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Gesundheit

Hilfe für ADHS-Kinder

Eltern, deren Kinder eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung haben, stehen oft unter starkem Druck. Ein spezielles Training kann ihnen helfen.
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"Zappelphilipp" wurden früher Kinder genannt, bei denen heute eine sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wird. Das Bild zeigt einen betroffenen Jungen.  Foto: Julian Stratenschulte, dpa
"Zappelphilipp" wurden früher Kinder genannt, bei denen heute eine sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wird. Das Bild zeigt einen betroffenen Jungen. Foto: Julian Stratenschulte, dpa
Ständige Unruhe, Schlafstörungen, Wutanfälle, Probleme bei den Hausaufgaben: Wenn ein Kind eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hat, stehen Eltern vor großen Schwierigkeiten. "Man ist so verzweifelt und versucht alles", berichtet zum Beispiel Isolde N., deren inzwischen erwachsener Sohn an der Störung leidet. "Ein Elterntraining kann ich da nur empfehlen."
Auch von wissenschaftlicher Seite spricht viel dafür, dass sich ein Eltern-Coaching positiv auf den Alltag betroffener Familien auswirkt. So sagt Prof. Manfred Döpfner, ADHS-Experte an der Universität Köln: "Bewährt haben sich vor allem Trainings auf der Basis verhaltenstherapeutischer Prinzipien."
Für Isolde N. war es eine große Erleichterung, beim Elternkurs auf Familien mit ähnlichen Problemen zu treffen. "Ich habe mich zum ersten Mal verstanden gefühlt", erzählt sie. "Vorher habe ich nämlich gemeint, in der Erziehung alles falsch gemacht zu haben."


Eltern den Druck nehmen

Immer wieder müssen Eltern gegen das Vorurteil ankämpfen, sie hätten ihr Kind "halt nicht gescheit erzogen". Das weiß auch die Kinderpsychiaterin Anja Roth vom Josefinum in Augsburg aus ihren Gesprächen mit betroffenen Familien. Ihr Team bietet Eltern von ADHS-Kindern, die ambulant an der Klinik behandelt werden, regelmäßig Kurse an. Darin geht es zunächst darum, Mütter und Väter von Druck und Schuldgefühlen zu befreien.
Kinder bekommen nicht deshalb ADHS, weil Eltern falsch erziehen. Vielmehr gehen Wissenschaftler davon aus, dass verschiedene Faktoren, vor allem die Gene, als Auslöser eine Rolle spielen. Offenbar steht den Nervenzellen im Gehirn zu wenig von dem Botenstoff Dopamin zur Verfügung, so dass die Informationsweitergabe gestört ist. Reize werden dadurch schlecht gefiltert. Das hat zur Folge, dass die Betroffenen einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt sind und sich unter anderem schlecht konzentrieren können.
Um die Probleme in den Griff zu bekommen, gibt es verschiedene Ansätze: etwa Verhaltenstherapie, Konzentrationstraining und in schweren Fällen zusätzlich Medikamente. Eine wichtige Rolle haben aber auch die Eltern: Wenn ein Kind in der Familie verhaltensauffällig ist, helfen in vielen Fällen bestimmte Erziehungsstrategien. Entsprechende Kurse oder Coachings, wie sie von Beratungsstellen, Ärzten oder Psychotherapeuten angeboten werden, sind meist eine wichtige Unterstützung.
Zu Beginn eines Trainings steht die Aufklärung über ADHS. Wichtig ist, dass Eltern verstehen, warum ihre Kinder in einer bestimmten Weise reagieren. In den Kursen geht es auch darum, das Einfühlungsvermögen durch Selbsterfahrungs-übungen zu fördern: So müssen sich die Erwachsenen zum Beispiel konzentrieren, während ständig jemand dazwischenredet. "Dadurch sollen sie ein Gefühl dafür bekommen, wie es ihrem Kind ergeht", erklärt Roth.
Außerdem erlernen Eltern Strategien für den Alltag. Dazu gehört das tägliche "Hausaufgabendrama": Da sich ADHS-Kinder leicht ablenken lassen, tun sie sich in aller Regel bei den Hausaufgaben schwer. "Wenn wir den Eltern erklären, welch kurze Konzentrationsspanne bereits gesunde Kinder haben, löst das oft einen Aha-Effekt aus", sagt Roth. "Den Eltern wird dann klar, dass die Kinder durch die Hausaufgaben oft stark überfordert sind." In vielen Fällen ist es sinnvoll, Pausen einzulegen. Schafft ein Kind die Aufgaben in einer bestimmten Zeit nicht, sollte man das der Schule melden.


Selbsthilfe-Angebote

Neben diversen Kursen gibt es auch viele Selbsthilfe-Angebote für Eltern in Form von Ratgebern, Broschüren oder Online-Programmen. Mit den meisten arbeitet man selbstständig, bei manchen sind begleitende Telefonate mit einem Psychologen vorgesehen. "Auch diese Selbsthilfe-Ansätze bringen eine deutliche Entlastung", sagt Döpfner. "Sie können eine Eltern-Kind-Therapie aber nicht ersetzen." Daher sind sie vor allem in leichteren Fällen sinnvoll. Und wie viel können Eltern wirklich erreichen? Lässt sich das Verhalten so optimieren, dass man auf das umstrittene Ritalin verzichten kann? Darauf reagieren Experten zurückhaltend. "Ein Elterntraining kann ein Medikament nicht einfach ersetzen. Das ist auch nicht der Anspruch", sagt Roth. "Es kann aber dabei helfen, die familiäre Situation erheblich zu entspannen."
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