von unserem Redaktionsmitglied 
Brigitte Löffler

Cadolzburg — Was in seinem Kopf passiert, wenn er Zahlen sieht, weiß er gar nicht so genau. Fakt ist, dass sie ihm eine Welt eröffnen, in der sich die meisten Menschen nicht mal annähernd so gut auskennen wie er. Auch heute ist das so: Auf dem runden Esszimmertisch in einem schmucken Wohnhaus in Cadolzburg bei Nürnberg liegen sechs Kärtchen - blaue, rote, grüne. Auf den kleinen Pappquadraten befinden sich Zahlen. Immer jeweils 29 Stück. Scheinbar wahllos, ohne System. Martin setzt sich an den Tisch und greift zu. Binnen Sekunden hat er die Kärtchen geordnet.

Kartentrick "ganz einfach"

"Den Trick kenne ich schon", sagt der Rotschopf. Und schiebt das Spielchen zurück in die Tischmitte.
Martin Drees weiß genau, warum man mit Hilfe dieser Kärtchen das Alter eines Menschen errechnen kann, den man nicht kennt. Und der zuvor aus diesen Kärtchen die herausgesucht hat, auf denen unter den 29 Zahlen sein Alter angegeben ist. "Das ist ganz einfach", sagt Martin. "Das hat etwas mit dem Dualsystem zu tun." Sein prüfender Blick richtet sich auf sein Gegenüber. Gibt es da eine Reaktion? Ist da dieses Blitzen in den Augen des Anderen, das ihm, dem Kopfrechen-Weltmeister, signalisiert, dass da einer sitzt, der versteht?

Der Daumen hat die Eins...

Martin schnauft ein bisschen. "Man kann ja auch mit zwei Händen bis 1023 zählen", startet er einen ersten Erklärungsversuch. Noch ein prüfender Blick. "Nehmen wir mal nur eine Hand. Dann geht es bis 31. Der Daumen hat die Eins, der Zeigefinger die Zwei, der Mittelfinger die Vier, der Ringfinger die Acht und der kleine Finger die 16." Soweit, so gut. Dann zucken Martins Finger in die Höhe. Erst der Daumen. "1", beginnt Martin. Dann der Zeigefinger: "2." Dann Daumen und Zeigefinger: "Drei." Dann nur der Mittelfinger. "Vier." Jetzt kommt zum Mittelfinger wieder der Daumen. "Fünf." Martin ist nach kurzer Zeit und mächtig viel Fingergymnastik bei 31 angelangt. Alle fünf Finger sind ausgestreckt. "So arbeiten die Computer", sagt er.

11111 bedeutet dann 31

Martin hat gerade versucht, das Binärsystem zu erklären. Anhand von angewinkelten (= 0) und gestreckten Fingern (= 1). Die höchste Zahl, die man mit 5 Fingern binär darstellen kann, ist also 11111 (31). Martin Drees lehnt sich zurück. "Soll ich es nochmal machen?"
Martin rechnet seit seinem vierten Lebensjahr. Damals, so erzählt er, hat er den Taschenrechner seines Vaters entdeckt und gefragt, was das Häkchen darauf bedeutet. "Ich habe dann alles mögliche ausprobiert." In der ersten Klasse konnte er bereits den gesamten Mathematik-Stoff der Grundschule. In der Zweiten besuchte er im Mathe-Unterricht die Vierte. Oft genug stand er als Lehrer an der Tafel und erklärte seinen Mitschülern, wie man addiert, subtrahiert, multipliziert. Und dass das mit den Brüchen doch so simpel sei. "Nö, blöd fanden die das nicht", erinnert er sich. Noch heute hat er Freunde aus seiner Grundschulzeit. Inzwischen besucht er die Hochbegabten-Klasse eines Nürnberger Gymnasiums, spielt mit einem rumänischen Großmeister online Schach, treibt Sport ("Schwimmen und Tischtennis"), und er spielt Klavier: Heute gibt es für die Besucher Beethoven. "Für Elise" erklingt. Martin spielt auswendig. "Er kann sich eben prinzipiell alle Dinge gut merken", sagt seine Mutter Birgit.

Ein halbe Stunde pro Woche

Seine Merkfähigkeit kommt ihm auch beim Wurzelziehen zugute - eine Disziplin, die ebenfalls bei der Kopfrechenweltmeisterschaft in Münster Ende Oktober abgefragt wird. Unter anderem. Martin musste sich dort auch in Primfaktorenzerlegung, in Währungs- oder Kalenderberechnung mit 20 anderen Kindern seiner Altersklasse messen. Kein Problem für ihn. Martin hat Spaß daran. Vielleicht auch deswegen, weil er nicht viel üben muss. "Eine halbe Stunde in der Woche oder so", sagt er und zuckt mit den Schultern. Er weiß, dass ihm vieles zufliegt.
Aufregung oder die Angst, bei so einem Wettbewerb zu versagen, kennt er nicht. Warum auch. Er verrechnet sich fast nie. Nur einmal. In einem Interview mit Bayern 3 hat er daneben gelegen. "Das war aber auch in aller Frühe. Um 6.20 Uhr. Und ich war im Stress, weil ich nicht zu spät in die Schule kommen wollte." Richtig geärgert hat er sich darüber nicht. Etwas mehr gewurmt hat ihn da schon eine Schulnote. "In der Fünften hatte ich mal eine Zwei in einer Mathe-Probe. Aber das lag an einer völlig missverständlichen Aufgabenstellung des Lehrers."
Martin Drees schnauft noch einmal. Und greift wieder zu den Kärtchen. Aufs Erzählen, dazu hat er einfach keine Lust mehr. Zu oft wurden ihm schon die gleichen Fragen gestellt, seit er Weltmeister geworden ist. Und Langeweile - das ist etwas, das Martin Drees überhaupt nicht haben kann.

Quadrieren statt Schäfchenzählen

Gut. Rechnen geht immer: Was ist die Wurzel aus 82 369? "287." Rechenzeit: Drei Sekunden. "Das war zu einfach", sagt der 13-Jährige, der bis 100 alle Quadratzahlen im Kopf abgespeichert hat. Die hat er vor eineinhalb Jahren gelernt. Immer dann, wenn er im Bett lag und mal nicht einschlafen konnte. Für Martin wird Wurzelziehen eigentlich auch erst so richtig spannend, wenn das Ergebnis fünfstellig ist - und nicht der Radikant, also die Ausgangszahl.
Und wie funktioniert nun das mit den Kärtchen? Martin grinst. So etwas in der Art sei mal in seinem Zauberkasten drin gewesen. Und welcher Zauberer würde schon freiwillig seine Tricks verraten?




So geht's leichter

Zugegeben: Wurzelziehen ist für die meisten nicht unbedingt eine Alltagsaufgabe. Aber Addieren im Supermarkt schon! Wären da nicht immer diese blöden Preise: Die Kekse kosten 1,89. Die Bio-Milch 89 Cent. Und das Netz Mandarinen 1,59. Macht zusammen? So funktioniert's ganz ohne Taschenrechner und Hirnverrenkung: Rechnen Sie mit Zehn-Cent-Einheiten.
Also: Die Kekse kosten 19 Einheiten, die Milch 9 und die Mandarinen 16. Ergibt 44. Setzen Sie ein Komma und ziehen Sie 3 Cent ab. Macht 4,37.