Montagmorgen, 11.45 Uhr: Pressekonferenz in der Lorenz-Kaim-Schule. Im Hintergrund hängt die Flagge des Freistaats. Am Rednerpult ist ein Schild angebracht mit der Aufschrift „Bayerischer Landtag“. Es zeigt das Maximilianeum. Am Nachmittag werden dort die Redner der einzelnen Parteien vor das Plenum treten und ihre Beschlussempfehlungen vorstellen. Es geht um ein heikles Thema aus dem Bereich Innere Sicherheit, nämlich Videoüberwachung in bayerischen Innenstädten. Nach der Stellungnahme der einzelnen Fraktionen sowie Abstimmung über Änderungsanträge und die Beschlussempfehlung, soll am Nachmittag ein neues Gesetz beschlossen werden. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Statt Anzug Jeans

Gerade geben die Pressesprecher ihre jeweilige Meinung zum von der CSU eingebrachten Gesetzesentwurf kund.
Pressesprecher der CSU ist Lorenzo von Matterhorn, der nicht unbedingt dem konservativen Image der Partei entspricht und recht
unorthodox daherkommt. Statt Anzug trägt er Jeans. Statt polierter Schuhe Turnschuhe. Knöpfe zieren seine Ohren. Des Rätsels Lösung: Lorenzo von Matterhorn heißt im wirklichen Leben Patrick Buß, seines Zeichens Auszubildender für den Beruf des Kinderpflegers und Schüler an der staatlichen Berufsfachschule.
Seine Klasse sowie angehende Mechatroniker und Industriemechaniker als auch Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik durften in der zum Plenarsaal umfunktionierten Aula parlamentarische Demokratie spielend erfahren. Begleitet wurden sie dabei von der pädagogischen Betreuung des Bayerischen Landtags sowie von Fachkräften des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP).

Verfahren "zu kompliziert"

Patrick Buß hat sich bislang nicht besonders für Politik interessiert. Er wusste auch nicht genau, wie ein Gesetzgebungsverfahren konkret abläuft. „Ich verfolge schon die Nachrichten, was halt im Fernsehen kommt oder in den Zeitungen steht. Bei einer Partei bin ich aber nicht. Ich habe auch von einigen Politikern nicht unbedingt die beste Meinung“, gibt er zu. Zu seiner Funktion als Pressesprecher kam er freiwillig. „Außer mir gab es keinen weiteren Bewerber. Ich habe mich freiwillig zur Verfügung gestellt, weil mir das einfach liegt und ich gut reden kann“, erklärt der 25-Jährige. Wie aufwendig und langwierig es ist, bis ein Gesetz zu Stande kommt, habe er vorher nicht geahnt. „Ich bin der Meinung, dass das ganze Verfahren zu kompliziert ist. Bestimmte Ausschüsse könnte man sich sparen – wie die mitberatenden Ausschüsse, wenn dann eh nur der federführende Ausschuss entscheidet. Außerdem finde ich, dass zu lange debattiert wird. Die Parteien sollten gleich vernünftig miteinander reden. Dann  könnten sie mehr erreichen“, meint er.

Planspiel mit Spaßfaktor

Patrick Buß sieht sich anch dem Planspiel in seiner Meinung über Politiker eher bestätigt. Auch das Interesse an der Politik sei bei ihm nicht größer geworden. Dennoch erachte er das Planspiel als gute Sache. „Es war sehr interessant zu erfahren, wie Landespolitik gemacht wird. Es hat Spaß gemacht, und gelernt hat man auch einiges dabei“, resümiert er.
Laut Bettina Reiter von der CAP ist die Kronacher Berufsschule als eine von zahlreichen Bewerbern für das Planspiel ausgewählt worden. Ziele seien, den Jugendlichen dadurch zu vermitteln, wie parlamentarische Arbeit in der Praxis funktioniert und Interesse für die Politik zu wecken.  So sehen es auch Schulleiter Rudolf Schirmer und die Organisatorin, Oberstudienrätin Ursula Lieb. Wie die beiden ausführen, möchte man die jungen Leute motivieren, sich mehr für Politik und politische Vorgänge zu interessieren.

Neue Identität

Zu Beginn der Veranstaltung hatten die Nachwuchspolitiker ihre neue Identität erfahren, die sie im Landtag einnehmen sollten. Nach der ersten Sitzung wurden Ausschüsse gebildet, in denen Änderungen der Gesetzesvorlage besprochen und ausgearbeitet wurden. Als Räume für die Ausschuss- beziehungsweise Fraktionssitzungen dienten verschiedene Klassenzimmer. Auch wurden Schüler für das Presseteam eingeteilt. Dieses hatten die Aufgabe, den Fortgang des Gesetzesentwurfes durch alle Instanzen zu begleiten.
Anwesend im „Kronacher Maximilianeum“ waren auch zwei „echte“ Gremiumsmitglieder: MdL Andreas König (CSU) sowie MdL Christa Steiger (SPD), die sich Zeit für die Fragen der jungen Parlamentarier nahmen.
Und der Gesetzesentwurf? Der wird wohl letzten Endes noch beschlossen, jedoch in abgewandelter Form, vermutet Patrick Buß. Demzufolge würden an 250 Orten in Bayern auf öffentlichen Marktplätzen und in belebten Innenstadtbereichen mit überdurchschnittlicher Kriminalitätsbelastung Video-Überwachungssysteme angebracht.     

Autorin: Heike Schülein


Planspiel
Angebot Das Planspiel „Der Landtag sind wir!“ wird im Rahmen des pädagogischen Angebots des Bayerischen Landtags an den Schulen vor Ort durchgeführt.  

Entwicklung Entwickelt wurde das Planspiel 2006 im Auftrag des Bayerischen Landtags vom Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) der LMU München.

Anzahl Etwa 70 Planspiele finden seitdem jährlich in ganz Bayern statt.