Rosige Zeiten?!

Studie: Viele Jugendliche blicken optimistisch in die Zukunft. Doch es kommt auf die Herkunft an. Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien fühlen sich oft abgehängt.
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Wie optimistisch Jugendliche in die Zukunft blicken, hängt stark von ihrer Herkunft ab. Foto: dpa
Berlin - Sie sind optimistisch, leistungsorientiert und sozial engagiert: Trotz Wirtschaftskrise und Job-Problemen präsentiert sich in der neuen Shell-Studie eine selbstbewusste und pragmatische junge Generation in Deutschland. Doch für Heile-Welt-Gefühle gibt es trotzdem keinen Anlass. Die wachsende soziale Kluft in Deutschland trübt das Lebensgefühl der jungen Leute zwischen zwölf und 25.
Seit 1953 fragen Wissenschaftler alle vier Jahre rund 2500 Mädchen und Jungen zwischen zwölf und 25 nach ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertvorstellungen und ihrer Einstellung zur Politik. Rund 100 Fragen sind es bei der sogenannten Shell-Studie in diesem Jahr gewesen.

Die soziale Herkunft prägt


Forscher wie den Bielefelder Politikwissenschaftler Mathias Albert hätte es nicht gewundert, wenn Jugendliche nach Bankenkrisen und der Wirtschafts-Talfahrt den Kopf resigniert in den Sand gesteckt hätten. Doch zu seiner Überraschung ist das Gegenteil der Fall. Die Jugend 2010 gibt sich ehrgeizig, zäh und flexibel. Im Vergleich zur Shell-Studie 2006 blicken sogar fast zehn Prozent mehr junge Leute optimistisch in ihre Zukunft – es sind nun 59 Prozent.

Die Kluft zwischen den sozialen Milieus wächst

Doch dieses hoffnungsvolle Bild wird gleich wieder getrübt durch etwas, das Familienministerin Kristina Schröder (CDU) eine „deutliche Schichtabhängigkeit“ nennt. Kinder aus der gut gebildeten Mittel- und Oberschicht sind mit ihrem Leben sehr zufrieden und setzen darauf, später allen Widrigkeiten zum Trotz ihren Traumberuf zu ergattern. Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien sind weit weniger optimistisch (40 Prozent) und sehen ihren beruflichen Weg eher mit Sorge. Es fängt schon mit der Frage an, ob sie den Schulabschluss schaffen. So erinnert die Jugendstudie an PISA. Einmal mehr wird Deutschland bescheinigt, dass die wachsende Kluft zwischen den sozialen Milieus auch die Bildungswelten weiter auseinanderdriften lässt: Erfolg in Schule und Beruf hängt vor allem von der Herkunft ab.
  Entscheidend für Lebenswege sei eine Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt, sagt Wissenschaftler Albert. Kristina Schröder sieht den Schlüssel dazu vor allem in frühkindlicher Bildung. Die heutigen Jugendlichen ohne Schulabschluss würden  ausgeblendet und vernachlässigt, kritisiert Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast.

Herkunft entscheidet sogar über die Computer-Nutzung

Die Shell-Studie legt den Finger in die offene Wunde. Die Frage der Herkunft zieht sich wie ein roter Faden durch ihre sieben Kapitel. Ober- und Mittelschichtkinder lesen mehr, lieben kreativ-künstlerische Aktivitäten, pflegen Freundschaften und engagieren sich für gute Zwecke. In der Generation Online – fast alle Jugendlichen haben Internet-Zugang – entscheidet die Herkunft sogar über die Art der Computernutzung. Jugendliche aus bildungsfernen Familien spielen an ihrem Rechner. Mädchen und Jungen „aus gutem Hause“ nutzen das Internet für Informationen und das Knüpfen sozialer Netzwerke.
Bei den gesellschaftlichen Einstellungen der jungen Leute sehen die Forscher erste Anzeichen einer Re-Politisierung, jedoch längst nicht auf dem Niveau der 1970er und 1980er Jahre. Politische Parteien oder die Bundesregierung können davon nicht profitieren. In der Gunst vieler Jugendlichen rangieren sie ähnlich weit unten wie große Unternehmen und neuerdings auch Banken.

Fast alle wollen lange zuhause wohnen bleiben

Bei der Einstellung zur Religion spielt wiederum die Herkunft eine Rolle. Viele Jugendliche mit ausländischen Wurzeln bekennen sich offen zu ihrem Glauben, deutschen Jugendlichen wird die Kirche dagegen immer unwichtiger. Gemeinsam ist allen befragten Mädchen und Jungen die Liebe zum Elternhaus, die im Vergleich zu früheren Untersuchungen verblüfft: 90 Prozent der Mädchen und Jungen sind mit Mama und Papa vollauf zufrieden und bleiben gern lange zu Hause wohnen. Die Forscher werten das als Reaktion, dem wachsenden Druck in einer unsichereren Welt Stand zu halten.

Autorin: Ulrike von Leszczynski, dpa