Nordhalben
30 Jahre Mauerfall

30 Jahre Mauerfall: Eine fränkisch-thüringische Familie lässt die Geschichte aufleben

Kevin Wunder lässt nichts unversucht, damit die einst durch die Mauer getrennten Nordhalbener und Wurzbacher aufeinander zugehen. Sohn Pepè zeigt, dass die Vergangenheit lebendig ist und gemeinsame Erinnerungen verbinden.
Artikel drucken Artikel einbetten
Nach dem Besuch in Mödlareuth hat Sohn  Pepè aus Wurzbach das geteilte Dorf mit seinen Legosteinen nachgebaut und erklärt es stolz seinen Eltern Kevin und Susen Wunder. Jutta Rudel
Nach dem Besuch in Mödlareuth hat Sohn Pepè aus Wurzbach das geteilte Dorf mit seinen Legosteinen nachgebaut und erklärt es stolz seinen Eltern Kevin und Susen Wunder. Jutta Rudel

Die Deutsche Teilung interessiert die jungen Leute nicht mehr? Der siebenjährige Pepè aus Wurzbach beweist das Gegenteil: "Nach einem Besuch in Mödlareuth hat er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen und das Dorf aus Lego nachgebaut", sagt Papa Kevin Wunder. Während manche Schüler gelangweilt dem Geschichtsunterricht folgen, ist der Zeitraum von 1949 bis 1990 für den Jungen vor allem eines: super spannend. Historische Dokus - natürlich jugendfrei - schaut der Siebenjährige besonders gerne.

Das große Interesse kommt nicht von ungefähr, denn Pepè ist "unser Frossi, das steht für fränkischer Ossi", wie sein Vater erklärt. Denn Mama Susen stammt aus dem thüringischen Wurzbach, Papa Kevin aus dem oberfränkischen Nordhalben. Die Orte liegen zwar nur 13 Kilometer voneinander entfernt, waren aber durch die innerdeutsche Grenze in Ost- und Westdeutschland geteilt. "Als wir zusammengekommen sind, war das kein Thema", sagt Susen Wunder. Sowohl sie als auch ihr Mann waren bis zur Grenzeröffnung 1989 noch im Kindesalter: Sie wurde 1983 geboren, er 1979.

Noch immer Mauer in den Köpfen

Für die beiden mag die Vergangenheit keine Rolle mehr spielen, für viele Bewohner von Nordhalben und Wurzbach hingegen schon. "Hier im ehemaligen Zonenrandgebiet sehen sich die Leute noch als Wessis und Ossis", sagt Kevin Wunder. Die Bezeichnungen seien keineswegs böswillig gemeint, sondern das Selbstbild ist eben noch in den Köpfen verankert. "Am Stammtisch zum Beispiel sagen sie: Ach, da kommt der Franke wieder. Dann sage ich: Was wollt ihr denn, ihr seid doch selbst Franken." Denn kleine Teile des Frankenwalds erstrecken sich bis nach Thüringen hinein. Aber auch die Nordhalbener gehen in ihrer Freizeit zum Beispiel lieber zur oberfränkischen Ködeltalsperre als zur (oft unbekannten) Bleichlochtalsperre in Thüringen - der Stausee mit dem größten Fassungsvolumen Deutschlands.

Auch zum Einkaufen fahren die Leute auf der bayerischen Seite lieber Richtung Süden, die Thüringer Richtung Norden, wie Wunder erklärt. "Meine Oma habe ich vor drei Jahren zum Einkaufen nach Bad Lobenstein gefahren und sie war total überrascht, dass es dort so aussieht wie bei uns", erinnert er sich. Es bestünde bei den Bewohnern generell sehr wenig Interesse, das jeweils andere Gebiet zu besuchen. "Auch bei der Jugend nicht, wobei man immer sagt, dass die Jugend keine Grenze mehr im Kopf hat", sagt Susen Wunder.

Die Rolle als Vermittler

Ab und an kommt es aber vor, dass ihr Mann als ehemaliger Gemeinderat Nordhalbens angesprochen wird, um Kontakte herzustellen. "Das verstehe ich nicht. Als Feuerwehr zum Beispiel kann ich doch mit der Feuerwehr von drüben über E-Mail oder Telefon eine Großübung organisieren und anschließend ein Bier trinken", sagt er. Doch die Hemmschwelle ist groß - für ihn völlig unverständlich: "Jetzt haben wir 30 Jahre rum und sollten solche Gespräche nicht mehr führen."

Damit sich an dieser Situation etwas ändert, wurde Wunder schon oft aktiv: "Ich lasse nichts unversucht." So organisierte er im vergangenen Jahr eine Bustour von Nordhalben ins Kino Wurzbach. Als Sonderveranstaltung ist dort der "Ballon"-Film erschienen. Anschließend ging es in eine Kneipe mit thüringischen Spezialitäten. "Viele wussten nicht, dass es ein Kino gibt und kommen noch immer ab und an dorthin."

Weil in Nordhalben die bekannte Ballonflucht von 1979 verfilmt wurde, moderierte er dort anlässlich des Kinosommers im Juli die Filmvorführung "Der Ballon". Sohn Pepè war unter den 600 Zuschauern - und ist seitdem Feuer und Flamme für die Geschichte seiner Eltern und Großeltern. Auf Begeisterung hoffte Wunder auch bei den weiteren Gästen. "Die Aktionen sind bisher gut angekommen", sagt er. Damit die gelungene Verständigung aber nicht bei wenigen Ausnahmen bleibt, hat er Kontakt zur jeweils örtlichen Presse aufgenommen. Seitdem werden über Neuigkeiten und Veranstaltungen des jeweils anderen Gebiets berichtet.

Facebook-Seite als Schnittstelle

Damit nicht genug: Kevin Wunder hat nun die Facebook-Seite "Der Frankenwald-Kurier: Grenzenlose Infos & News für Hüben und Drüben" gegründet. "Ich bin quasi die Redaktion und lasse mir Neuigkeiten von hüben und drüben zuschicken." So möchte er eine Schnittstelle schaffen, "die für alle leicht erreichbar ist über Facebook". Sein Ziel ist es, "so viele Menschen wie möglich im Umkreis von 20 Kilometern zu erreichen". Das nächste Ziel ist aber ein ganz persönliches: Ein Ausflug nach Berlin - den hat sich Pepè gewünscht.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren