Smartphones wandern aus der Jackentasche in die Hände, um Videos zu machen. Touristen bleiben erstaunt stehen, der Samstagsbummel muss mal etwas warten: Bei 13 Grad und strahlendem Sonnenschein - Mitte Februar wohlgemerkt - setzen sich mehr als 1000 Menschen (die Polizei berichtet von 1000, einzelne Teilnehmer schätzen bis zu 1500) vom Bamberger Bahnhof in Bewegung, um dem Klimawandel den Kampf anzusagen und diese Nachricht bis ins Herz der Stadt zu tragen.

Wenn es tatsächlich einen Wettergott geben sollte, dann hat er auf jeden Fall Sinn für schrägen Humor. Unter dem Titel "Nicht mit uns! Klimademo für Menschen allen Alters" stehen an diesem Nachmittag nicht nur die Schülerinnen und Schüler auf der Straße, die schon am 1. Februar mit "Fridays for Future" auf den aus ihrer Sicht unzureichenden Zustand der deutschen Klimapolitik hingewiesen haben. Diesmal sind auch die Erwachsenen samt Organisationen und Parteien eingeladen, die sich für den Klimaschutz erwärmen können. Angelehnt an die frühe Anti-Atomkraft-Bewegung in der Bundesrepublik rufen die Demonstranten "Wehrt euch, leistet Widerstand! Gegen die Braunkohle hier im Land!" Dabei ist der Kohleausstieg nur ein Thema von vielen, das zur Sprache kommt.

Klima als Fluchtursache

"Schon vor dem Bürgerkrieg hatten viele Menschen in meiner Heimat mit der extremen Hitze von mehr als 50 Grad zu kämpfen." Ibo Muhamed, der für die Gruppe "Change.e.V." ans Mikro tritt, weiß, wovon er spricht. Er ist aus Syrien nach Deutschland geflohen und beschreibt das Leid der Landbevölkerung, die mit dem Klimawandel hart zu kämpfen hat. Nicht zuletzt da immer mehr Ernteausfälle durch Wassermangel entstehen, werde der Klimawandel bis zum Ende des Jahrhunderts mehr Menschen zur Flucht zwingen als jeder andere Konflikt. "Wir müssen Fluchtursachen endlich richtig bekämpfen. Klimapolitik ist Friedenspolitik", ruft er den Demoteilnehmern zu, die seinen Redebeitrag lautstark beklatschen. "Ihr habt uns wieder zurück auf diese Spielwiese geholt und dafür möchte ich mich bei euch bedanken", findet Ilona Munique, die den Aktionskreis für das Bürgerbegehren Artenvielfalt geleitet hat.

Großen Applaus erntet auch die Grünen- Bundestagsabgeordnete Lisa Badum: "Ihr habt ein Recht darauf, in den kommenden Jahrzehnten Lebensgrundlagen vorzufinden", sagt sie an die zahlreichen Schülerinnen und Schüler gewandt. Es sei wichtig, in den nächsten Wochen und Monaten weiter auf die Straße zu gehen, um sich Gehör zu verschaffen.

Mit praktischen Ratschlägen wendet sich Christian Hader an die Verantwortlichen im Bamberger Rathaus: "Wir haben zu viel Blech in den Straßen. Es muss endlich vorangehen mit den Maßnahmen des Radentscheides, damit wir umweltfreundlicher unterwegs sind!" Da müsse man auch "dem Auto, der heiligen Kuh der Deutschen," etwas Platz wegnehmen, um eine ordentliche Infrastruktur an den Tag zu legen, findet Hader.

Greta Thunberg veränderte Leben

"Wenn wir von ordentlicher Klimapolitik reden, dann müssen wir auch den Lobbyismus bekämpfen", betont dagegen Paul Lehmann von der Linkspartei. Alle großen Parteien in Deutschland - außer der Linken - würden sich abhängig von Großspendern und deren Interessen machen. Und somit die Klimawende ausbremsen. Zudem stellt sich Lehmann die Frage: "Kann im Kapitalismus überhaupt ein anständiger Klimaschutz passieren?"

Gefühl der Hilflosigkeit

Politische Konzepte und Ideen hin oder her: Für die jungen Leute kommt die Solidarität offenbar im richtigen Moment. "Ich fühlte mich lange Zeit hilflos im Anblick der Klimapolitik, der Naturkatastrophen und dass ich selbst daran nichts ändern konnte", erzählt der 13-jährige Fritz Kundtner den aufmerksamen Zuhörern auf dem Maxplatz. Und dann sei Greta Thunberg - die schwedische Klimaaktivistin, welche die Schulstreiks ins Leben rief - aufgetreten und habe die Welt verändert. "Und jetzt stehen wir hier mit 1500 Menschen und ich fühle mich nicht mehr hilflos", ruft der Schüler, welcher von Anfang an mitorganisiert, mit großer Freude ins Mikrofon. Die Menge klatscht begeistert.

Wie viele Schüler tatsächlich an diesem Samstag dabei waren, ist schwer zu bestimmen. Die Polizei schätzt insgesamt circa 1000 Teilnehmer und zieht eine positive Bilanz, "da es im gesamten Verlauf der Versammlung friedlich blieb und es zu keinerlei Zwischenfällen kam".

"Gut, dass so viele Schüler dabei waren"

Für Alina Utzmann hat sich die Demo auf jeden Fall gelohnt: "Ich finde es gut, dass so viele Schüler mit dabei waren und auch die Stimmung super war." Ihre Freundin Elena Dietrich meint: "Es ist so schön, dass wir auch die Erwachsenen erreichen konnten!" Und ihre Mitschülerin Selale Schwertheim ergänzt lachend: "Das war so cool, dass auch die Eltern bei den Demo-Sprüchen voll dabei waren!" Die drei gehen in die zehnte Klasse auf dem Eichendorff Gymnasium. Allein von ihrer Schule seien gut 50 Schulkinder und eine Handvoll Lehrer am Start gewesen. Und wenn es das nächste Mal am Freitag, den 15. März, auf die Straße geht, dann habe niemand Angst, wenn die Schulen ernst machen und Verweise aussprechen. Die landeten dann "allerhöchstens eingerahmt an der Wand".