Kronach
Wetter

1540 versiegte im Frankenwald alles

Fehlender Regen sorgte schon zu allen Zeiten für Angst und Schrecken. 1540 bahnte sich nach elfmonatiger Dürre in Deutschland eine Superkatastrophe an.
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Ein trostloses Bild bietet die Löschwasserentnahmestelle in der Reitscher Ortsmitte. Grund: Der  Grünbach ist vollkommen versiegt. Gerd Fleischmann
Ein trostloses Bild bietet die Löschwasserentnahmestelle in der Reitscher Ortsmitte. Grund: Der Grünbach ist vollkommen versiegt. Gerd Fleischmann
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Trotz großartiger technischer Fortschritte ist die Menschheit nach wie vor auf den Segen von oben angewiesen. Und das war schon zu allen Zeiten so. Trotzdem: Die seit gut zwölf Wochen anhaltende Dürre sorgt bei Landwirten, Gartenbetrieben, Waldbauern und Hobbygärtnern zunehmend für Sorgenfalten. Nicht zu vergessen die Schifffahrtsbetriebe auf Rhein, Main und Donau. Arg erwischt hat es die touristische Flößerei in Wallenfels. Während die Unterrodacher so mit Ach und Krach ihre Flößerkirchweih auf der Rodach durchführen konnten, haben die Wallenfelser mittlerweile bereits fünf komplette Samstagsausfälle verkraften müssen.

Zu Fuß durch den Rhein

Immer wieder hatten die Menschen im Frankenwald mit gewaltigen Dürreschäden zu kämpfen. Doch die Klimakatastrophe schlechthin bahnte sich 1540 mit aller Härte an. Problemlos konnte man damals durch den Rhein laufen. Im Heimatkundlichen Jahrbuch des Landkreises Kronach - Band 27 - wird ausführlich Markus Springer zitiert. "Die "Jahrhundertsommer" der Neuzeit seien nichts gegen das Dürrekatastrophenjahr 1540, das zur Zeit Martin Luthers in Wittenberg mehreren Menschen - allerdings durch künstlich erzeugte Hitze - das Leben gekostet habe.

Suche nach Sündenböcken

In ihrer Verzweiflung suchten die Bürger in ihrer Not und Unwissenheit nach Sündenböcken. Die Menschen in Europa hatten den Eindruck, von einer biblischen Plage heimgesucht zu werden. Die Dürre brachte Tod und Elend. Und die sozialen Spannungen wuchsen von Monat zu Monat. Schnell gefunden waren die Schuldigen in den untersten Schichten. Unter der Folter wurden Geständnisse erzwungen, die angeblichen Übeltäter brutalst geröstet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

An den Bäumen wurden 1540 schon im Frühsommer die Blätter gelb. Die Ernte verdorrte. An vielen Mühlen standen die Mühlräder still. Die Mehl- und Brotpreise explodierten. Die Armen hungerten und starben massenweise. Unzählige Wald- und Weidebrände legten in ganz Europa Rauchschlieren vor eine blassrote Sonne.

Keine Flößerei mehr möglich

Eine dramatische Situation ergab sich zu jener Zeit auch im Frankenwald: Brunnen und Quellen fielen trocken und an Flößerei war überhaupt nicht mehr zu denken.

Der ehemalige Kronacher Kreisheimatpfleger Willi Schreiber veröffentlichte in der Lokalzeitung "Volksblatt" eine Serie mit "Witterungsaufzeichnungen aus zwei Jahrtausenden", die in der Kreisdokumentationsstelle im Landratsamt Kronach eingesehen werden kann. Darin heißt es: "1540 war ein so heißer Sommer, dass alles versiegte. An manchen Orten gab es mehr Wein als Wasser, etliche Rebstöcke hatten zweimal zeitige Trauben. Mehrere Wochen vor Johanni wurde das Getreide geschnitten."

Für Spiegel Online Wissenschaft befasste sich Axel Bojanowski mit dem Hitze-Jahr 1540, wobei er einen Vergleich anstellte: "Im Hitzesommer 2003 starben trotz moderner Zivilisation in Mitteleuropa schätzungsweise 70 000 Menschen aufgrund der Witterung. Die Hitze von 2003 galt bislang als Folge der teils menschengemachten Klimaerwärmung. Dass es jedoch 1540 ohne den künstlich verstärkten Treibhauseffekt zu einer noch schlimmeren Hitze gekommen sei, relativiere die Beurteilung des menschlichen Einflusses auf das Wetter 2003.

Dennoch sei davon auszugehen, dass der menschengemachte Treibhauseffekt die Wahrscheinlichkeit für schlimme Hitzewellen erhöhe. "Die Gefahr einer Heißzeit kann aus Sicht von Klimaforschern selbst beim Einhalten des Pariser-Klimaabkommens nicht ausgeschlossen werden", schreibt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Dürreschäden im Jahr 1949

Aufschlussreich ist ein Schreiben des Ernährungsamtes Abteilung A Kronach am 4. Januar 1950 an das Finanzamt Kronach. Unterschrieben haben außerdem der Bayerische Bauernverband und das Landwirtschaftsamt Kronach. In diesem Schreiben wurde um Steuernachlässe für die Bauern gebeten. Der Grund der Bitte: Dürreschäden 1949 und die daraus resultierende Einkommensminderung der landwirtschaftlichen Betriebe.

Das Ernährungsamt schreibt: "Die anhaltende Trockenheit im Sommer 1949 hatte im gesamten Landkreis Kronach Dürreschäden, besonders an Grünfutter und Hackfrüchten, zur Folge, die eine empfindliche Minderung des Umsatzes beziehungsweise Einkommens der landwirtschaftlichen Betriebe veranlassten."

Die Folgen im Stall

Weiter heißt es: "Die Auswirkungen der schlechten Kartoffel-, Rüben- und Grünfuttererträge machen sich natürlich besonders im Vieh- und Schweinestall bemerkbar. Das Absinken des Wertes des Nutz- und Schlachtviehs, der Ausfall an Milch und die Verlangsamung der Schweinemast, teilweise auch die Einschränkung der letzteren und der Schweinezucht, sind zwangsläufige Folgen der Dürreschäden und mindern die Einnahmen jedes einzelnen Hofes ganz beträchtlich. Nach sorgfältiger Prüfung wird hiermit Antrag auf Einkommens- und Umsatzsteuerermäßigung gestellt."



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