Bamberg

Klassenkampf am Mittagstisch: Die Diskussion um unser Essen ist absurd und zynisch

Die Landwirte zeigen mit dem Finger auf die Politik. Politiker machen den Lebensmittelhändlern Vorwürfe. Und die Konsumenten greifen sich gegenseitig an. Die Diskussion um unsere Ernährung ist ein einziges Trauerspiel, findet unser Kommentator.
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Darf man ohne schlechtes Gewissen in einen Burger beißen? Und wie teuer müsste er dafür sein? Ein Kommentar zur Diskussion um unsere Lebensmittelproduktion. Symbolfoto: romaset/Adobe Stock
Darf man ohne schlechtes Gewissen in einen Burger beißen? Und wie teuer müsste er dafür sein? Ein Kommentar zur Diskussion um unsere Lebensmittelproduktion. Symbolfoto: romaset/Adobe Stock

Deutschland erlebt - so könnte man meinen - einen neuen Klassenkampf: Statt um soziale Gerechtigkeit, Enteignung und sozialistische Umwälzungen, geht es diesmal aber um die Sinnhaftigkeit von Soja und den Kilopreis von Mett. Und statt zwischen Arm und Reich, geht der Riss scheinbar zufällig mitten durch die Gesellschaft - ja manchmal sogar mitten durch die Familie.

Dabei könnte es so schön einfach sein: Ist es nicht gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir darüber diskutieren können, was und zu welchem Preis wir zu Mittag essen? Statt froh zu sein, wenn man überhaupt irgendetwas zu essen bekommt?

Das Thema ist komplex - doch scheint niemanden zu interessieren

Doch so einfach ist es eben (leider) nicht: Mit der Art und Weise unserer Ernährung belasten wir nicht nur unseren Körper, sondern gleich noch den ganzen Planeten. Auf der anderen Seite ist die Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie ein zentraler Bestandteil unserer Wirtschaft - Millionen Menschen sind von den Preisen und Regelungen in diesem Bereich abhängig. Und dann gibt es ihn eben doch noch, den klassischen Klassenkampf: Denn während die einen nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, sollen Hartz IV-Bezieher für einen Verpflegungssatz von etwa 4,85 Euro am Tag bitte ein gesundes und ökologisch nachhaltiges Essen auf den Tisch zaubern.

Und das alles führt zu einer unübersichtlichen, kaum zu entwirrenden Gemengelage: Da spricht jetzt die Bundesregierung mit den Lebensmittelhändlern über eine Erhöhung der Preise - weil die Landwirte sich in einer wirtschaftlichen Notlage befinden. Dabei fühlen sich diese Landwirte zumeist mehr durch überwuchernde Bürokratie und unsinnige Vorschriften gegängelt, als von der Lebensmittelindustrie ausgebeutet. Und die Verluste der Landwirte - so sagen wiederum die Grünen - sind letztlich doch Ergebnis des durch unseren Lebenswandel erst erzeugten Klimawandels.

Millionäre mit sozialem Gewissen?

Und die milliardenschweren Lebensmittelhändler? Die schreiben sich plötzlich den Schutz des Armen Mannes auf die Fahnen: So begründet Rewe-Chef Sougue seine Preispolitik mit den Millionen armen Menschen in Deutschland. Als sei er nicht Vorsitzender eines kapitalistischen Großbetriebs, sondern vom Arbeiter-Samariter-Bund.

Egal wo man hinschaut: Die Diskussion um unsere Lebensmittel ist an Zynismus kaum zu überbieten: Da fragen ausgerechnet jene Menschen danach, wie man sich die steigenden Preise der Nahrungsmittel überhaupt noch leisten soll, die mit einem 60.000 Euro teuren BMW vor dem Aldi parken. Da betonen anderen Menschen unsere Verantwortung gegenüber der Umwelt und das man deshalb nur noch Bio-Produkte kaufen soll - und fahren dann mit dem SUV vor dem nächsten Reformhaus auf. Und wieder andere Menschen verweisen auf das Leid der deutschen Bauern, während sie ihren aus Neuseeland importieren Apfel kauen.

Keine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung möglich?

Am Beispiel der "fleischessenden dummen Prolls" hat zuletzt der Ernährungspsychologe Christoph Klotter gezeigt: Es geht mehr um ein Dogma, als um eine sinnhafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Das ist mindestens schade, wahrscheinlich aber auch schädlich.

Es wäre schön und wichtig, wenn wir uns wieder mehr inhaltlich mit unserer Ernährung und der Herstellung unserer Lebensmittel beschäftigen können - und weniger dogmatisch und beleidigend. Das Thema ist zu wichtig, als dass wir unsere Zeit mit absurden und zynischen Diskussionen verschwenden könnten.

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