Anika Wagner ist ein wenig nervös. Sie ist die erste Schülerin, die im realitätsnahen Vorstellungsgespräch der Personalchefin gegenüber sitzt. Biljana Rudic hat diese Rolle in einem Seminarraum in Kloster Banz übernommen. Zuvor hatte sie die Neuntklässler der Staffelsteiner Adam-Riese-Schule darauf hingewiesen, worauf Personalchefs beim Bewerbungsgespräch besonders achten.


Übung hilft gegen Nervosität

Im Lauf des Gesprächs wird Anika sicherer. Die Nervosität weicht. Sie bleibt natürlich, beantwortet deutlich und verständlich die gestellten Fragen. Ihre Mitschüler notieren inzwischen "als beobachtende Personaler" auf einem Beurteilungsbogen, was ihnen auffällt.
"Feedback als Kritik zu sehen, ist sehr schade", hatte ihnen Referentin Biljana Rudic zuvor gesagt, denn aus dem Feedback könne man lernen, wenn man richtig damit umgehe.
Die 14- bis 16-Jährigen achten auf Anikas Sprechtempo und Verständlichkeit, sie beobachten ihre Körperhaltung und Gestik. Freundlichkeit und Körpersprache sind weitere Kriterien.


Was soll ich bloß zum Vorstellungsgespräch anziehen?

"Unsere Intention ist fordern und fördern", sagt Walter Mackert vom Lions-Club Lichtenfels, der das Pilotprojekt mit der Adam-Riese-Schule initiiert hatte. Nachdem ähnliche Seminare mit der Staffelsteiner Realschule schon seit Jahren gut laufen, sollen nun auch die Mittelschüler auf diese Weise gefördert werden.
Dabei werden die Schüler durchaus gefordert. Von Biljana Rudic lernen sie am Vormittag viel über richtiges Zeitmanagement, passende Kleidung und angemessene Ausdrucksweise. Sie erfahren, worauf sie in einem Vorstellungsgespräch gefasst sein sollten.
Etwa auf die ganz einfache Frage, die Biljana Rudic eingangs an Anika stellt: "Warum interessieren Sie sich denn eigentlich für diesen Beruf?" Auf diese vermeintlich leichte Frage, sagt die Trainerin, wüssten junge Leute oft keine Antwort. Nicht so Anika. Sie hat sich vorher überlegt, was ihr wichtig ist. Deshalb kommt sie nicht in Verlegenheit, als Biljana Rudic sie befragt.


Oft nur einsilbige Antworten

Lions-Präsident Günther Deinlein ist selbst Unternehmer. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass die Bewerbungsunterlagen heute meist sehr gut sind. Im Vorstellungsgespräch trenne sich jedoch die Spreu vom Weizen, denn auf die Fragen des potenziellen Arbeitgeber antworten Jobsuchende häufig nur einsilbig.
Genau hier setzen die Lions an, denn sie möchten, dass die Mittelschüler auf dem Arbeitsmarkt reelle Chancen haben. Sie tragen zusammen mit der Seidel-Stiftung die Kosten für das Seminar, wozu auch Speisen und Getränke gehören. Den Schülern möchten sie damit ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen, sagt Walter Mackert.


Aus Fehlern kann man viel lernen

Die Mittelschüler sind an diesem Seminartag konzentriert bei der Sache. In den praktischen Übungen legen sie ihre Nervosität ab und lernen aus ihren Fehlern. Das Konzept der Lions geht offenbar auf, denn die Schüler erkennen ihre Chance, sich bei diesem Gespräch darzustellen, ihre Fähigkeiten und Wünsche ins rechte Licht zu rücken. Walter Mackert: "Das war genau unsere Absicht: Hier muss sich der Bewerber darstellen, das ist seine Chance."


Ein guter Rat: nicht verstellen!

Thomas Meier, Schulleiter des Gymnasiums Burgkunstadt, ist nach Banz gekommen, um sich über das Seminar zu informieren. Er spricht von einer wichtigen Erfahrung, die die Schüler hier sammeln können. Der Ortswechsel vom Klassenzimmer in den Seminarraum der Seidel-Stiftung trage zusätzlich zum Lernerfolg bei. Klassenlehrerin Nicole Hoh unterrichtet die Schüler im Fach AWT (Arbeit, Wirtschaft, Technik). Sie ist dankbar für die Initiative der Lions. Walter Mackert trägt mit seiner heiteren Wesensart zur angenehmen Atmosphäre im Seminarraum bei. Ein Tipp, den er den Schülern gibt: "Wir alle sind Franken. Wir können Hochdeutsch reden, aber man hört's uns an."


Natürlichkeit kommt gut an

Und was sagen die Mitschüler zu Anikas Vorstellungsgespräch? Sie sind kritisch, weisen auf kleine Fehler hin. Sie loben ihre offene Art und ihr authentisches Rüberkommen. Besonders die natürliche Art, mit der sie die Fragen beantwortete, überzeugte die Ausbilder und Mitschüler. Genau richtig! Keine auswendig gelernten Sätze und vorgefertigten Formeln verwenden!