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Kommentar: Warum wir eine 0,0-Promille-Grenze brauchen - und was der Vergleich mit Cannabis lehrt

Manchmal scheint es, Verkehrstote durch Alkohol am Steuer werden als natürliches Phänomen akzeptiert. Warum eine 0,0-Promille-Grenze sinnvoll ist: ein Kommentar.
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Alkohol am Steuer: Nach einem tödlichen Unfall in Südtirol wird wieder über eine 0-Promille Grenze diskutiert. Braucht es die? Ja, meint unser Autor Robert Wagner. Symbolfoto: marekbidzinski/Adobe Stock
Alkohol am Steuer: Nach einem tödlichen Unfall in Südtirol wird wieder über eine 0-Promille Grenze diskutiert. Braucht es die? Ja, meint unser Autor Robert Wagner. Symbolfoto: marekbidzinski/Adobe Stock

Mit 1,9 Promille fuhr ein Südtiroler in der Nacht auf Sonntag im italienischen Bozen in eine Gruppe Touristen - sieben Deutsche sterben. "Dieses schreckliche Unglück macht mich fassungslos und unendlich traurig", sagte Armin Laschet, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen - jenem Bundesland, aus dem wohl die meisten der Opfer stammen.

Sowohl in Italien als auch in Deutschland sorgt die Tragödie für das Aufflammen einer alten Diskussion: Jene um die Gefahren von Alkohol am Steuer. In beiden Ländern gilt eine Grenze von 0,5 Promille. Nun wird darüber diskutiert, ob diese auf 0 Promille gesenkt werden soll. Dabei ist die Frage eindeutig mit "Ja" zu beantworten.

Gesellschaftliche Akzeptanz durch Verharmlosung

Kritiker der 0,0-Promille-Grenze bringen gerne an, dass es im vorliegenden Fall keinen Unterschied gemacht hätte, ob die Grenze bei 0,0 Promille oder 0,5 Promille gelegen hätte - mit 1,9 Promille war der Fahrer sowieso jenseits von Gut und Böse. Entscheidend wären deshalb nicht niedrigere Grenzwerte, sondern härtere Strafen bei Verstößen. Doch diese Argumentation ist zu kurz gedacht. Denn das eigentliche Probleme mit Alkohol am Steuer ist die gesellschaftliche Akzeptanz und die Verharmlosung der Gefahr.

"Wer immer wieder etwas Alkohol trinkt und dann noch fährt, enthemmt seine guten Vorsätze", warnt der Verkehrspsychologe Ulrich Höckendorf vom Auto Club Europa (ACE). Will heißen: Bin ich ein paar mal nach einem Bier noch gefahren, fahre ich irgendwann auch noch nach zwei Bier - und dann vielleicht auch nach drei, vier oder eben zehn Bier.

Jeder 13. Verkehrstote geht auf das Konto von Alkohol am Steuer

Wollen wir diese Gefahr wirklich eingehen? Laut den offiziellen Unfall-Statistiken aus dem Jahr 2018 spielte bei knapp 5 Prozent aller Unfälle Alkohol eine Rolle - allerdings waren es laut des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) bei tödlichen Unfällen sogar 7,5 Prozent. Das heißt, jeder 13. Getötete geht auf das Konto von Alkohol am Steuer.

In der "Bild" meldete sich nach dem Unfall in Südtirol FDP-Verkehrsexperte Christian Jung zum Thema 0-Promille Grenze zu Wort "Wir haben in Deutschland eigentlich sehr gute Erfahrungen mit den bisherigen Regelungen gemacht." Angesichts der Zahlen und der Tatsache, das Alkohol zu einer der Hauptursachen für Verkehrsunfälle gehört, klingt dies wie blanker Hohn.

Verkehrstote als Naturphänomen

Während in anderen Fällen - beispielsweise wenn technische Mängel in einem Gerät zu Unfällen führen - schnelles und hartes Handeln gefordert wird, nimmt die deutsche Gesellschaft die hunderten Verkehrstoten durch Alkohol fast schulterzuckend hin - als handele es sich hier mehr um ein unvermeidliches Naturphänomen und nicht um eine vermeidbare Tragödie.

Vergleich mit Cannabis: Heuchelei im Umgang mit Alkohol

Die unterschiedliche Wahrnehmung und Akzeptanz der Droge Alkohol im Verkehr wird auch am Beispiel Cannabis deutlich: Bis zum Frühling 2019 war es in Deutschland generell so, dass einem Autofahrer in Deutschland der Führerschein entzogen wurde, wenn er einmalig mit einem Nanogramm Tetrahydrocannabinol (THC) je Milliliter Blutserum erwischt wurde.

Anders ausgedrückt: Selbst nach einmaligen Konsum kann es unter Umständen bis zu einem Monat dauern, bis einen Drogentest auf die Abbauprodukte nicht anschlägt - bei regelmäßigen Konsumenten steigt diese Zeit auf bis zu drei Monate. Trotz Forderungen von Experten, diesen Grenzwert zu erhöhen, hielt das Bundesverwaltungsgericht an den bisherigen Grenzwerten fest - senkte zumindest aber die Konsequenzen für den Verstoß.

Abschreckung: Bei Cannabis ja - bei Alkohol nein?

Die Gründe dafür liegen weniger in der Annahme, dass Autofahrer nach mehrtägiger Cannabis-Abstinenz nicht wieder ohne Beeinträchtigung ein Auto steuern könnten. Vielmehr geht es um Abschreckung - und die Frage, ob man Drogenkonsum und Autofahren trennen kann, wenn man drei Tage nach einem Joint ein Automobil bewegt.

Sicher, bei Cannabis handelt es sich um eine illegale Droge - bei Alkohol um ein deutsches Kulturgut. Trotzdem darf die Frage erlaubt sein, warum man bei zwei ähnlich die Fahrtauglichkeit einschränkenden Substanzen so unterschiedlich wertet: Während man bei Cannabis laut Behörden auch nach mehreren Tagen Abstinenz nicht in der Lage ist, Konsum und Verkehr zu trennen, ist man bei Alkohol angeblich sogar in der Lage Konsum und Autofahren zu trennen, wenn man mit 0,5 Promille am Steuer erwischt wird.

Es fällt schon schwer, hier keine Heuchelei zu erkennen. Ähnlich ist es bei der Unterscheidung von Fahranfängern und älteren Autofahrern. Während in den ersten zwei Jahren nach dem Führerschein eine harte 0,0-Promille Grenze gilt, dürfen Autofahrer danach dann ruhig mit 0,5 Promille Auto fahren. Warum? Entweder Alkohol schadet der Fahrtauglichkeit - und dann sollte ein Alkoholverbot für Alle gelten - oder eben nicht. Sonst könnte man ja auch eine Staffelung einführen: Ab 40 Jahren darf man dann 1 Promille haben und mit 60 darf man dann mit 1,5 Promille Auto fahren.

Beim Betrachten der Zahlen und der Diskussion um Alkohol wird deutlich, dass wir in Deutschland keinen gesunden Umgang mit der Volksdroge Nummer 1 haben. Es mangelt an Problembewusstsein - hier könnte eine 0,0-Promille Grenze helfen, zu einem Umdenken in der Bevölkerung zu sorgen. Es ist sehr schade, dass für diese Diskussion erst (wieder einmal) mehrere Menschen sterben mussten.

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