Kronach
Jahrestag

30 Jahre nach Tschernobyl: Der etwas andere "Atompilz"

Vor 30 Jahren flogen bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vier Kernreaktoren in die Luft. Die Folgen waren auch im Landkreis schnell messbar.
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Gerade in Pilzen sammelten sich nach der Reaktorkatastrophe strahlende Partikel. Diese Pfifferlinge hätten aber auch 1986 bedenkenlos verzehrt werden können, erklärt die Kronacher Gemüsehändlerin Ingeborg Eberhardt. Die wachsen nämlich geschützt im Keller. Foto: Marian Hamacher
Gerade in Pilzen sammelten sich nach der Reaktorkatastrophe strahlende Partikel. Diese Pfifferlinge hätten aber auch 1986 bedenkenlos verzehrt werden können, erklärt die Kronacher Gemüsehändlerin Ingeborg Eberhardt. Die wachsen nämlich geschützt im Keller. Foto: Marian Hamacher
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Die Schulterpolster des hellgrauen Sakkos füllen nahezu den halben Bildschirm aus. Viel Zeit bleibt allerdings nicht, sich auf die ungewohnte Achtzigerjahre-Optik einzustellen - die Tagesschau-Sprecherin hat es eilig. "Guten Abend, meine Damen und Herren. In dem sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem befürchteten GAU gekommen, dem größten anzunehmenden Unfall", sagt sie und verzieht unter einer Betonfrisur, für die wohl mindestens eine Dose Haarspray ihr Leben lassen musste, keine Miene. Es ist der 29. April 1986.

Drei Tage ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass bei der Reaktorkatastrophe in dem Kraftwerk nahe der heutigen ukrainischen Stadt Prypjat tonnenweise radioaktives Material frei gesetzt wurde. Am Dienstag jährt sie sich zum 30. Mal. "Ich kann mich vor allem deshalb gut daran erinnern, weil ich im Frühjahr Geburtstag habe. Es wurde mein schlimmster", sagt Ingeborg Eberhardt. Seit 42 Jahren verkauft sie in dem Geschäft, das einst ihr Schwiegervater in Kronach gründete, Gemüse und Fisch.


Geänderte Ratschläge

Es habe allerdings einige Zeit gedauert, ehe sich am Kaufverhalten der Kunden etwas änderte. "Die Wolke war da, aber keiner wusste etwas Genaues", erinnert sich die 62-Jährige. "Informationen über die Belastung kamen ja erst später auf." Während die Sowjetunion noch spärlicher informierte als die japanische Betreiberfirma "Tepco" 2011 bei der Nuklearkatastrophe in Fukushima, hielt sich auch die Bundesregierung zurück. "Ist eine Gefährdung der Bevölkerung in der Bundesrepublik auszuschließen?", wollte der Reporter in der Tagesschau-Ausgabe drei Tage nach dem Unglück von Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) wissen. Dessen Antwort hätte klarer und knapper nicht ausfallen können: "Ja." Ein Irrtum. Oder eine Lüge?

Nur wenige Tage später hörten sich die Ratschläge jedenfalls deutlich anders an. Kinder sollten nicht im Freien spielen, Regen gemieden werden. In den folgenden Wochen welkten schließlich Salatköpfe, Spargel, Spinat, Mangold oder Pilze vor sich hin. Strahlende Partikel fanden durch den Regen ihren Weg in den Boden und schließlich ins Gemüse - das nun vernichtet werden musste.

"Alles, was im Freien gewachsen war, war nicht mehr gefragt", sagt Eberhardt. Gerade gegen Ende April und Anfang Mai hätten die Kunden normalerweise genug von Treibhausgemüse gehabt, das damals in den Wintermonaten noch üblich war. "Doch auf einmal war das gefragt wie nie", erinnert sich die Gemüsehändlerin. Was die Kunden ablehnten, kam bei ihr jedoch auch weiterhin auf den Esstisch. "Wenn eine Belastung da war, muss ich sie ja auch mit der Luft aufgenommen haben", sagt sie lapidar. Gesundheitliche Folgen habe sie nicht gespürt.

Auf der anderen Seite der Kasse wurde hingegen vorsichtiger vorgegangen. Gerade Äpfel, die ja schon im Herbst 1985 geerntet und seitdem gelagert wurden, erlebten ihren zweiten Verkaufs-Frühling. Die Sorge war jedoch berechtigt. Gerade im süddeutschen Raum wiesen Proben einen erhöhten Wert an Cäsium 137 auf. Das Alkalimetall entsteht bei der Kernspaltung, war plötzlich aber auch im Landkreis zu finden. Besonders stark betroffen waren die Höhenlagen des Frankenwalds und dort speziell der Rennsteig.

Im Mai seien alle Lebensmittel, die im Freien wachsen, und das Fleisch von Wildtieren erstmals von Mitarbeitern des Landratsamts auf radioaktive Rückstände überprüft worden, sagte Hubert Knauer einmal im Gespräch mit dieser Zeitung. Der inzwischen pensionierte Lebensmittelkontrolleur und seine Kollegen stellten dabei besonders in Pilzen und in Wildfleisch Cäsium-Werte fest, die deutlich über dem Signalwert von 600 Becquerel pro Kilogramm lagen. Gerade in den Folgejahren seien die Werte stetig gesunken.

Keine großen Probleme bereitete das radioaktive Jod 131, das nur eine Halbwertszeit von acht Tagen hat. Zu kurz, um an Menschen oder Tieren einen langfristigen Schaden zu verursachen. Deutlich hartnäckiger verhält sich dagegen Cäsium 137, das nach nun 30 Jahren erst zur Hälfte zerfallen ist. Gerade in Pilzen und Wildfleisch scheint es sich wohlzufühlen. Schon vor zehn Jahren lagen die Werte bei nahezu allen anderen Lebensmitteln laut Knauer hingegen nur noch "an der Grenze zum Nachweisbaren."


Wild bleibt unter Beobachtung

Heute ist die Strahlung bei Salat, Gemüse, Milch oder Wild nach Angaben des Landesamts für Umwelt (LfU) unbedenklich. Die Messergebnisse lägen im Bereich der natürlichen Strahlung. "Das hängt damit zusammen, dass die Strahlenbelastung in tiefere Schichten des Erdreiches vorgedrungen ist", erklärt Ursula Hirschmann von der Naturhistorischen Gesellschaft in Nürnberg. Während in Sandböden kaum noch Radioaktivität feststellbar sei, liege die Belastung bei wasserundurchlässigen Böden deutlich höher.

Im Kreis Kronach war es ein Ackerboden, der Mitte März genauer unter die Lupe genommen wurde. 16 Becquerel pro Kilogramm Trockenmasse an Cäsium 137 stellten die Prüfer des LfU dabei fest. In Rehfleisch wurden Ende November 2015 4,2 Becquerel pro Kilogramm Feuchtmasse nachgewiesen. Beides unbedenklich. Gerade Wild wird jedoch nach wie vor regelmäßig untersucht.

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