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WDR-Video

Omi ist eben doch ne Umwelt-Sau - ein Kommentar zur ausufernden Debatte

Die Reaktion auf das "Umwelt-Sau"-Video war überzogen und zeigt einmal mehr: Kunst muss der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Ein Kommentar.
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Das Video des WDR war nicht nur richtig, sondern auch wichtig. Denn: Kunst darf alles. Auch provozieren. Symbolfoto: Jason Rosewell/unsplash.com
Das Video des WDR war nicht nur richtig, sondern auch wichtig. Denn: Kunst darf alles. Auch provozieren. Symbolfoto: Jason Rosewell/unsplash.com

Es war der Aufreger vor Silvester. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hatte auf den sozialen Netzwerken ein Video von einem Kinderchor gepostet. In diesem haben sie das alte Kinderlied mit der Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, in einer umgedichteten Fassung zum Besten gegeben.

Auch jetzt, fast zwei Wochen nach dem Erscheinen des Videos, ist das Thema noch aktuell. Sogar mehr denn je. Denn das "Umwelt-Sau"-Video des WDR wird jetzt sogar zum Politikum. Es soll am kommenden Donnerstag, 9. Januar 2020, den nordrhein-westfälischen Landtag beschäftigen.

Gestatten: Omi, die Umwelt-Sau

In der neuen Version singen die Kinder dann unter Anderem: "... meine Oma ist ne alte Umwelt-Sau". Und das ist völlig richtig. Denn wenn man im Hühnerstall Motorrad fährt, dann ist diese Bezeichnung nichts, als eine Feststellung. Das gilt im Übrigen auch für alle weiteren Strophen.

Ich gebe zu: Es wird hier eine Referenz zu aktuellen Geschehnissen und so manchem Klima-Leugner aufgebaut. Doch das war nicht nur richtig, wichtig und gut: Damit hätten die Schöpfer des Videos und die sprichwörtlichen "getroffenen Hunde" leben sollen. Denn das ist genau das, was ein Kunstprodukt machen muss. Es muss den Finger in die Wunde legen. Es muss zeigen, wie viele "Umweltsäue" wir da draußen haben. Künstler haben bereits vor über 100 Jahren Gesellschaftskritik abgebildet, und das müssen sie auch weiterhin tun. Das Zeigt uns auch der Blick auf ein konkretes Beispiel aus der Vergangenheit.

Kunst muss provozieren

Der heute berühmte Künstler George Grosz hat mit seinem Bild "Stützen der Gesellschaft" aus dem Jahr 1926 ebenfalls bewusst provoziert. Anstatt eines Gehirns der von ihm abgebildeten Regierungspersönlichkeiten und ebenso hochrangigen Offiziere, hat er ihnen Fäkalien unter die (nicht vorhandene) Schädeldecke gemalt. Ein klares Statement, was er von der Intelligenz der Regierung hielt. Das eckte an. Das provozierte.

Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Dasselbe passiert auch heute. Kunst eckt an. Kunst übertreibt. Kunst spitzt zu. Kunst hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Das darf, nein, das muss sie sogar. Denn Kunst muss frei sein, um seine gesellschaftliche Rolle übernehmen zu können. Wenn bestimmte Themen nicht aufgearbeitet werden dürfen, wie sollen sie Gegenstand einer Debatte in einer freien Demokratie sein?

Wenn ein Kinderchor eine Oma als "Umwelt-Sau" besingt, dann passiert das im Rahmen eines künstlerischen Ausdrucks. Es verarbeitet zeitgenössische wichtige Themen und bildet diese mit modernen Stilmitteln wie dem Bewegtbild ab. Würden wir in den 1920ern leben, wäre es wohl wieder ein Bild geworden.

Wie soll man der Ignoranz sonst begegnen?

Es zeigt auf, wie gedankenlos und geradezu gleichgültig manche Menschen die Meinung vertreten: "Das war schon immer so, also muss das so bleiben". Würden wir nach diesem Motiv operieren, hätten wir Menschen nie die Apartheid hinter uns gelassen. Wir würden noch immer in einer Monarchie leben und hätten keinerlei gesellschaftlichen Fortschritt.

WDR löscht Video: Ein Armutszeugnis

Vor diesem Hintergrund ist es äußerst bedenklich, dass der WDR das Video nach der Kritik von ein paar lauten Querulanten, die nicht begriffen haben was Kunstfreiheit bedeutet, zurückgezogen hat. Die Entschuldigung des WDR-Intendanten ist da beinahe nur das traurige Nebenspiel, wenn auch der letzte Akkord einer traurigen Sonate.

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