Kronach
Kandidaten

Bundestagswahl: Kein Kreuz für Kronach

Aus dem Wahlkreis Coburg treten sechs Direktkandidaten an, die in den Bundestag einziehen wollen. Einen Kronacher Bewerber sucht man darunter vergeblich.
Artikel drucken Artikel einbetten
Sechs Kandidaten, sechsmal Stadt und Landkreis Coburg - aus Kronach kommt kein Bewerber für den Bundestag. Grafik: Dagmar Klumb
Sechs Kandidaten, sechsmal Stadt und Landkreis Coburg - aus Kronach kommt kein Bewerber für den Bundestag. Grafik: Dagmar Klumb
Wenn sich der Wähler den durchschnittlichen Bundestagskandidaten für den Wahlkreis Coburg (mit dem Landkreis Kronach) basteln soll, sieht er so aus: Männlich, circa 45 Jahre alt, berufstätig. So einfach ist es allerdings nicht; die sechs Bewerber unterscheiden sich doch sehr. Neben fünf Männern gibt es auch eine Frau, und ein 25-Jähriger tritt ebenso an wie ein 67-Jähriger. Nur in einem Punkt stimmt der Durchschnitt für alle: Der Musterkandidat ist in Coburg oder dem nahen Umfeld ansässig. Ein Kronacher Bewerber? Für die Wahl am 24. September 2017: Fehlanzeige!

Dass Hans Michelbach wieder für die CSU antritt, kommt nicht überraschend. Er hält das Direktmandat seit 2002 und ist in den Augen des Vorsitzenden der Frankenwald-CSU, Jürgen Baumgärtner, ein verlässlicher Dreh- und Angelpunkt in Berlin für die jetzt auf den Landkreis Kronach ausstrahlenden Projekte. Deshalb setzt auch die CSU im Landkreis Kronach auf dieses Zugpferd.

Mit Blick auf die in der Parteienrunde generell fehlenden Kronacher Kandidaten spricht Baumgärtner von Perspektiven, Parteistrukturen und Personen, die zusammenpassen müssen. "Die Kandidaten müssen zur rechten Zeit am rechten Ort unter den richtigen Rahmenbedingungen erscheinen", erklärt er. Während er beispielsweise bei der Kronacher Kreis-SPD eine Schwäche im Konkurrenzkampf mit den Coburger Genossen wittert, formuliert er seine eigenen Ziele offensiv: Für die übernächste Bundestagswahl erwarte er, dass der CSU-Kandidat aus dem Kreis Kronach kommt.


Konsens gesucht

Bei der Kronacher SPD ist nicht im Geringsten die Rede davon, intern klein beigegeben zu haben. Die Rödentalerin Doris Aschenbrenner gilt als eine Konsenslösung mit Perspektive. Wie Kreisvorsitzender Ralf Pohl unterstreicht, stand man im Unterbezirk vor der Frage, ob Coburg und Kronach mit eigenen Kandidaten in ein Kräftemessen gehen oder sich mit vereinten Kräften hinter eine gemeinsame Bewerberin stellen. Die Genossen einigten sich darauf, eine Kandidatin zu unterstützen, die "für beide Seiten vermittelbar und in der Bayern-SPD gut vernetzt ist". Erleichtert wurden diese Verhandlungen wohl auch dadurch, dass Kronach laut Pohl Bewerber hätte aufbieten können, jedoch niemand unbedingt ins Rampenlicht treten wollte.

Sollte sich die junge Kandidatin behaupten und eine gute Arbeit im Bundestag abliefern, dann würde ihr bei der folgenden Wahl wohl niemand eine erneute Kandidatur streitig machen, meint der Kreisvorsitzende. Dass die Kronacher Kreis-SPD über kurz oder lang auch wieder Mandatsträger braucht, steht für Pohl trotzdem außer Frage. Darauf müsse bei den Wahlen für andere Gremien hingearbeitet werden.


Kandidat hat überzeugt

Die Kronacher Grünen hätten kein Problem damit, dass ein Coburger ihre Interessen vertritt. Kandidat Michael Eckstein habe mit seinen Argumenten überzeugt. "Ansonsten hätte sich bestimmt jemand gefunden", vermutet Listenkandidatin Elisabeth Hoffmann. Sie selbst habe sich nicht berufen gefühlt, das Direktmandat anzustreben. "Eine Nummer zu groß" wäre das ihrer Ansicht nach für sie gewesen. Und sie ist froh, wenn sich jüngere Bewerber finden. Die würde sie sich auch aus Kronach wünschen, doch da machten Familie, Studium, Beruf und die damit einhergehenden Wegzüge den interessierten Mitgliedern oft einen Strich durch die Rechnung.

Für die FDP tritt der junge Weitramsdorfer Alexander Arnold an. Eine Entscheidung, die laut dem Kreisvorsitzenden Björn Cukrowski nach Absprachen einvernehmlich getroffen wurde. Grund zum Widerstand gab es aus Kronacher Sicht nicht, da sich kein Einheimischer zur Kandidatur berufen fühlte. "Wir sind dankbar, dass sich ein junges Parteimitglied gefunden hat", freut sich Cukrowski. Aus der Erfahrung weiß er, dass es heute nicht leicht ist, neben dem Beruf auch noch einen Wahlkampf zu schultern. "Das ist schwer unter einen Hut zu bringen, gerade in der intensiven Phase in den letzten sechs Wochen vor der Wahl." Das sei sicher auch ein Grund, weshalb nicht nur die FDP in Kronach "dünn aufgestellt ist", wenn sich die Frage nach potenziellen Kandidaten stellt. Man müsse viel Engagement zeigen, doch die Wertschätzung in der Öffentlichkeit sei dafür gering.


Keiner warf Hut in den Ring

Der Coburger René Hähnlein (Die Linke) versichert, dass er sich mit den Sorgen und Nöten der Frankenwald-Bevölkerung gut auskennt und deren Interessen als Bundestagskandidat mit vertreten will. Aus dem Kronacher Stadtverband habe sich kein Bewerber gefunden. Die Gewichtung zwischen Coburger und Kronacher Linken sei im Wahlkreis ohnehin sehr ungleich. "Deshalb war klar, dass der Kreisverband Coburg das übernehmen wird. Wir mussten mit dem Pfund wuchern, das wir haben, und das ist mein Stadtratsmandat", erklärt Hähnlein.

Nur einen externen Gegenkandidaten aus Lichtenfels habe es für ihn gegeben, stellt der Coburger AfD-Kreisvorsitzende Martin Böhm fest, der zugleich auch der Direktkandidat seiner Gruppierung ist. Aus den Reihen der Kronacher habe sich niemand gemeldet. "Bei der Aufstellung der Landesliste wird das anders aussehen", prognostiziert Böhm schon jetzt.

Eine Ausnahme bei der Kandidatensuche sind (momentan) die Freien Wähler. Ihr Kronacher Kreisvorsitzender, Tino Vetter, stellt fest, dass es keinen Direktkandidaten für den Bundestag gibt. Zumindest noch nicht. Er will nämlich nicht ausschließen, dass sich das auf der Zielgeraden ändert. Bis zum 69. Tag vor der Wahl dürfen ja noch Kandidaten beim Kreiswahlleiter gemeldet werden, wie Pressesprecher Bernd Graf vom Landratsamt mitteilt. Und dieser Stichtag ist erst Mitte Juli. Ob's also wenigstens in diesem Fall noch ein Kandidat aus dem Landkreis Kronach werden könnte?


Die Kandidaten in der Kurzübersicht

Diese sechs Bewerber treten im Wahlkreis Coburg heuer an:

CSU Hans Michelbach (67), Coburg (Gemünden), Inhaber des Direktmandats seit 2002

SPD Doris Aschenbrenner (31), Rödental

Grüne Michael Eckstein (48), Coburg

Linke Rene Hähnlein (45), Coburg

FDP Alexander Arnold (25), Weitramsdorf

AfD Martin Böhm (52), Coburg



Abgeordneter Hans Michelbach: Eine Herkules-Aufgabe

Hans Michelbach (CSU) muss lachen, als das Gespräch auf den Verbleib der Kronacher Kandidaten bei der Bundestagswahl kommt. "Ich bin ja ein Kronacher!", betont der Abgeordnete. Zumindest ehrenhalber, wie er anfügt.

Sehr viel seiner Arbeitszeit sei er mit dem Kreis und im Kreis Kronach beschäftigt. "Die Kronacher sind ein Menschenschlag, der mir sehr entgegenkommt. Diese direkte Art, die etwas rustikal ist, aber auch von Herzen kommt", erklärt er. Doch nicht nur die Mentalität, sondern auch die Ausgangssituation unterscheide sich zwischen Coburg und Kronach. Wie sehr ein Volksvertreter aus Coburg darauf eingehe, lasse sich nicht pauschalieren. Das sei von Person zu Person verschieden. Jeder Mandatsträger müsse aber zumindest eine gewisse Neutralität und Gleichheit im Wahlkreis walten lassen. "Gerade die Kronacher würden es spüren, wenn man sie nicht gleich behandeln würde."

Ein Wahlkreis bestehe aus allen Menschen, die dort leben, also müsse man sich auch für alle einsetzen, lautet sein Credo. "In einer reichen Stadt wie Coburg ist es leichter, Zukunft zu gestalten. Doch man muss sich auch da einsetzen, wo nicht alles eitel Sonnenschein ist", fordert der Abgeordnete. Der Wahlkampf selbst sei für Einsteiger eine hohe Hürde. "Das ist schon eine Herkules-Aufgabe der man sich rund um die Uhr widmen muss", erklärt Michelbach inmitten seines siebten Bundestagswahlkampfs.

Warum er selbst noch einmal in den Ring steigt? Weil er die angestoßenen Vorhaben - gerade auch für Kronach - mit zur Umsetzung bringen will. Deshalb sei er froh, dass die Kronacher CSU seine Kandidatur unterstützt. Seine politische Position in Berlin könnte ein Neueinsteiger seiner Ansicht nach in dieser wichtigen Phase nicht schnell genug erreichen.



Kommentar von Marco Meißner


Der weiße Fleck Kronach braucht wieder Farbkleckse

Kronach ist bei der Bundestagswahl 2017 ein weißer Fleck auf der Landkarte. Das muss nicht schlimm sein. Hans Michelbach hat über lange Jahre bewiesen, dass man auch von außerhalb erkennen kann, wo den Frankenwäldern der Schuh drückt. Und durch viele Ortstermine lernte er den Menschenschlag hier sehr gut kennen. Sicher wird auch die Wahlsiegerin beziehungsweise der Wahlsieger 2017 daran anknüpfen wollen.

Mittelfristig muss es für die Kronacher Politik dennoch das Ziel sein, wieder selbst auf höchster deutscher Ebene ein Mandat anzustreben. In vielen Bereichen herrscht in der Cranach-Stadt größerer Handlungsbedarf als in Coburg. Deshalb würden dem weißen Fleck politische Farbtupfer sehr gut zu Gesicht stehen.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren