwigsstadter fest verankert.
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Mit Trümmern übersät war 1924 der alte Friedhof von Ludwigsstadt. Die Lokomotive und alle 21 in die Tiefe gestürzten Waggons hatten Feuer gefangen.  Foto: Archiv Siegfried Scheidig/Repro: Fleischman
Mit Trümmern übersät war 1924 der alte Friedhof von Ludwigsstadt. Die Lokomotive und alle 21 in die Tiefe gestürzten Waggons hatten Feuer gefangen. Foto: Archiv Siegfried Scheidig/Repro: Fleischman
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Am 18. Februar 1924 geriet der Marktflecken Ludwigsstadt in die Schlagzeilen der Weltpresse. Vor 90 Jahren ereignete sich an der Trogenbachbrücke - damals eines der höchsten Eisenbahnviadukte Deutschlands - ein spektakuläres Unglück, als bei einem Eilgüterzug auf der Steilrampe (von der Wasserscheide bei Steinbach am Wald) die Druckluftbremsen versagt hatten und der Zug an einer Weiche bei einer Geschwindigkeit von über 200 Stundenkilometern entgleiste.

Die Lokomotive riss 21 Waggons mit in die Tiefe. Sie landeten zwischen Wohnhäusern und richteten großen Schaden an. Dabei kam der 65-jährige Lokführer Paul Moser aus Saalfeld ums Leben. Sechs Waggons blieben auf der Brücke stehen, zwei von ihnen brannten nach einer Explosion aus.

Im Packwagen fand der Berliner Rudolf Zimmer den Tod. Er hatte eine beim Skilauf in Tirol ums Leben gekommene Verwandte in einem Zinnsarg nach Berlin bringen wollen. Ausgerechnet der Packwagen war auf der Brücke stehen geblieben. Hier fiel durch die scharfen Stöße einer der Kohleöfen, wie sie damals noch verwendet wurden, um. Die glühenden Kohlen erfassten Kanister mit brennbaren Flüssigkeiten und brachten sie zur Explosion. Der Packwagen brannte total aus.

Der Lokführer, aus seinem Stand geschleudert, konnte zunächst nirgends gefunden werden. Erst am nächsten Tag stellte die Suchmannschaft fest, dass an einer Stelle des Trümmerfeldes unter einem Steinquader ein Pelzstiefel hervorragte. Die Lok hatte beim Sturz den Stein, der Paul Moser unter sich begrub, mitgerissen.


An der Schürstange festgehalten

Schwer verletzt war der Heizer des Zugs, ein Saalfelder ins Krankenhaus eingeliefert. Tags darauf war er außer Lebensgefahr. Der Mann hatte Glück im Unglück gehabt, weil er sich an seine Schürstange festgeklammert hatte. Das Dach eines Güterwagens legte sich dann so über ihn, dass nachstürzende Trümmer ihm nichts anhaben konnten.

Der Bremser auf dem letzten Waggon, Wagenmeister Josef Pleitner aus Bamberg, kam glimpflich davon. Er konnte sich im Sturz an den an der Strecke entlang führenden Drähten festhalten. Zugführer Raps aus Bamberg, der sich im ausgebrannten Packwagen befunden hatte, wurde verletzt gerettet und Schaffner Josef Schanold aus Lichtenfels gelang es, in letzter Sekunde abzuspringen.

Die Höllenfahrt des Eilgüterzugs Nr. 6143 der Deutschen Reichsbahn ist auch heute noch in der Erinnerung der Ludwigsstadter fest verankert. Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass von den Bewohnern der Häuser unter dem 25 Meter hohen Eisenbahnviadukt niemand verletzt wurde oder ums Leben kam.

Durch die hohe Geschwindigkeit hatte die Lokomotive die Behelfsweiche überfahren und war in Geradeaus-Richtung mit einigen Stückgutwaggons die rechtsseitige Böschung ins Escher'sche Anwesen und in den alten Friedhof gestürzt.

Die nachfolgenden Waggons, die sich vom Zug losgerissen hatten, befolgten die von der Behelfsweiche vorgegebene Richtung und stürzten dann zur Linken zum Teil die Böschung, zum Teil die Brücke hinunter. Ein Waggon stürzte durch das Dach des Röthel'schen Wohnhauses, Haus-Nummer 85, und riss es in der Mitte auf, weiterhin wurden das Escher'sche und das Emil Scheidig'sche Wohnhaus in Mitleidenschaft gezogen.

Alle 21 in die Tiefe gestürzten Wagen sowie zwei der auf der Brücke verbliebenen fingen Feuer, darunter auch der als "Schlussläufer" eingesetzte Packwagen. Durch den schnellen Einsatz der Feuerwehren aus Ludwigsstadt, Ottendorf, Ebersdorf, Lauenstein und Steinbach/Haide konnten die in Brand geratenen Güterwaggons gelöscht und ein Übergreifen des Feuers auf die Wohnhäuser verhindert werden.


Waren für die Leipziger Messe

Weit verstreut breitete sich die Ladung des Eilgüterzuges aus: Maschinen, daneben große Mengen von Apfelsinen, anderen Südfrüchten, Gemüse. Die Strecke zwischen dem alten Friedhof und dem Trogenbach glich einem Trümmerhaufen. Textilwaren, Schuhe, Bücher, zum Teil angebrannt, lagen durcheinander. Die Fracht des Eilgüterzuges 6143 war zum Großteil für die Leipziger Frühjahrsmesse bestimmt.

Nachdem sich die Wolke aus Dampf und Dreck verzogen, und sie den ersten Schrecken überwunden hatten, liefen die Ludwigstadter zur Unfallstelle.

Noch nach Jahrzehnten denken sie an diesen Montag, 18. Februar 1924, zurück. Damals war eines der beiden Eisenbahngleise auf der Strecke nach Steinbach am Wald vorübergehend wegen Reparaturarbeiten stillgelegt worden. Die Züge wurden auf das intakte Gleis umgeleitet.

Nach dem Unglück blieb die Strecke vollständig gesperrt. Erst am 23. Februar 1924, ab 12 Uhr mittags, konnte der Zugverkehr wieder teilweise aufgenommen werden.


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