Beinahe zwei von drei Zehnjährigen in Deutschland können laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage nicht schwimmen. An der Sinnberg Grundschule ist die Situation sogar noch schlechter: Mehr als 70 Prozent der Kinder sind dazu nicht in der Lage: "Wir haben so viele Nichtschwimmer in den dritten und vierten Klassen", berichtet Sportlehrerin Christine Steigmeier. Dabei sollte es eigentlich das Ziel sein, dass jedes Kind schwimmen kann, wenn es die Schule verlässt. "Also haben wir gesagt, wir müssen schon in der zweiten Klasse etwas machen", sagt sie. Unterstützung bekommt die Schule dabei vom Familienhotel Sonnenhügel in Reiterswiesen und von Ex-Profischwimmerin Franziska van Almsick.

Das städtische Hallenbad ist vormittags gut ausgelastet. Wie das Rathaus mitteilt, nutzen acht Schulen aus der Stadt und der Umgebung das Bad für den Schwimmunterricht. Freie Kapazitäten gibt es nur noch an drei Werktagen zwischen 13 und 14 Uhr. Die Schulleitung hielt also nach anderen Bädern Ausschau, ging auf Kliniken und Hotels zu. Nach langer Suche mit Erfolg: "Das Hotel Sonnenhügel hat sich bereit erklärt, uns Schwimmzeiten und eine Schwimmlehrerin zu geben", sagt Steigmeier. Seit Januar haben in dem Hotelbad zehn Kinder der Ganztagesklasse 2c gelernt, sich über Wasser zu halten. "Jetzt ist es an den Eltern, weiterzumachen", findet sie.

Das Thema treibt auch die mehrfache Olympia-Medaillengewinnerin, Welt- und Europameisterin und Weltrekordschwimmerin Franziska van Almsick um. "Jedes Kind, das nicht schwimmen kann, kann potenziell ertrinken", sagt sie. Ertrinken sei die zweithäufigste Todesursache bei Kindern. Die 41-Jährige hat also eine eigene Stiftung ins Leben gerufen, mit der sie sich in dem Thema engagiert. Erklärtes Ziel ist, dass jedes Kind in Deutschland mindestens eine Schwimmart beherrscht.

Komplexe Problemlage

Über dieses Engagement kam van Almsick jetzt auch nach Bad Kissingen. Das Hotel Sonnenhügel und die Sinnberg Grundschule veranstalteten gestern einen großen Aktionstag. Die zehn Schwimmkinder der 2c hatten dabei die Gelegenheit, gemeinsam mit dem Ex-Profi zu trainieren - bunter Wasserspaß vor ernstem Hintergrund.

"Wir haben uns in eine Situation hineinmanövriert, aus der es schwer ist, herauszukommen", sagt sie. Das Problem sei sehr komplex. Van Almsick nimmt das als gesellschaftliches und politisches Problem wahr: Da sind Kinder, die von zuhause aus schon früh eine Fremdsprache und ein Instrument lernen, aber nicht wie sie schwimmen. Engagieren sich die Eltern doch, sind sie mit langen Wartezeiten für Schwimmkurse konfrontiert oder müssen auf teure Privatschwimmschulen zurückgreifen. Ein großes Problem sieht der Schwimmstar in der Infrastruktur: Deutschland diskutiert auf der einen Seite über Flugtaxis, auf der anderen Seite hat jede vierte Grundschule keinen Zugang zu geeigneten Bädern. Der teure Unterhalt und aufwendige Sanierungen zwingen Gemeinden, ihre Schwimmhallen zu schließen, weil sie beides nicht finanzieren können - im Landkreis Bad Kissingen können Münnerstadt und Wildflecken ein Lied davon singen.

"Es muss ein komplexes Umdenken stattfinden. Das Thema muss wieder eine Selbstverständlichkeit werden", sagt van Almsick. Mit ihrer Stiftung will sie darauf aufmerksam machen und Schulen unterstützen. Deshalb kooperiert sie beispielsweise auch mit Kommunen und Schwimmbadbetreibern.

Schwimmschule im Urlaub

Die Familotel-Gruppe, zu der das Sonnenhügel gehört, ist so ein Partner. "Wir haben bemerkt, wie das Thema Schwimmschule in unseren Hotels immer mehr Raum gegriffen hat, weil es in Kindergärten und Schulen nicht mehr angeboten wird", sagt der Vorstandsvorsitzende Sebastian Ott. 51 Familotel-Hotels bieten inzwischen Schwimmschulen an. Die Idee: Den Kindern das Schwimmen beibringen, während die Eltern Urlaub machen.

Hoteldirektor Hans Markwalder stellt der Schule das Bad kostenlos zur Verfügung. Auch eine beim Hotel angestellte Schwimmlehrerin unterstützt das Projekt. Den hohen Anteil an Nichtschwimmern will der Schweizer Hotelier nicht hinnehmen. "Ich habe mir gedacht, das darf nicht wahr sein. Das gab es zu meiner Zeit nicht", sagt er. Schwimmen gehörte zu den Grundfähigkeiten, die etwa im Rahmen der Wehrpflicht verlangt wurden oder die es gebraucht hat, um den Sommer mit Freunden zu verbringen.

Van Almsick lobt das Engagement: "Es ist nicht selbstverständlich, dass ausgeholfen wird", sagt sie. Allerdings hätten gerade Badbetreiber guten Grund, sich stärker zu engagieren: Schließlich schaffen sie sich mit Schwimmkursen potenzielle Kunden für die Zukunft.