Lust auf ein bisschen Verblüffung? Dann mal los:
Denken Sie sich eine zweistellige Zahl. Multiplizieren Sie diese mit 9. Zählen Sie nun die Ziffern der Zahl zusammen, die Sie erhalten haben. Falls Sie jetzt immer noch eine zweistellige Zahl haben, zählen Sie nochmals die Ziffern dieser letzten Zahl zusammen, so oft, bis Sie eine einstellige Zahl haben. Ziehen Sie 5 davon ab. Und nun übersetzen Sie diese Zahl in einen Buchstaben: A=1, B=2, C=3, D=4, E=5...! Denken Sie nun an eine Frucht, die mit diesem Buchstaben beginnt. Und außerdem an ein Land in Europa, das mit diesem Buchstaben beginnt, das aber nicht an die Schweiz grenzt. Und nun sagen wir Ihnen: Sie haben an Datteln und Dänemark gedacht.

Keine Telepathie
Wie wir das wissen können? So viel sei schon jetzt verraten: Es hat nichts mit Telepathie zu tun. Vielmehr ist es ganz simple Mathematik.
Zugegeben: Solche Spielchen machen vielleicht Spaß, aber kein Schüler, der sich je mit Algebra, Integralfunktionen oder Wahrscheinlichkeitsrechnung herumplagen musste, wird sich mit ein bisschen dänischem Fruchtzauber überzeugen lassen, dass Mathe außerhalb des Supermarkts noch zu etwas taugt. Gut, da gibt es noch so ein paar Studiengänge, vor allem die der zukunftsträchtigen MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Und auch im Medizin-, BWL-, Soziologie- oder Psychologie-Studium wird gerechnet. Aber sonst?

Die Welt besteht aus Mathematik
Stefan Zwirlein, Mathematiklehrer am E.T.A.-Hoffmann-Gymnasium in Bamberg, sieht das naturgegeben etwas anders: "Mathematik", so sagt er, "umgibt uns. Überall und jederzeit." Ohne Mathe würden wir wahrscheinlich noch in der Steinzeit herumsitzen. Wir hätten kein Dach über dem Kopf, keine Brücke führte über den Fluss. Wir hätten kein Geld, keine einzige noch so primitive Maschine. Noch nicht einmal die Zeitrechnung und die Musik wären erfunden. Geschweige denn das Handy oder der Computer. "Unsere Welt besteht aus Mathematik. Und wer die Welt besser verstehen, wer Zusammenhänge erkennen oder herstellen will, wer klar sehen will, dem hilft die Mathematik." Auch um Ergebnisse einordnen oder bewerten zu können.
Ein Beispiel? "Nehmen wir eine dieser Riesenzahlen, die derzeit durch die Medien geistern", so Zwirlein. Laut Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates, gehen den EU-Staaten jedes Jahr durch Steuerflucht 1 Billion Euro an Einnahmen verloren. (Eine Billion, das ist eine Eins mit zwölf Nullen!) "Für die meisten von uns ist das eine unvorstellbar große Zahl. Weiß man nun, dass in der EU etwa 500 Millionen Einwohner leben, dann könnte sich bereits jeder Fünftklässler ausrechnen, dass das pro Person und Jahr 2000 Euro sind, die am Fiskus vorbeigeschleust werden", so Zwirlein.

Viele Vorbehalte im Elternhaus
Der Fünftklässler könnte, wenn er denn wollte: Aber will er auch? "Prinzipiell sind alle Menschen motiviert, etwas zu lernen. Auch Mathe macht Kindern erst einmal Spaß", meint Zwirlein. Um diesen Spaß zu erhalten, dürften zum einen nicht schon im Elternhaus Vorbehalte geschürt werden ("Ach, das habe ich auch nie verstanden...!"), zum anderen müsse die grundlegende Mathematik möglichst anschaulich vermittelt werden. "Das ist der Job des Lehrers", so Zwirlein. Vor allem bei den Kleinen sei das wichtig. Denn: "Mathematik ist eine Sprache: In der Unterstufe lernt der Schüler die Vokabeln. Ohne sie versteht er in der Mittel- bzw. Oberstufe dann oft nur noch Bahnhof." Habe der Schüler allerdings einmal die Grundrechenarten drauf, so sei Mathe ein Fach, bei dem er selbst mit wenig Aufwand große Erfolge einfahren könne.
Und solche Erfolge ließen sich nicht nur in Noten ablesen: In Mathe lerne der Schüler, wie er an eine Aufgabe strukturiert heranzugehen hat. Dass man komplexe Aufgaben am besten in Einzelschritten bewältigt. Dass man mit Geduld und Spucke zu einer Lösung kommt. Mathematik schule junge Menschen, ein Schema zu erkennen und es dann auf andere Aufgaben zu übertragen. Etwas, das auch in anderen Lebens- und Lernbereichen von Vorteil ist.

Die Kapitänsaufgabe
Die Sache hat nur einen Haken: Wer vor lauter Schemata das selbstständige Denken einstellt, der erlebt unter Umständen sein blaues Wunder. Zwirlein führt die berühmte Kapitänsaufgabe ins Feld: "Auf einem Schiff befinden sich 26 Schafe und 10 Ziegen. Wie alt ist der Kapitän?"
Und? Was meinen Sie? Das kann man gar nicht berechnen? Französische Grundschüler waren da vor 30 Jahren anderer Meinung. Fast alle kamen zu einem Ergebnis, nämlich 36. Sie hatten blind drauf los gerechnet, ohne das Gelesene richtig verstanden zu haben. Von ihnen wurde ein Ergebnis erwartet, sie lieferten eines. Nach Schema F.
Ob das Experiment heute anders ausfallen würde? "Es gibt heute in der Tat mehr Textaufgaben als früher", so Zwirlein. Auch welche mit durchaus "überflüssigen" Angaben. Dadurch erhoffe man sich nicht nur, das Textverständnis der Schüler zu verbessern. Der Schüler solle dadurch auch lernen zu unterscheiden, was relevant ist und was nicht.

Spaß am Beweisen
Aber mal ehrlich: Ist denn die Fähigkeit, Integrale und Stammfunktionen zu berechnen, für unseren Alltag relevant? Wie viel angewandte Mathematik brauche ich wirklich?"Na ja, die höhere Mathematik gehört zur Allgemeinbildung. Man muss einfach mal etwas davon gehört haben", gibt Zwirlein zu. Um aber gleich nachzuschieben: "Wenn ich zum Beispiel eine geschwungene Fläche pflastern will und wissen möchte, wie viele Pflastersteine ich dafür brauche, dann wird man in der Praxis wahrscheinlich eher mit grundlegenden Geometrie-Kenntnissen das Ganze überschlagen. Aber ist es nicht toll, dass man zumindest weiß, dass man so etwas auch exakt ausrechnen könnte? Das macht doch Spaß! Genauso wie etwas beweisen zu können." Mathematiker sind also geborene Rechthaber? "Es sind zumindest Menschen, die sich nie zufrieden geben. Die immer weiterdenken", sagt Zwirlein.

Denkbar einfacher Trick
Und für manche Nicht-Mathematiker sind sie wohl auch moderne Zahlen-Zauberer. Zumindest, wenn wir an unsere dänischen Datteln denken.
Dabei ist der Trick denkbar einfach: Egal, welche Zahl man wählt, mit 9 multipliziert ergibt die Quersumme immer wieder 9. Zieht man die 5 ab, landen demnach alle Spieler automatisch bei 4 - eben bei D wie den doch eher geläufigen Datteln und dem wohlbekannten Dänemark!