SOMMERACH

Zwischen Winzern, Wein und Weißbier

Zum 32. Mal nahm die Winzergruppe aus Sommerach am Einzug auf die Wiesn in München teil. Unter ihnen eine Nordrhein-Westfälin, die ihre Eindrücke schildert.
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Gute Stimmung zur Eröffnung des Oktoberfestes in Kufflers Weinzelt, in dem auch die Sommeracher Winzer zu Gast waren. Foto: Fotos: Svenja Kloos
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Meine Jacke ist klamm vom Regen, Wassertropfen laufen meine Wangen herunter. Patschnass laufe ich die Schwanthalerstraße in München entlang – im Dirndl, ohne Schirm und Kapuze, obwohl es nicht aufhört zu nieseln.

Neben mir geht der 16-jährige Marius, hält ein Schild mit der Aufschrift „Kufflers Weinzelt“ hoch über seinen Kopf. „Dieser Tag ist einfach etwas Besonderes, das will man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Egal bei welchem Wetter“, sagt er lachend und winkt weiter den Zuschauern am Straßenrand und auf den Balkonen zu. Auch ich höre trotz Nässe und Kälte nicht auf zu strahlen – und kann immer noch nicht glauben, dass ich mittendrin bin: im Festzug der Wirte und Brauereien zum Auftakt des Oktoberfestes am Samstag in München.

Marius und ich führen die Winzergruppe aus Sommerach an, die in diesem Jahr zum 32. Mal am Einzug teilnimmt – für mich als gebürtige Nordrhein-Westfälin, die erst seit wenigen Wochen in Franken lebt, ein ganz besonderes Erlebnis. Zum ersten Mal auf dem größten Volksfest

„Das ist wirklich die härteste Wiesn, die ich je erlebt habe.“
Rupert Weickert, Sommerach, bei seinem 32. Wirte-Einzug

der Welt, direkt beim Einzug der Wiesnwirte dabei. Ich weiß nicht, wo ich zuerst hinschauen soll, staune, dass einige Zuschauer die Sommeracher regelrecht erwarten. „Da sind sie ja, die Franken“, höre ich etwa einen Mann mit einem überdimensionierten Schirm in der Hand rufen. Ein paar Meter weiter jubelt eine junge Frau „Sommerach!“ und streckt den Winzern erwartungsvoll ihr Glas entgegen.

Dennoch entgeht mir der eine oder andere fragende Blick nicht: Was hat eine Winzergruppe, obendrein eine fränkische, zwischen all den prunkvollen und mit Blumen geschmückten Wagen der Münchener Brauereien verloren?

Nun, neben den Bierzelten gibt es auf dem Oktoberfest immer auch ein Weinzelt. Die Nymphenburger Sektkellerei, die es damals betrieb, war 1984 auf der Suche nach einer Winzergruppe aus Franken und rief folglich beim Fränkischen Weinbauverband an. Ans Telefon ging der heutige Bürgermeister von Sommerach, Elmar Henke.

„Natürlich haben wir sofort ein paar Leute zusammengetrommelt“, berichtet er. Ein übergroßer Bocksbeutel wurde auf einen Holzwagen gebaut und seitdem bei jedem Zug von einem Winzer die sechs Kilometer lange Strecke durch die Straßen Münchens, vom Max-Joseph-Platz bis zur Theresienwiese, gezogen.

Während die Teilnahme am Einzug für viele Sommeracher also bereits zur Tradition geworden ist, feiert Weinprinzessin Isabel Gerbig in diesem Jahr ihre Premiere. „Das Oktoberfest ist auf jeden Fall ein Höhepunkt meines Amtes“, sagt sie und darf dann auch gleich mit auf die Bühne. Denn seit einem Jahrzehnt eröffnen Elmar Henke und Wirtin Doris Kuffler parallel zum Fassanstich des Münchner Oberbürgermeisters das bunte Treiben im Weinzelt – mit einem Fünf-Liter-Glas stoßen sie auf friedliche Wiesn an. Im Festzelt bricht frenetischer Jubel aus; ich sehe zu, dass ich Henke und die Weinprinzessin nach ihrem Auftritt nicht im Gedränge verliere, mit ihnen zu unserer fröhlichen Gruppe zurückfinde.

So einen Ansturm auf die Plätze habe es vor dreißig Jahren nicht gegeben. „Da war das Weinzelt gar nicht gut besucht“, erinnert sich der Bürgermeister.

Beim anschließenden Mittagessen – zu dem erstaunlich oft Weißbier statt Wein getrunken wird – prasselt der Regen noch immer an die Scheiben und auf die Dächer der Festzelte. Entsprechend ist draußen auf dem Platz nur wenig los. „Das ist wirklich die härteste Wiesn, die ich je erlebt habe“, sagt Rupert Weickert und schaut aus dem Fenster. Er hat bislang keinen Einzug verpasst, gratuliert mir zu meiner bestandenen Feuertaufe.

Die anderen Winzer nehmen es ebenfalls gelassen: Als alle abends im Bus zurück in die Heimat fahren, höre ich nur Stimmen wie „interessant war?s“, „feucht“, „anders“ und „trotzdem schön“. Nur von hinten murmelt jemand: „Aber einen Schnaps könnt‘ ich jetzt schon gebrauchen.“

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