Kronach
Medizin

Arzttermin: "Kasse" ist in Kronach nicht zweite Klasse

Allen Unkenrufen zum Trotz werden Privatpatienten von den Kronacher Fachärzten bei der Terminabsprache nicht bevorzugt. Das zeigten Stichproben unserer Redaktion. Internist Manfred Blinzler sieht dennoch Probleme am Horizont aufziehen.
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Foto: Zerbor - Fotolia
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Die ältere Frau legt wütend das Telefon zur Seite. "Ich würde einen Termin bekommen - in acht Wochen", zetert sie nach dem Gespräch mit ihrer Facharztpraxis. Ein Privatpatient würde bestimmt innerhalb weniger Tage behandelt werden, spekuliert sie.

Und mit dieser Vermutung liegt sie - falsch. Unsere Reporter haben zwei Monate nach dem Inkrafttreten des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes (siehe gesonderter Artikel) selbst die Probe aufs Exempel gemacht und sich bei Fachärzten Termine geben lassen. Als Kassenpatienten und als privat Versicherte.


Nett und freundlich

Ein Termin beim Zahnarzt? Eine Woche, kein Problem. Zum Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten geht's binnen zwei Tagen. Der Orthopäde hätte innerhalb von ein, zwei Wochen Termine frei. Obwohl als Kassenpatientin aufgetreten, stieß unsere Mitarbeiterin Lea Schreiber auf offene Ohren bei der telefonischen Anmeldung. "Sehr nett" und "sehr freundlich" sei sie behandelt worden, erinnert sie sich an ihre Gespräche. Und Termine sind bei unseren Stichproben zumeist zeitnah angeboten worden.

Natürlich gibt's auch die Ärzte, bei denen die Wartezeit in Wochen oder sogar Monaten gemessen werden muss. Nur dort sieht es für die Privatpatienten nicht viel besser aus. Das durften unsere Redakteure Anja Greiner und Marco Meißner erfahren. Sie stellten bei der Umfrage die "Privaten" dar. Die erste Erkenntnis: Nur in einer einzigen Praxis tauchte bei unseren Anrufen die Frage nach der Versicherungsart auf. Bei allen anderen mit langer Vorlaufzeit mussten wir selbst nachhaken, ob man als Privatpatient vielleicht schneller zum Zuge kommen könnte. Bei der Terminvergabe war jedoch keine Bevorzugung erkennbar.

Beim Neurologen gibt's den Termin erst ab November, auch für privat Versicherte. Beim Urologen kommt man als Neupatient so oder so erst im Dezember dran. Als einzig schnellere Alternative wird dort die Privatsprechstunde genannt. Diese findet außerhalb der normalen Sprechzeiten statt - und das tangiert letztlich den Kassenpatienten nicht. Im Gegenteil: Es entlastet sogar die reguläre Sprechstunde von einem Teil der privat Versicherten.

Kritischer ist zu sehen, dass manche Ärzte bei ihren zeitlichen Kapazitäten generell an ihre Grenzen stoßen und sehr langfristig Termine planen müssen. Schlimmstenfalls wurde uns ein Datum im Februar 2016 angeboten. Mehrfach hieß es sogar: "Wir haben leider Aufnahmestopp."


Gute Organisation der Termine wichtig

Für den Internisten Manfred Blinzler ist eine Privatsprechstunde kein Thema. "Das lohnt sich nicht. Das ist viel zu viel Aufwand", stellt er klar. In seiner Praxis würden ohnehin oft Wunschtermine möglich gemacht. Die Helferinnen wüssten aus Erfahrung, welche Behandlung welchen Zeitbedarf erfordere. Entsprechend planten sie die Termine.

Dennoch sieht er die Entwicklung bei den Fachärzten mit einer gewissen Skepsis. Vor allem macht er einen politischen Widerspruch aus. Früher habe die Nachfrage den Markt reguliert. Dann sei ein Bedarfsplan erstellt worden, der die Situation in den 80er Jahren als Ausgangspunkt genommen habe und seither nur fortgeschrieben werde. Daraus resultiere eine schleichende Reduzierung der Facharztpraxen. Gleichzeitig sollten die Wartezeiten für einen Termin aber gesenkt werden.

Im neuen Gesetz sei die Rede davon, dass Praxen in überversorgten Gebieten nur nachbesetzt werden sollen, wenn es für die Patienten wichtig ist. "Die Juristen reiben sich schon heute die Hände", stellt der Internist fest, wenn er an künftige Praxisübergaben denkt. Als überversorgt gelte nämlich ganz Bayern. Beispielsweise bestehe bei den Internisten in der Planungsregion Oberfranken West laut Bedarfsplan eine 400-prozentige Überdeckung.

Generell hält Blinzler nicht viel von solchen Zahlenspielen. Und wenn er an eine Umfrage denkt, laut der sich nur vier bis fünf Prozent der angehenden Mediziner die Arbeit im ländlichen Raum vorstellen können ("Die Landarztpraxis ist tot"), stimmt ihn das nachdenklich.

Er ist überzeugt, dass neue Strukturen geschaffen werden müssen, um die Probleme zu lösen. Mit immer mehr Regulierungen klappe es jedenfalls nicht, die fachärztliche Versorgung dauerhaft auf dem heutigen Niveau zu halten, denn: "Wo auf der Welt hat schon mal eine Planwirtschaft funktioniert? Nirgends!"




Stellungnahme der KVB zum neuen Gesetz

Was unsere stichprobenartige Terminsuche bei den Fachärzten ergeben hat, bestätigt Birgit Grain. Die Pressereferentin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) verweist auf eine eigens eingerichtete Anlaufstelle für Patienten, die sich beschweren wollen. "Das Thema Wartezeiten kommt da kaum vor", erklärt sie.

Bei der Vergabe von Facharztterminen habe Bayern gegenüber den anderen Bundesländern sogar die Nase vorn. Eine bundesweite Umfrage habe ergeben, dass die Wartezeiten im Freistaat am kürzesten sind.

Birgit Grain räumt im Gespräch noch mit zwei Irrglauben auf. Der eine betrifft die Terminvergabe durch die Ärzte. Grundsätzlich habe es ein Mediziner erst einmal selbst in der Hand, wie er seine Termine steuert. "Als Kassenarzt muss er sich selbstverständlich an gewisse Regeln halten", ergänzt sie, dass hierbei natürlich keine Willkür herrschen dürfe. Ein Kassenarzt müsse gewisse Zeiten für die Behandlung von Kassenpatienten einplanen. Die Notfallbehandlung habe zudem immer Vorrang, und bei Schmerzpatienten dürften keine Unterschiede zwischen privat und gesetzlich Versicherten gemacht werden.

Der zweite Irrtum, den die Pressereferentin ausräumt, betrifft die Terminservicestellen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen diese Anlaufpunkte nach dem neuen Versorgungsstärkungsgesetz einrichten, um Kassenpatienten Facharzttermine innerhalb von vier Wochen zu garantieren.


Politik in der Pflicht

"Es werden Erwartungen geweckt, die so vielleicht nicht erfüllt werden können", stellt Birgit Grain fest und erklärt: "Es wäre die Aufgabe der Politik, darüber zu informieren, dass es sich dabei nicht um die Wunschbehandlung handelt."

Die Patienten verbänden mit der Einführung der Termin servicestellen oft die Hoffnung, bei ihrem Wunscharzt zur perfekten Zeit ohne großen Vorlauf einen Termin zu bekommen. Doch darum gehe es nicht, und diese Erwartung könne auch nicht grundsätzlich erfüllt werden.

Vielmehr vermittle die Servicestelle einen freien Termin innerhalb einer so genannten Planungsregion. "Der muss nicht beim nächstgelegenen Arzt sein", unterstreicht Grain. Und auch zeitlich werde der Patient Kompromisse eingehen müssen.

Bis es überhaupt zu solchen Vermittlungen kommt, wird zudem erst noch einige Zeit ins Land ziehen. "Die Terminservicestellen sind ein Teil des neuen Gesetzes, das jetzt in der Umsetzungsphase ist - die hat aber gerade erst begonnen", betont die Pressereferentin. Ab Januar 2016 sollen die Servicestellen eingerichtet werden. Dabei werde es zudem regionale Unterschiede in den Bundesländern geben, stellt sie fest, dass das Konzept für diese Einrichtungen erst noch angepasst werden muss.




Kommentar von Marco Meißner

Wer als Kassenpatient mit den Wartezeiten bei seinem Arzt unzufrieden ist, hat es selbst in der Hand, etwas dagegen zu tun. Unsere Umfrage hat gezeigt: Es gibt viele Ärzte, die gut organisiert sind, die nicht nach der Kassenzugehörigkeit fragen und die - den Umständen entsprechend - auch relativ zeitnah Termine anbieten können.

Schwarze Schafe, die uns bei den Stichproben durch die Finger geglitten sind, mag es natürlich geben. Aber unser kleines Experiment hat eines gezeigt: Der Doktor, der schon bei der Anmeldung im Hinterkopf hat, wie weit er bei welchem Patienten die Hand aufhalten kann, ist sicherlich in der Minderheit.

Dass andererseits manchmal stundenlang im Wartezimmer sitzende Kassenpatienten ein komisches Bauchgefühl haben, wenn der gerade Eingetroffene Minuten später bereits im Behandlungszimmer sitzt, ist trotzdem nachvollziehbar. Hatte er wirklich schon lange einen Termin? War er ein Notfall? Oder hatte er einfach nur das "richtige" Kärtchen einstecken?

Wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient jedoch schon im Wartezimmer gestört ist, dann liegt es wieder in der Hand des "Kunden", etwas dagegen zu unternehmen: nachhaken und gegebenenfalls wechseln.
Was nicht in der Hand (aller) Patienten liegt, ist dafür zu sorgen, dass der Arztwechsel auch in Zukunft so einfach möglich sein wird. Wenn sich das Feld der Mediziner weiter lichtet, wird die Suche nach Alternativen in manchen Bereichen möglicherweise schwer werden. Hier müssen Politik, Kassen und Ärzteverbände die Köpfe zusammenstecken, gemeinsam das Ruder in die Hand nehmen und gegensteuern. Schnell und patientenorientiert.
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