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Berlin
Lampedusa

Die Grenzen der Freiheit

Das wirtschaftliche Desaster und die politische Labilität in Afrika sind "Made in Europe". Deswegen ist das Entsetzen über das neue Flüchtlingsdrama von Lampedusa jetzt ebenso groß wie die Konsequenzen daraus klein sein werden. Wieder einmal.
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Bei einem Schiffbruch sind am Donnerstag vor der Insel Lampedusa im Mittelmeer über 130 afrikanische Flüchtlinge ums Leben gekommen.  Foto: dpa
Bei einem Schiffbruch sind am Donnerstag vor der Insel Lampedusa im Mittelmeer über 130 afrikanische Flüchtlinge ums Leben gekommen. Foto: dpa
Die alte Welt tut sich schon schwer mit den vereinigten Staaten von Europa. Umso utopischer ist der Gedanke an Atlantropa: die Vereinigung von Europa und Afrika, verbunden durch zwei künstliche Landbrücken in der Straße von Gibraltar und zwischen Sizilien und Tunesien.

Diese Utopie gibt es: Der Münchner Architekt Herman Sörgel (1885 bis 1952) hat die Pläne für die Staudämme entwickelt, deren ökologische Folgen vor 80 Jahren niemand abschätzen konnte. Der Glaube an die Technik kannte damals keine Grenzen. Am Ende war Sörgel vielleicht sogar Visionär genug, um zu erkennen, dass das Nebeneinander des reichen Europas und des armen Afrikas auf Dauer ökonomisch und sozial verheerender wirkt als die Trockenlegung eines Teils des Mittelmeeres.

Europa wird seiner Verantwortung nicht gerecht

Europa hat Verantwortung für Afrika und wird dieser nicht gerecht. Der Schwarze Kontinent wurde am Reißbrett zwischen den europäischen Großmächten aufgeteilt, und das Kolonialzeitalter ist noch lange nicht vorbei: Auf die weißen Herren folgten Despoten von europäischen Gnaden. In Afrika werden Stellvertreterkriege geführt, es fließt mehr Geld in Waffengeschäfte als in echte Entwicklungshilfe, von einem partnerschaftlichen Miteinander gar nicht erst zu reden. Die Kolonialherren von heute sind Großkonzerne und Banken, gestützt durch Regierungen, die in zinsgünstiger Aufbauhilfe ein Instrument sehen, um den großen Kontinent Afrika klein und gefügig zu halten.

Das wirtschaftliche Desaster und die politische Labilität in Afrika sind "Made in Europe". Deswegen ist das Entsetzen über das neue Flüchtlingsdrama jetzt ebenso groß wie die Konsequenzen daraus klein sein werden. Wieder einmal.

Der Inbegriff des Bösen

Wie hat Europa doch über den "arabischen Frühling" gejubelt, die Befreiung Nordafrikas von den Diktatoren! Und wie schnell war Europa doch abgetaucht, als es um konkrete Hilfe ging. Freiheit für Ägypten, Tunesien und Libyen - für einen Augenblick schienen die vom Mittelmeer getrennten Kontinente vereint in einem Traum. Ausgeträumt! Die Nordafrikaner sollen ihre Freiheit genießen, bevorzugt aber in Nordafrika. Europa bewundert die guten Moslems, die ihre in Europa geschmiedeten Ketten gesprengt haben, aber der Islam ist Europa Inbegriff des Bösen. Widersprüche? Oder blanker Zynismus?

Man will sie für sich alleine haben, diese Insel des Wohlstands. Gäbe es das Mittelmeer nicht, müsste Europa es erfinden. Sörgels Staudämme trügen heute Stacheldraht und Wachtürme. Dabei zeigt die jüngste Geschichte, dass Utopien stärker sind als Grenzen. Zumal als die Grenzen zwischen Arm und Reich. Europas Freiheit heißt auch: Verantwortung. Europa, fange an, Brücken zu bauen!

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