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Rothenkirchen
Kommunalpolitik

Blinder Marktgemeinderat ist voller Optimismus

Michael Pütterich ist Ortsvorsitzender der Rothenkirchener SPD. Er hat auf Anhieb den Einzug in den Pressiger Marktgemeinderat geschafft. Der ehemalige Lehrer leidet an einer unheilbaren Netzhautdegeneration.
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Michael Pütterich arbeitet wegen seiner Erblindung an seinen Computern mit akustischer Sprachautomatik. Foto: Karl-Heinz Hofmann
Michael Pütterich arbeitet wegen seiner Erblindung an seinen Computern mit akustischer Sprachautomatik. Foto: Karl-Heinz Hofmann
Es ist ungewöhnlich wenn bei einem geheimen Wahlgang im Gemeinderatsgremium ein Gemeinderat von seiner Ehefrau als Begleitperson zur Wahlkabine geführt wird. Bei der konstituierenden Sitzung des Marktgemeinderates Pressig ist der neue Marktgemeinderat Michael Pütterich (SPD) durch seine Erkrankung, eine Erblindung, aufgefallen.

Der ehemalige Lehrer ist seit einigen Jahren SPD-Ortsvorsitzender in Rothenkirchen und schaffte nun auf Anhieb den Einzug in das Ratsgremium in Pressig.

Der in Rothenkirchen geborene und heute 54- jährige Michael Pütterich erfuhr schon als Schüler der zweiten Klasse im Alter von sieben Jahren in der Augenklinik in Erlangen die Diagnose "Retinopathia pigmentosa" (RP), eine unheilbare Augenkrankheit.

RP ist eine durch Vererbung oder Mutation entstehende Netzhautdegeneration, bei der die Photorezeptoren zerstört werden. Im Verlauf der Jahre führte dies bei Michael Pütterich zur Blindheit.

Wahlkampf war ein Kraftakt

Blindheit geht immer auch mit einer Einschränkung des räumlichen Orientierungsvermögens einher. Dieses kann auf akustische und taktile Weise erweitert werden. Eine Reihe von blindenspezifischen Hilfsmitteln erleichtert das tägliche Leben, jedoch können diese zu entsprechender Abhängigkeit in mehrerlei Hinsicht führen.

Als stark Sehbehinderter im Gemeinderat, wie funktioniert das? "Als Mensch mit einer sehr starken Sehbehinderung möchte ich mich nach diesem Kraftakt im Wahlkampf zunächst einfach einmal über den Einzug in den Pressiger Marktgemeinderat freuen dürfen.

Dieser Wahlerfolg kommt ja nicht von allein, sondern durch kontinuierliches Arbeiten und vielfältiges Engagement für die Bürger in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Handlungsfeldern und Sachgebieten. Im Mittelpunkt meines gesamten kommunalpolitischen Tuns steht nämlich immer zuerst der Mensch mit seinen Bedürfnissen und seinem Bedarf. Dieses Leitziel meines Handelns werde ich natürlich auch im Gemeinderat verfolgen. Wie ich dabei zurechtkomme, das werde ich ,sehen'.

Irgendwann im Leben geschieht etwas halt immer zum ersten Mal. So hat nun unser Gemeinderat ein behindertes Ratsmitglied, was nach meinem Selbstverständnis kein zusätzliches Problem, sondern im Sinne einer gelebten Inklusion eine Bereicherung unseres gemeinsamen Handelns sein wird. Es wird helfen, Vorurteile abzubauen und Berührungsängste bei allen Beteiligten verringern.

In unseren bayerischen Schulklassen gibt es das gleichberechtigte Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Kindern schon längst. Warum soll es das nicht auch in einem Erwachsenengremium wie dem Gemeinderat geben?", fragt Pütterich selbstbewusst.

Defizite ausgeleichen

"Die Erkrankung hat mich bislang in meinem ganzen Leben negativ beeinträchtigt und meine Lebensqualität erheblich gemindert. Zurecht kommt man mit so einer einschränkenden Behinderung nie ganz, aber man kann viele Defizite durch einen starken Willen, Fleiß und Selbstdisziplin, sowie das Vertrauen auf die eigenen Kräfte und Fähigkeiten etwas kompensieren.

Wir müssen von der reinen Fürsorge von Menschen mit Behinderung zu einer gleichberechtigten Teilhabe in allen Lebensbereichen kommen".

Und nun wird Pütterich politisch. "Die Ablehnung des Aufzugs in die Kronacher obere Stadt vor wenigen Jahren bewirkte genau das Gegenteil. Auf Grund solcher Fehlentscheidungen von Nichtbetroffenen engagiere ich mich. Zu viele Träger von Verantwortung reden zwar über Menschen mit Behinderung, aber leider nicht mit ihnen. Bereits in meiner Zeit als Lehrer habe ich das Behindertenthema pädagogisch bearbeitet und mittlerweile verfolge ich es eben politisch.

Entscheidend wird sein, dass alle beteiligten Personen, die an einer Sitzung teilnehmen, miteinander über Möglichkeiten der Arbeitsintegration offen sprechen.

Sich über konkrete Arbeitshilfen und deren Einsatz in einer Gemeinderatssitzung zu unterhalten, halte ich momentan noch für verfrüht. Nur so viel vielleicht: Ich habe schon etliche Parteisitzungen absolviert, die der Struktur und dem Ablauf nach einer Gemeinderatssitzung ähnlich sind. Zudem arbeite ich mit meinen zukünftigen Fraktionskollegen seit Jahren in der SPD zusammen. Ich blicke ich mit Optimismus auf die vor mir liegende Herausforderung", sagt Pütterich.

Zu Hause bedient er sich am Computer mit mehreren Hilfen. Der Bildschirminhalt und die Bedienelemente werden von einer Sprachausgabe vorgelesen. Auf Papier gedruckte Texte wie Bücher und Briefe können mit einem Scanner und einer Texterkennungssoftware gelesen werden.

Vergrößerungs- und Sprachausgabeprogramme erleichtern die Arbeit am Computer. Hinzu kommt zusätzlich noch ein Bildschirmlesegerät. Außerdem benutzt erh die Farbumstellung weiße Schrift auf schwarzem Untergrund, sowie stärkere Kontrastabstufungen. Gelegentlich hilft sogar eine Diktiersoftware für komplexe gedankliche Konstrukte.

Wie leitet er Versammlungen und hält Reden? "Der behinderte Mensch verfügt über ein gesundes Maß an Empathie und Strukturierungsfähigkeit, die mir dabei zu Gute kommt. Zudem ordne ich meine Gedanken bereits ab dem Zeitpunkt ab dem ich mich mit einer Thematik auseinandersetze. Die Tagesordnungspunkte einer Versammlung merke ich mir schon dann, wenn ich sie schriftlich abfasse."

Michael Pütterich hat 1978 am Kaspar-Zeuß-Gymansium in Kronach Abitur gemacht. Er studierte Lehramt für Grundschulen an der Universität Bamberg und absolvierte 1982 und 1984 die zwei Staatsprüfungen für Lehramt an Grundschulen. Es folgte ein Erweiterungsstudium der Didaktitk und das erfolgreiche Studium zur Diplom- Pädagogik mit Anerkennung der Lehramtsprüfung als Diplom- Vorprüfung an der Universität Bamberg. Von 1987 bis 2005 war Pütterich im Schuldienst in Aschaffenburg tätig.

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