Strullendorf
Sicherheit

Fährst du Rad? Sicher?!

Schüler der Mittelschule Strullendorf helfen ihren geflüchteten Mitschülern dabei, Deutsch zu lernen und deutsche Verkehrsregeln richtig anzuwenden.
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Timo aus der Klasse 8a checkt die Fahrräder der neuen Mitschüler. Die müssen nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die Verkehrsregeln lernen. Auch dabei helfen ihnen ihre Mitschüler. Foto: Andrea Seuberth
Timo aus der Klasse 8a checkt die Fahrräder der neuen Mitschüler. Die müssen nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die Verkehrsregeln lernen. Auch dabei helfen ihnen ihre Mitschüler. Foto: Andrea Seuberth
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Zahlreiche Schüler sind an diesem Freitagmorgen auf dem Pausenhof der Grund- und Mittelschule Strullendorf mit dem Fahrrad unterwegs. Die Achtklässler führen heute Verkehrsübungsstunden für die Schüler der Übergangsklasse durch und kontrollieren deren Fahrräder. In die Übergangsklasse gehen junge Geflüchtete, die aus vielen unterschiedlichen Ländern nach Deutschland gekommen sind.


Heißt "umfahren" überfahren?

Mohammed tritt kräftig in die Pedale, schaut nach hinten, gibt nach links Handzeichen, ordnet sich auf der Sichtlinie ein, schaut nochmals nach dem Gegenverkehr, fährt mit Sicherheitsabstand um das Hindernis herum, gibt Handzeichen rechts und fährt nach rechts zurück. Ali Reza und Gregor, seine Sicherheitsbegleiter, nicken: "Das hast du gut gemacht."
Zuvor hatte Mohammed entsetzt gerufen: "Das geht nicht!" Er sollte ein Hindernis umfahren. Bisher dachte er "umfahren" bedeute drüberfahren. Auch Julia, Gregor, Iza und ihren neuen Mitschülern war die Doppeldeutigkeit des Begriffes nicht geläufig. Abdul meint: "Nicht nur die deutsche Sprache ist für uns schwer - auch die deutschen Verkehrsregeln."
Verkehrsregeln sind in seiner Heimat Syrien den meisten Leuten unbekannt und werden auch nicht eingehalten. Sollte ein Verstoß passieren und man wird erwischt, zahlt man Bestechungsgeld an den Polizisten. Radfahren wird von den Eltern beigebracht, in der Schule gibt es keine Verkehrserziehung. Außerdem gibt es kein Gesetz, wann und wo man Rad fahren darf. Jeder fährt auf der Straße, da es keine Radwege gibt, nur auf der Autobahn fährt niemand.


Mädchen dürfen endlich aufs Rad

Sein Mitschüler Ali Reza ergänzt: "In meiner Heimat Afghanistan gibt es in der siebten Klasse Verkehrserziehung. Das Radfahren lernen die Kinder dort von ihren Eltern und in der Schule. Es gibt erst seit 2016 einige Ampeln, sonst regeln Polizisten den Verkehr. Führerscheine haben die wenigsten, aber viele fahren Auto. Im Jahr 2001 gab es nur ungefähr 50 Kilometer asphaltierte Straßen, alle anderen waren Sand- und Erdstraßen. Das ist so, weil es dort immer Krieg gibt. In den Landesteilen, welche von den Taliban besetzt sind, herrscht Ausgehverbot für Mädchen. Frauen dürfen nur in Begleitung aus dem Haus. Mädchen und Frauen dürfen dort nicht Rad fahren, das ist nur Männern erlaubt."


"Im Irak gibt es kaum Verkehrszeichen"

"Wie in meiner Heimat, dem Irak", bestätigt Aya, "dort durfte ich auch nicht Rad fahren. In Deutschland darf ich", sagt sie lächelnd. Ihr Bruder Amir meint: "Im Irak gibt es kaum Verkehrszeichen und Verkehrsregeln hat es mal gegeben, aber niemand hält sich daran."
Aya, Amir, Abdul, Ali Reza, Gregor und Julia sind schon länger in Deutschland, kennen die Verkehrsregeln und fahren auch sicher Rad. Sie besuchen die achte Regelklasse und helfen nun ihren neuen Mitschülern, sich im Verkehr sicher mit dem Fahrrad zu bewegen. "Für mich war das nicht schwer", meint Iza, "aber in Ungarn ist es ja fast wie in Deutschland." Für ihre Mitschüler aus der Übergangsklasse ist es jedoch sehr schwierig, in Deutschland Rad zu fahren. Verkehrsunterricht? Den gab es bisher nicht. Verkehrszeichen? Ein Fremdwort! Damit sich das ändert, haben die Achtklässler nun diese theoretischen und praktischen Verkehrsübungen eingeführt. Zunächst haben sie ihr eigenes Wissen in einer Unterrichtsstunde mit Robert Schwarzmann, einem Verkehrserzieher der Polizei Bamberg, aufgefrischt. Sie wiederholten alles: Rechts vor Links, Handzeichen geben beim Abbiegen, richtiges Einordnen und den Toten Winkel.


Alle 33 Minuten ein Unfall

Dies war auch für sie ein Gewinn, denn eine parlamentarische Anfrage der SPD hat ergeben, dass in Bayern die Zahl der Unfälle mit Radfahrern stark angestiegen ist. "Alle 33 Minuten findet in Bayern ein Unfall statt, an dem ein Fahrrad beteiligt ist. Tendenz: stark steigend. In zwei Dritteln aller Unfälle sind die Fahrradfahrer selbst in der Verantwortung, selbst in der Schuld", hat Markus Rinderspacher, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, dazu erklärt.


"Füssgänger über weg - häh??"

Auch im Landkreis Bamberg hat sich die Zahl der schwerverletzten Radfahrer auf 23 erhöht. Das haben wir in der Verkehrsstatistik gelesen, die im Februar in dieser Zeitung stand: Bei 212 Verkehrsunfällen im Jahr 2017 mit Beteiligung von Radfahrern waren bei 123 die Radfahrer schuld.
Allerdings: Kein geprüfter Radfahrer, der an der Ausbildung in der Jugendverkehrsschule in Scheßlitz und in Burgebrach teilgenommen hat, war an einem Schulwegunfall beteiligt. Da sich die Schülerinnen und Schüler aber nicht nur für die Regeln, sondern auch für die Strafen interessierten, führten sie ein Interview mit einem Richter am Amtsgericht Bamberg durch. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Wir erfuhren, dass die Herkunft des Unfallverursachers keine Auswirkungen auf eine Strafe hat - nur das Alter und die Situation, in der der Unfall passiert ist. Doch genug Theorie, jetzt ist es soweit: Aya, Amir und Abdul haben die Stunde ins Arabische übersetzt und führen sie mit den Kindern der Übergangsklasse durch. David übersetzt alles ins Englische. Die Kinder wollen die Verkehrsregeln genau lernen. Sie sind aufmerksam, fragen nach: "Rechts vor links oder links vor rechts?", fragt Mohammed. Und: "Füssgänger über weg - was ist das?" Schnell wird klar, nicht nur die deutsche Sprache ist schwer - auch die Verkehrsregeln sind es.
Nun geht's zum nächsten Punkt des Tages, der Fahrradkontrolle. "Mahmoud, dein Fahrrad ist ja gar nicht richtig fest verschraubt, da wackelt ja alles", meint Timo entsetzt, "verkehrssicher ist das aber nicht. Warte, ich zieh' dir alles nach."


Zum Schluss kommt die Melone

Geschafft! Einige haben die Fahrradprüfung nicht bestanden. Sie fahren zu unsicher oder ihr Rad ist nicht verkehrssicher. Dann müssen wir halt noch üben - "und mit ihnen an den Fahrrädern schrauben", bietet Johannes an.
Zum Abschluss kommt eine Wassermelone zum Einsatz, denn das Thema Helmpflicht wurde nebenbei während der gesamten Zeit heiß in der achten Klasse diskutiert. "Setz' ich nicht auf - meine Frisur," meint Gina. "Welche Frisur?", neckt sie Kevin. "Nein, mein Kopf ist mir wichtiger", entgegnet Leonie. Gespannt und ängstlich beobachten alle, wie Lucas die Melone in den Helm schnallt, hoch hebt - und auf die Bordsteinkante fallen lässt. Sie ist ganz.
Nun der gleiche Versuch ohne Helm, Gina wendet sich entsetzt ab. Aya übersetzt: "Ihr müsst immer einen Helm tragen, schaut, was passiert, wenn ihr ohne Helm mit dem Kopf auf die Bordsteinkante fallt." Und Amir meint: "Warum gibt es in Deutschland keine Helmpflicht für Radfahrer? Ihr wollt doch immer alles sicher haben!"


"Die meisten Kopfverletzungen wären vermeidbar durch einen Fahrradhelm"

Soll man mit Helm fahren oder ohne? Das und mehr haben wir den Bamberger Notfallsanitäter Thomas Stemper in der BRK-Einsatzzentrale gefragt.

Wie viele Fahrradunfälle sind in diesem Jahr schon passiert?
Thomas Stemper: Man kann zu den Zahlen nicht wirklich etwas aussagen. Es waren geschätzte 5800 Notfälle letztes Jahr; ein Drittel sind Fehleinsätze. Nach meiner Einschätzung nehmen die Fahrradunfälle aber zu. Bei Unfällen aufgrund des Toten Winkels werden von Bussen oder Lkw meist Fußgänger oder Radfahrer erfasst. Unfalltote gibt es in diesem Jahr schon häufig, aber weniger als letztes Jahr.

Was sind die schlimmsten Folgen eines Fahrradunfalls?
Die schlimmste Folge ist der Tod. Und natürlich Kopfverletzungen.
Welche Kopfverletzungen kommen bei Radfahrunfällen am häufigsten vor?
Am häufigsten sind Kopfplatzwunden und Gehirnerschütterungen. Schwere Kopfverletzungen kommen nur selten vor. Festzustellen ist aber, dass die meisten Kopfverletzungen bei Fahrradfahrern durch einen Fahrradhelm vermeidbar wären.

Um diese Aussage zu überprüfen, haben wir den Test gemacht und eine Melone, der wir einen Helm "angezogen" hatten, aus etwa 1,7 Metern Höhe (entspricht der durchschnittlichen Höhe des Kopfes eines Radfahrers) auf eine Bordsteinkante fallen lassen. Anschließend wiederholten wir den Versuch - diesmal ohne Helm. Seht selbst!
Das Interview führten Lucas Schwarzmann und Maximilian Kluge, Klasse 8a.

Wie fahren Sie Rad? Sind Sie noch sicher?

1. Ist das Radfahren in einer Fußgängerzone erlaubt?
2. Darf ein Radfahrer an einer Ampel wartende Autos rechts überholen?
3. Darf ein Radfahrer während der Fahrt mit dem Handy telefonieren?
4. Ist das Musikhören beim Radfahren erlaubt?
5. Muss das Fahrrad einen Dynamo haben?
6. Mit einer Bremse und Klingel habe ich bereits ein verkehrssicheres Fahrrad.
7. Muss ich beim Radfahren immer eine Hand am Lenker haben?
8. Bekomm ich Punkte in Flensburg, wenn ich beim Radfahren gegen
Verkehrsregeln verstoße?
9. Kann ich durch eine Alkoholfahrt mit dem Fahrrad den Führerschein
verlieren?

Lösung:
1. Lt. Straßenverkehrsordnung (StVO) ist dies erlaubt, aber in Fußgängerzonen muss man Schritttempo fahren (4-7 km/h).
2. Radfahrende dürfen auch rechts an wartenden Autos vorbeifahren, wenn ausreichend
Platz vorhanden ist (etwa 1 m).
3. Für Radfahrer ist es während der Fahrt verboten das Handy in der Hand zu halten und zu
benutzen. Dies kostet den Radfahrer 55 € Verwarnungsgeld. Allerdings ist das Telefonieren mit
einer Freisprecheinrichtung erlaubt. (siehe 4.)
4. Verboten sind Kopfhörer nur dann, wenn das Gehör wesentlich beeinträchtigt wird. Die Lautstärke
muss so gering sein, dass Warnsignale noch wahrgenommen werden können. Passiert aber ein
Unfall, kann der Radfahrer eine Mitschuld haben oder den Anspruch auf Schadensersatz und
Schmerzensgeld verlieren.
5. Lt. Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO) muss die Beleuchtung am Fahrrad nicht mehr von einem Dynamo betrieben werden. Es sind auch batteriebetriebene Scheinwerfer und Rücklichter
zugelassen. Diese müssen tagsüber nicht mitgeführt werden. Ein Verstoß gegen die
Beleuchtungsvorschriften kann bis zu 35 Euro kosten.
6. Neben der Beleuchtung nachts und bei schlechter Sicht sind vorgeschrieben:
• zwei voneinander unabhängige Bremsen
• eine Klingel, die nicht zu leise sein sollte
• ein weißer Reflektor (vorne)
• ein roter Reflektor (hinten)
• vier gelbe Speichenreflektoren (Katzenaugen) oder reflektierende weiße Streifen an den Reifen oder in den Speichen
• rutschfeste und festverschraubte Pedalen, die mit je zwei Pedalreflektoren ausgestattet sind
7. Freihändig fahren ist lt. StVO verboten und kostet 5 Euro.
8. Auch Radfahrer können Eintragungen in Flensburg bekommen. Ab 60 Euro Bußgeld gibt es
Punkte in der Verkehrssünderkartei, sogar wenn man überhaupt keinen Führerschein besitzt.
9. Ab 0,3 Promille kann man sich strafbar machen und muss bei einem Unfall haften.
Ab 1,6 Promille begeht der Radfahrer auch eine Straftat. Dann droht eine Überprüfung der
Fahreignung, diese kann den Entzug der Fahrerlaubnis für Kraftfahrzeuge und sogar ein
Radfahrverbot zufolge haben.

Quellen: (STVO), Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO) Bußgeldkatalog: https://www.bussgeldkatalog.org/ https://www.adfc.de/bussgeldkatalog
Bildquelle: https://www.dvr.de/publikationen/downloads/verkehrszeichen.html


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