Vorneweg ein kleines Rätsel: Aus welchen Gedichten stammen folgende Zeilen? Und wer hat sie verfasst?

1. Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben;
Seine Wort' und Werke
Merkt' ich, und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu' ich Wunder auch.


2. Sein Blick ist
vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden,
dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es
tausend Stäbe gäbe

und hinter
tausend Stäben keine Welt.


3. Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen

Horch, von fern ein
leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!


Alles klar? Dann ist wahrscheinlich die Frage, warum man Gedichte in der Schule durchnimmt, für Sie gar keine Frage. Dann begleiten Sie Gedichte wahrscheinlich, seit Sie "Ottos Mops" von Jandl selbst lesen konnten. Dann haben Sie wahrscheinlich Gedichte durch die erste Liebe und den ersten Liebeskummer geführt. Und vielleicht finden Sie ja, wenn Sie mal ganz hinten im Schubfach Ihres Schreibtischs kramen, eines Ihrer ersten selbst verfassten Werke. Werden Sie nicht rot. Das ist in einem bestimmten Alter völlig normal. Rund 60 Prozent aller Jugendlichen haben schon einmal ein eigenes Gedicht geschrieben, wissen Statistiker.

Schönste Form der Literatur

Astrid van Essenberg, Lehrerin am Clavius-Gymnasium Bamberg, die neben Geschichte und Sozialkunde auch Deutsch unterrichtet, weiß das auch. Wenn sie Gedichte und deren Interpretation auf ihrem Stundenplan stehen hat, stößt sie selten auf Desinteresse. "Gedichte gehören doch einfach zu den schönsten Produkten, die die Literatur hervorbringt!", sagt sie und lacht. "Gedichte berühren uns, sie sprechen in uns etwas an. Ganz ähnlich wie Musik."
Dabei kennt van Essenberg allerdings auch die erste Reaktion von vielen Schülern, wenn sie ihnen ein Gedicht vorträgt: "Oh Gott. Müssen wir das jetzt auswendig lernen?", lautet die. Manchmal heißt ihre Antwort darauf: "Ja." Drei Gedichte pro Schuljahr sollten sich Schüler laut Lehrplan einprägen. So, dass sie sie frei vortragen können. Warum? "Ein Gedicht auswendig zu lernen, heißt nicht nur, auf eine gute Art sein Gedächtnis zu trainieren. Wer es auswendig lernt, muss sich mit dem Gedicht auch ganz besonders intensiv beschäftigen."

Dichter "verdichten"

Die Auseinandersetzung mit der Muttersprache. Ist das ein Hauptgrund dafür, warum Gedichte in der Schule auf dem Lehrplan stehen? Funktioniert das nicht auch mit jeder anderen Textsorte?
"Bei Gedichten wird Sprache als das zur Verfügung stehende Material auf eine besondere Art und Weise benutzt, um eine Wirkung zu erzielen", führt van Essenberg aus. Der Dichter gestaltet kunstvoll mit Sprache einen Inhalt. Er "verdichtet" ihn. Deshalb heißt es ja auch Dichtung. Diese Verdichtung des Inhalts hat allerdings oft ein lang gezogenes "Häh?" im Klassenzimmer zur Folge.

Über die Form zum Inhalt

Wer den Inhalt erfassen will, sollte genau hinschauen, wie verdichtet wurde, sagt van Essenberg. Er müsse das Ganze wieder etwas "entzerren".
Am Anfang nehmen deshalb van Essenbergs Schüler erst einmal die Form unter die Lupe: Wie viel Strophen hat das Gedicht, welchen Versfuß (Jambus, Trochäus, Anapäst oder Daktylus... Sie erinnern sich?), welches Reimschema (aabbcc...).
Dann erst wird interpretiert. Einfach so, frei von der Leber weg? "Schüler müssen natürlich ihre Aussage, warum sie etwas so oder so deuten, immer belegen können", so van Essenberg. Dazu müsse der Schüler den Text einordnen können. "Jedes Gedicht steht schließlich in einem Kontext." In einem zeitlichen Kontext zum Beispiel: Wann hat der Dichter gelebt? In einem biographischen Kontext: Was hat er erlebt? "Die Interpretation muss stimmig sein, der Schüler muss die Zusammenhänge erkennen und die Deutung als solche formulieren können. Das ist eine Transferleistung", so van Essenberg. Dann erst könne der Schüler sagen: Der Dichter könnte damit das oder das gemeint haben, weil...
"Und mal ehrlich, wenn wir unser Leben anschauen: Alles, was ich sehe, lese, erfahre, muss ich im Kontext sehen. Es bedarf einer Einordnung", sagt die Deutschlehrerin. Will heißen: Reiße ich etwas aus dem Zusammenhang, blende ich den Kontext aus, bekomme ich unter Umständen ein falsches Bild. Und ziehe dann eben oft die falschen Schlüsse.

Ein paar sollte man kennen

Ach ja, noch ein Grund, warum Lyrik wohl nicht so schnell vom Lehrplan gestrichen wird, fällt van Essenberg ganz zum Schluss ein: "Ein paar Gedichte sollte man einfach kennen. Das gehört doch wirklich zur Allgemeinbildung!"

Auflösung:
1. "Der Zauberlehrling" von Johann Wolfgang von Goethe, 1827

2. "Der Panther" von Rainer Maria Rilke, 1902

3. "Er ist's" von Eduard Friedrich Mörike, 1820