São Paulo
Klimakatastrophe

Amazonas: Der Regenwald brennt und wir debattieren über Greta Thunberg - ein Kommentar

Der Amazonas brennt und das in einem solchen Ausmaß, dass der Himmel über Brasilien teilweise verdunkelt wird und das Klima weiter in Richtung Katastrophe wankt. Währenddessen debattiert man hierzulande lieber über Greta Thunbergs Segelfahrt nach Amerika. Einfach nur absurd. Ein Kommentar.
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  • Große Waldgebiete in Brasilien, aber auch Bolivien und Venezuela brennen seit mehreren Wochen
  • Brasliens Präsident Bolsonaro bezichtigt Naturschützer der Brandstiftung
  • Der Himmel über Brasilien ist teilweise verdunkelt
  • Die Berichterstattung stürzt sich aber stattdesssen auf Greta Thunberg

Seit Wochen brennt der Regenwald im Amazonas. Über 72.000 Brandherde wurden zuletzt gemeldet, 80 Prozent mehr als im Vorjahr - ein dramatischer Anstieg. Große Teile des Regenwalds drohen zu verschwinden. Aber erst seit kurzem berichten deutsche Medien über die schlimmsten Feuer seit vielen Jahren in der grünen Lunge der Erde.

Brandkatastrophe in Südamerika findet kaum Beachtung

Dass es das Thema überhaupt in die Medien geschafft hat, liegt - mal wieder - nur am Druck aus sozialen Medien. Menschen rund um die Welt haben sich kritisch darüber geäußert, dass die Brandkatastrophe in Brasilien und in Teilen Boliviens, Venezuelas und Argentiniens, kaum Beachtung findet.

Während Medien aus aller Welt im Minutentakt über den Brand der Kathedrale Notre Dame in Paris berichteten, springen sie nun erst nach Wochen auf das Thema des brennen Regenwalds in Amazonien an.

Jährlich rund 500.000.000 Tonnen CO2 durch Waldbrände - und durch Greta Thunberg?

Während sich also der Himmel über Sao Paulo verdunkelt und riesige Flächen Regenwald für immer verloren gehen, arbeiten sich deutsche Medien beim Thema "Klima" lieber anderswo ab Da wird lieber gerechnet, wie viel CO2 Greta Thunberg auf ihrer Reise in die USA erzeugt und ob sie nicht hätte fliegen sollen.

Zum Vergleich: Wäre die schwedische Klimaaktivistin geflogen, anstatt mit dem Segelschiff zu fahren, wären etwa 7 Tonnen CO2 eingespart worden. Bei den verheerenden Bränden im Amazonas-Gebiet geht es um einen millionenfachen höheren Wert. Jährlich werden dort durch Waldbrände etwa 500 bis 600 Megatonnen CO2 ausgestoßen, in dieser "Saison" waren es bereits an die 200 Megatonnen.

Da mag sich ja jemand in einer Redaktion zwar sehr klug und geschickt vorkommen, aber die Frage darf erlaubt sein: Was soll das? Was ist damit gewonnen? Letztlich haben diese Argumentationen ja nur zum Ziel, Klimaprotest ins Lächerliche zu ziehen. Sie wollen zeigen: Wir müssen die Gretas dieser Welt nicht ernst nehmen, denn sie sind ja auch nicht besser als wir. Diese Argumente haben nur ein gravierendes Problem: Sie halten den Fakten nicht stand.

Privilegierte Faulheit

Während dieser Tage etwa von der Bildzeitung Spekulationsgeschichten lanciert werden über angebliche oder tatsächliche Hintermänner von Greta, geht es in anderen Teilen der Welt gerade um nichts anderes als um die Zukunft der Erde, wie wir sie kennen.

Warum also sitzen viele deutsche Journalisten, Politiker und große Teile der Gesellschaft bequem im Sessel und sind fieberhaft damit beschäftigt Gründe zu finden, warum wir Greta Thunberg und "Fridays for Future" vielleicht doch gar nicht ernst nehmen müssen? Die Antwort ist so simpel wie ernüchternd:

Wir in Mitteleuropa besitzen das ungerechte Privileg, dass uns die Klimakatastrophe so ziemlich als letzte betreffen wird. Und mit "betreffen" meine ich nicht, dass die Sommer etwas heißer werden und der Wein etwas süßer, sondern häufigere Wetterextreme. Stürme, Hochwasser, Dürren, Erosion. In anderen Teilen der Erde geht es dadurch - jetzt schon und bald noch viel mehr - um das nackte Überleben.

Es geht ums Überleben

Die Lebensgrundlage vieler Millionen Menschen wird wegbrechen, Staaten werden in Krisen stürzen und Verteilungskämpfe um Ressourcen wie Wasser und Nahrung werden drohen, während man in Deutschland noch in der bequemen Lage sein wird, sich über Unterrichtsausfälle und "dreiste Jugendliche" aufregen zu können.

Wenn erst das Klima durch Ignoranz und Gewinnsucht endgültig gekippt ist, wird es zu spät sein, um einen anderen Schwerpunkt in der Berichterstattung zu wählen - noch ist Zeit, aber sie wird knapp.

Bolsonaro lastet Umweltschützern Waldbrände an

Für die Waldbrände in der Amazonasregion macht der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro Umweltschützer verantwortlich. "Wir nehmen den Nichtregierungsorganisationen ihre Zuschüsse, wir haben die Überweisungen der Regierungsstellen eingestellt. Jetzt fehlt ihnen das Geld", sagte Bolsonaro am Mittwoch (Ortszeit). "Es kann also sein, dass diese Organisationen gegen mich persönlich und die brasilianische Regierung vorgehen. Das ist der Krieg, in dem wir uns befinden." Beweise für seine Behauptungen zur Brandstiftung legte er nicht vor.

Umweltverbände wiesen die Vorwürfe Bolsonaros scharf zurück. "Diese Behauptung des Präsidenten ist unverantwortlich", sagte der Präsident des Instituts für Umweltschutz (Proam), Carlos Bocuhy, dem Nachrichtenportal G1. "Es hat keinen Sinn, zu behaupten, wir hätten das Feuer gelegt. Das ist absurd." Unterdessen forderten deutsche Politiker der Grünen und der Linken die Bundesregierung auf, Konsequenzen zu ziehen und das Mercosur-Handelsabkommen zu stoppen.

In Brasilien wüten die schwersten Waldbrände seit Jahren. Seit Januar nahmen die Feuer und Brandrodungen im größten Land Südamerikas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 83 Prozent zu, wie die Zeitung "Folha de S. Paulo" berichtete. Insgesamt wurden demnach 72 843 Brände registriert. In den meisten Fällen waren Flächen in Privatbesitz betroffen, aber auch in Naturschutzgebieten und indigenen Ländereien brechen immer wieder Feuer aus.

mit dpa

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